Taipeh  Besuch in Taiwan vor der Schicksalswahl: Wie die Bewohner für den Kriegsfall proben

Maria Lentz
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Von Maria Lentz
| 12.01.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Anhänger des taiwanesischen Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten William Lai der Demokratischen Fortschrittspartei jubeln ihm während einer Wahlkampfveranstaltung zu. Am 13. Januar entscheidet Taiwan über seine Zukunft. Foto: dpa/AP/ChiangYing-ying
Anhänger des taiwanesischen Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten William Lai der Demokratischen Fortschrittspartei jubeln ihm während einer Wahlkampfveranstaltung zu. Am 13. Januar entscheidet Taiwan über seine Zukunft. Foto: dpa/AP/ChiangYing-ying
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Taiwan wählt – und entscheidet damit, ob es sich China wieder annähert oder sich der Konflikt mit Peking verschärft. Doch ist das, was die Politik beschäftigt, auch das, was die Menschen in dem Inselstaat bewegt? Ein Besuch vor Ort.

„Team Taiwan!“, mit diesem Slogan will die regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) die Menschen bei einer ihrer größten Wahlveranstaltungen in der Hauptstadt Taipeh mitreißen. Auch Tsai Ing-wen ist da. Als die amtierende Präsidentin Taiwans die Bühne betritt, schwenkt die jubelnde Menge grüne und pinke Fahnen. „Wählen Sie die richtige Person und gehen Sie den richtigen Weg“, ist ihr Appell. Gemeint ist damit, für ihren bisherigen Vize und Präsidentschaftskandidaten Lai Ching-te, bekannt als William Lai, zu stimmen.

Die DPP steht für die Unabhängigkeit von der Volksrepublik China. Die größte Konkurrenz, die Kuomintang (KMT), gilt als chinafreundlicher. Sie ist nicht „Team Taiwan“, wie die regierende Partei suggeriert. Was dem Wahlkampf, der mit der Abstimmung an diesem Samstag sein Ende findet, zugrunde liegt? Der schwelende Konflikt mit China und seine Drohung, die Insel zu vereinnahmen – zur Not auch mit Gewalt. Welche Folgen der Wahlausgang am Wochenende möglicherweise hat? Ungewiss.

Bei aktuellen Umfragen – zehn Tage vor der Wahl am 13. Januar – lag die DPP knapp in Führung. Sie kam laut einer Erhebung der Zeitung „United Daily News“ auf 32 Prozent. Lais Konkurrent Hou Yu-ih von der konservativen Kuomintang (KMT) erreichte demnach 27 Prozent. Als dritte Partei spielt die erst 2019 gegründete Taiwanischen Volkspartei (TPP) mit ihrem Kandidaten Ko Wen-je eine Rolle. Sie lag in der Umfrage bei 21 Prozent.

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Chris wird DPP wählen. Er ist 33 Jahre alt, arbeitet als Journalist und lebt in Taipeh. Seine Eltern kamen als Kinder aus China nach Taiwan, sind pro KMT. Eine Generationenfrage? Womöglich eher eine Identitätsfrage. „Wir sind Taiwaner“, betont der 27-jährige Jona – und auch seine Eltern. „Sie hassen China.“ Es könne keine Annäherung an die Volksrepublik geben, wie sie die KMT anstrebt, wenn sie die Insel für sich beansprucht, meint er.

Taiwans Außenminister Joseph Wu weiß, dass die militärische Bedrohung Chinas in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Bislang sehe man allerdings noch keine konkrete militärische Vorbereitung für einen Angriff auf den Inselstaat. Peking gehe anders vor: „Es will einen hybriden Krieg gegen uns führen.“ Die chinesische Armee orientiere sich an der Theorie alter Militärphilosophen. „Hier ist das oberste Prinzip, den Feind ohne den Einsatz von Gewalt zu vernichten. Das ist das, was China im Moment versucht“, erklärt Wu im Gespräch mit unserer Redaktion.

Taiwan sei weltweit das Hauptziel Nummer 1 von Cyberangriffen. „Unseren Berechnungen zufolge gab es in den vergangenen Monaten 15.000 Angriffe – pro Sekunde“, sagt der Außenminister. Ziele seien vor allem Regierungseinrichtungen, kritische Infrastrukturen, Krankenhäuser und Banken.

