Kosten explodieren  Reiter und Züchter fordern maßvolle Tierarztgebühren

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 09.01.2024 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hanna Ligmann ist froh, dass ihr Pferd im Moment fit und gesund ist. Die Tierarztkosten haben sich sei Einführung der neuen Gebührenordnung Ende 2022 vervielfacht. Foto: Gettkowski
Hanna Ligmann ist froh, dass ihr Pferd im Moment fit und gesund ist. Die Tierarztkosten haben sich sei Einführung der neuen Gebührenordnung Ende 2022 vervielfacht. Foto: Gettkowski
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Seit die neue Gebührenordnung für Tierärzte in Kraft getreten ist, sind die Behandlungskosten für viele Pferdehalter kaum noch bezahlbar. Die Reiterliche Vereinigung hat eine Protestaktion initiiert.

Ostfriesland - Beim Öffnen der Tierarztrechnung erleben viele Pferdebesitzer einen Schock. Seitdem im November 2022 die neue Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) in Kraft getreten ist, haben sich die Behandlungskosten oft mehr als verdoppelt. Mit einer groß angelegten Aktion „GOT – so nicht“ will die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) gemeinsam mit 58 Pferdezucht- und Pferdesportverbänden auf das Problem aufmerksam machen. Die Reiter und Züchter fordern eine Überarbeitung der Gebührenordnung. Auch im Rheiderland werden Unterschriften gesammelt. Die Petition läuft bis zum 30. Januar 2024 und soll dann an den für die GOT zuständigen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir übergeben werden.

Die FN und die Unterstützer der Aktion wenden sich mit der Aktion „GOT – so nicht“ nicht gegen die Tierärzte selbst oder generell gegen eine Gebührenerhöhung. „Die Arbeit der Tierärzte und ihrer Angestellten muss angemessen entlohnt werden“, wird FN-Generalsekretär Sönke Lauterbauch auf der Internet-Seite des Verbandes zitiert. Erhöhungen um 20 bis 30 Prozent wären in seinen Augen nachvollziehbar und maßvoll gewesen. In der Realität haben sich Rechnungen aber oft mehr als verdoppelt. „Uns liegen Rechnungen vor, die die drastischen Preiserhöhungen belegen“, sagt Lauterbach und bringt ein Beispiel: „Die Kosten für eine Kolik-Untersuchung sind von 350 auf 900 Euro gestiegen.“ Eine Kolik-Operation in der Klinik sei mit 12.000 Euro doppelt so teuer wie vor der Einführung der neuen GOT. Das könnten sich viele Pferdebesitzer nicht mehr leisten.

Auswirkungen auf Turniere

Sander Lübbers, 1. Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Rheiderland und Umgebung, sieht das ähnlich. „Die neue GOT geht zu Lasten des Tierschutzes“, sagt er. Behandlungen an Sonn- und Feiertagen sowie in der Nacht würden durch die hohe Besuchsgebühr besonders zu Buche schlagen. „Viele Pferdehalter werden die Behandlungen herauszögern. Das Pferd muss leiden. Das ist nicht tierwohlgerecht.“ Die neue GOT werde nach seinen Worten auch Auswirkungen auf den Vereinssport haben. „Bei ländlichen Turnieren in der Vielseitigkeit muss ein Tierarzt vor Ort sein“, so Lübbers. Auf die hohen Kosten würden die Vereine mit höheren Startgeldern reagieren. „Viele werden nachrechnen, ob sich die Ausrichtung eines Turniers überhaupt noch lohnt.“

Heiko Koolmann, 1. Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Tammingaburg, teilt die Sorgen seines Rheiderländer Kollegens. „Dass die Gebühren angehoben werden mussten, ist unstrittig“, so Koolmann. Das Ausmaß der Erhöhung hält er aber für „unverhältnismäßig und überzogen“. „Wenn ein Tierarzt zu uns nach Tammingaburg kommt und fünf Pferde behandelt, kann ich nicht nachvollziehen, warum für fünf Pferde eine Besuchsgebühr in Rechnung gestellt wird.“ Die frühere Regelung, die Fahrtkosten anteilig auf die fünf Pferdebesitzer zu verteilen, sei fairer.

Niederländische Tierärzte gefragt

Silke Smidt-Ligmann betreibt mit ihrer Schwester Alice und ihren Eltern Anna und Albert Smidt einen Reitstall in Bingum. Auch der Familienbetrieb spürt die Auswirkungen der neuen GOT. „Wir haben mehr als 30 Ponys im Schulbetrieb, die regelmäßig geimpft werden müssen“, sagt sie. Die Kosten hierfür seien immens gestiegen. In der Folge seien die Gebühren für den Reitunterricht Anfang 2023 um drei Euro angehoben worden.

Sie sieht aber noch ein anderes Problem. Nicht überall sei die Versorgung mit Tierärzten sichergestellt. „Wir sind froh, Tierärzte zu haben, auf die wir uns verlassen können. Wir haben eine Stallapotheke, mit der wir uns ganz gut selbst behelfen können. Wenn wir einen Tierarzt anrufen, weiß der auch, dass es wirklich ernst ist und kommt zu jeder Tag- und Nachtzeit.“ Eine Einstellerin habe eine gute Lösung, für die gestiegenen Kosten gerüstet zu sein. „Sie legt sich jeden Monat Geld für mögliche Behandlungskosten ihres Pferdes zurück.“ Es gebe aber auch zahlreiche Pferdehalter, die ihre Tiere von niederländischen Tierärzten versorgen lassen, um Kosten zu sparen.

Tierärzte wehren sich

Trotzdem würde es auch die Bingumerin begrüßen, wenn die Gebührensätze der GOT noch einmal auf den Prüfstand kommen. Das fordert auch die FN. So sollen beispielsweise die Gebührensätze überprüft und überarbeitet werden. Weitere Forderung: Die Hausbesuchsgebühr soll ersatzlos gestrichen werden. Ziel müsse die Rückkehr zu angemessenen Tierarztkosten sein, die für die vielen Hobbypferdehalter, Vereine und Betriebe der Pferdebranche bezahlbar bleiben.

Viele Tierärzte fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Es mag zwar vielleicht auf Einzelfälle zutreffen, aber dass Tiere unzureichend oder zu spät behandelt werden, kann nicht verallgemeinert werden“, heißt es in einem Offenen Brief der Landeskommissionstierärzte an die FN. Für das Tierwohl sei an erster Stelle der Tierhalter verantwortlich. „Wer sich ein Tier anschafft, muss dafür einstehen und es auch tierärztlich angemessen versorgen.“

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