Osnabrück  Ludwigshafen-Tatort „Avatar“: Reale Gefühle treffen auf virtuelle Oberfläche

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 05.01.2024 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wut und Verzweiflung brechen sich bei Julia (Bernadette Heerwagen) Bahn. „Tatort: Avatar“. Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten. Foto: SWR/Christian Koch
Wut und Verzweiflung brechen sich bei Julia (Bernadette Heerwagen) Bahn. „Tatort: Avatar“. Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten. Foto: SWR/Christian Koch
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In „Tatort: Avatar“ müssen sich die Kommissarinnen Odenthal und Stern in virtuelle Welten begeben, um zwei mysteriöse Morde aufzuklären. Bernadette Heerwagen glänzt als verzweifelte Rachegöttin.

Ein Leichenfund am Rheinufer von Ludwigshafen gibt Rätsel auf. Äußerlich weist der Tote keine Verletzungen auf. Aber Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) hat bereits vor Ort den richtigen Riecher. Und tatsächlich bestätigt sich in der Rechtsmedizin, dass der tödliche Herzinfarkt des Verstorbenen durch einen Reizgasangriff hervorgerufen wurde. Also ein klarer Fall von Fremdeinwirkung.

Videoaufnahmen einer Überwachungskamera führen die beiden Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) zu Julia da Borg (Bernadette Heerwagen). Doch die potenzielle Zeugin, die zum Todeszeitpunkt des Opfers in Tatortnähe war, will nichts gesehen haben. Am nächsten Tag wird ein weiteres Mordopfer aus dem Rhein gefischt. Diesmal mit eindeutigen Verletzungen.

Regisseur Miguel Alexandre gelingt nach dem Drehbuch von Harald Göckeritz ein außergewöhnlich starker Odenthal-Krimi. Auch wenn man aus Zuschauerperspektive sehr schnell weiß, wer für die Toten am Rhein verantwortlich ist, bleibt bis zum spannenden Finale vieles offen. Damit ist dieser Fall zwar kein klassischer Whodunit-Krimi. In gewisser Weise aber doch wieder, wie sich jedoch erst im Laufe der Handlung herauskristallisiert.

Im Zentrum des Geschehens steht die von Heerwagen herausragend gespielte Johanna. Eine von Schmerz, Trauer und Rache getriebene Frau, deren Motive und Lebensumstände sich erst allmählich offenbaren. Beruflich als Computerfachfrau in der Werbebranche tätig, kennt sie sich bestens mit Deepfakes, gestohlenen Identitäten und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz aus. Und nutzt diese Fähigkeiten für ihren Rachefeldzug on- wie offline. Lästige Chats mit potenziellen Opfern lässt sie von einem Chatbot erledigen, während sie sich wichtigeren Dingen widmet.

Auch wenn das Thema Internet im „Tatort“ in der Vergangenheit häufig zum Fremdschämen anregte – hier kann deutlich Entwarnung gegeben werden. Regisseur Alexandre gelingt es, die weite Welt der Dating-Plattformen mit all ihren falschen Versprechungen, Lügen und Manipulationen adäquat umzusetzen. Das gelingt ihm vor allen Dingen dadurch, dass er sich auf die Charaktere konzentriert. Ein scheinbarer Nebenhandlungsstrang, der zunächst mehr Fragen als Antworten aufwirft, trägt schließlich zur Auflösung des tragischen Falles bei. Aber, man kann es nicht oft genug erwähnen, im Wesentlichen lebt dieser Odenthal-„Tatort: Avatar“ von der grandiosen Leistung der Charakterdarstellerin Heerwagen, die bereits 1995 gemeinsam mit Regisseur Alexandre ihren filmischen Einstand gab.

Da gab es den Odenthal-„Tatort“ schon seit sechs Jahren. Und auch nach nunmehr 35 Jahren denkt die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin noch lange nicht ans Aufhören. Dafür sagen jetzt am Sonntag zwei andere Urgesteine leise „Ade“. Die Rollen von Annalena Schmidt als Sekretärin Frau Keller und Peter Espeloer als Kriminaltechniker Becker müssen neu besetzt werden. Während Becker als Pensionär von einer zweiten Karriere als Amateurarchäologe träumt, freut sich sein Darsteller Espeloer im realen Leben endlich mal wieder „auf neue Projekte auf Hochdeutsch“, wie er in einem Pressestatement betont.

Der Abschied, den der ausführende Sender SWR Annalena Schmidt und Peter Espeloer ins Drehbuch schreiben ließ, fällt allerdings ziemlich dürftig aus. Mehr gibt es an diesem „Tatort“ dann aber doch nicht zu nörgeln.

Der „Tatort: Avator“ läuft am Sonntag, dem 07. Januar um 20.15 Uhr im Ersten und anschließend in der ARD-Mediathek.

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