Auch von Desinformationskampagnen sei Taiwan am stärksten betroffen, wie Studien belegen. „Zweck dieser Kampagnen ist es, die Gesellschaft zu spalten und Misstrauen gegenüber der Öffentlichkeit und der Regierung zu schaffen. Es wird versucht, die Grundlagen der Demokratie zu untergraben“, so Wu.

Die Taktik gehe derzeit jedoch – noch – nicht auf: „Wenn Sie mit den Menschen hier sprechen, werden Sie feststellen, dass sie ein normales Leben führen. Auch die Geschäftsleute sind ruhig. Sie investieren sogar mehr in Taiwan, vor allem ausländische Investoren.“

Chris und Jona bestätigen diese Aussage. Denn auch, wenn sie China als Gefahr sehen, so beherrscht das Thema nicht ihren Alltag. „Manchmal machen wir sogar Witze darüber. Dann hören wir auf, daran zu denken“, sagt Chris und fügt hinzu: „Ich muss mich zuerst auf mein Leben konzentrieren, nicht auf den China-Konflikt.“ Denn es gebe andere Probleme, die greifbarer seien: Die hohen Immobilienpreise zum Beispiel – und einen guten Job zu finden.

Dennoch sind beide Männer der Überzeugung, dass sich Taiwan vorbereiten muss. Seit dem Frühjahr 2023 sind in den Straßen Luftschutzbunker ausgeschildert, die Wehrpflicht wurde von vier auf zwölf Monate verlängert, das Militär rüstet auf. Doch das reiche längst nicht aus: „Wir müssen lernen, wie wir uns im Kriegsfall gegenseitig helfen“, betont Chris.

Eine zivile Organisation, die sich diese Aufgabe auf die Fahne geschrieben hat, ist die sogenannte Kuma Academy – getreu dem Motto: „Si vis pacem, para bellum“ (dt.: Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor). So zumindest steht es auf den Flyern.

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An einem Samstagnachmittag sind rund 45 Menschen im zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes einer schmalen Seitenstraße zusammengekommen, um sich schulen zu lassen. Zum einen lernen sie, wie man einen Druckverband anlegt, eine Blutung am Bein abschnürt und Verletzte wegtransportiert. Aber auch, wie man Falschmeldungen erkennt, wo Feinde auf ihrer Insel landen können, wie man sich auf eine Evakuierung vorbereitet und selbst verteidigt. Zudem steht (geo)politische Bildung auf dem Programm.

Etwas überraschend: Es sind überwiegend junge Leute anwesend. Machen sie sich nicht generell weniger Sorgen um die Bedrohung aus China? „Ja, wir denken nicht täglich daran“, sagt der 35-jährige Nate. Aber: „Auch wenn hier niemand einen Krieg will, sehen wir in Zukunft einem möglichen Krieg entgegen.“ Einen Kurs wie diesen zu machen, hält er für die beste Vorbereitung.

So geht es offenbar vielen Taiwanern. Rund 20 Basiskurse finden pro Monat statt, wie Carlo Wu, der sie unter anderem leitet, erzählt. Meist seien sie weit im Voraus ausgebucht. 12.000 Leute – darunter viele Frauen – habe Kuma seit seiner Gründung vor zwei Jahren geschult. Wer möchte, könne im Anschluss auch einen Fortgeschrittenenkurs machen.

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Ob es die Kuma Academy unter einer KMT-Regierung noch geben würde? „Wir haben mit der Regierung nichts zu tun, aber die Kuomintang greifen uns eher in unserer Arbeit an“, sagt Carlo. Wer zu Kuma komme, komme aus seiner Pro-Taiwan-Einstellung heraus. Und hier ist er wieder, der Slogan „Team Taiwan“. Ob sich die Mehrheit der Taiwaner am Ende dafür entscheidet, wird sich am Samstag zeigen.

Der Text entstand im Zuge einer Recherchereise des Journalists Network e.V., an der unsere Autorin teilgenommen hat.

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