Niedersachsen  Hochwasser in Niedersachsen: Die Lage im Emsland, Osnabrücker und Oldenburger Land

Arlena Schuenemann, Nina Strakeljahn, Anika Becker, Bettina Dogs-Prößler, Lars Pingel, Leandra Finke, Lili Maffiotte, Karsten Grosser
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Von Arlena Schuenemann, Nina Strakeljahn, Anika Becker, Bettina Dogs-Prößler, Lars Pingel, Leandra Finke, Lili Maffiotte, Karsten Grosser
| 05.01.2024 15:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Ems bei Meppen ist Ende Dezember über die Ufer getreten und hat viele Wiesen und Felder überflutet. Eine Entspannung der Situation ist im Emsland noch nicht in Sicht. Foto: Flugschule Dankern
Die Ems bei Meppen ist Ende Dezember über die Ufer getreten und hat viele Wiesen und Felder überflutet. Eine Entspannung der Situation ist im Emsland noch nicht in Sicht. Foto: Flugschule Dankern
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Noch immer hängen dunkle Wolken am Himmel, die immer wieder weiteren Regen bringen: Eine Entspannung der Hochwasserlage ist in Teilen Niedersachsens noch nicht in Sicht. Besonders kritisch ist die Lage im Emsland. Auch das Oldenburger und Osnabrücker Land sind von Hochwasser betroffen. Wir haben uns bei den Reportern vor Ort umgehört, wie sich die Situation bei ihnen darstellt.

Im Emsland gibt es viele Gewässer. Durch den Landkreis verlaufen die Ems, die Hase und der Dortmund-Ems-Kanal. Schon kurz vor Weihnachten befürchteten Fachleute, dass der Dauerregen Probleme bereiten würde. Sie sollten Recht behalten.

Besonders kritisch war die Lage in Meppen. Dort wurde bereits am 23. Dezember ein Campingplatz direkt an der Ems evakuiert. Es blieb nicht bei einem. Auch zwei Pflegeeinrichtungen mit 52 Bewohnern wurden in Meppen am 29. Dezember vorsorglich geräumt. Die Heime lagen direkt an der Ems im Stadtteil Esterfeld.

Dort wurden die Stadtteil-Anwohner von der Bundeswehr per Lautsprecher über eine eventuelle Evakuierung informiert. Zeitgleich haben die Einsatzkräfte unzählige Sandsäcke am Emsdeich positioniert. Hilfe kam aus vielen Himmelsrichtungen – unter anderem aus Ostfriesland, dem Landkreis Osnabrück und aus Bayern. Im Emsland gibt es keine Berufsfeuerwehr.

Nicht nur aus Bayern kam ein künstlicher Deich, der helfen soll, den natürlichen Deich zu schützen. Unterdessen wurden tausende Sandsäcke gefüllt, von den Einsatzkräften, von Bürgern, von Insassen der Justizvollzugsanstalt Meppen. Wo sich die Lage ein wenig entspannte, wurden Sandsäcke und Bigpacks sowie Abfüllanlagen anderen Gemeinden zur Verfügung gestellt. Der Landkreis hatte bereits am 28. Dezember die Vorstufe zum Katastrophenfall ausgerufen. Denn nicht nur in Meppen war es brenzlig.

In Haren waren die Bürger an Silvester dazu aufgerufen, die Einsatzkräfte bei der Deichsicherung zu unterstützen. Der Hilferuf blieb nicht ungehört. 1000 Freiwillige bildeten eine Menschenkette und brachten wie auf einem Laufband die Sandsäcke zur Feuerwehr, die sie am durchgeweichten Deich ablegten. Der enorme Einsatz hatte Erfolg: Der Deich hielt.

Unterdessen war der Ort Steinbild in der Gemeinde Dörpen im Norden des Emslandes kurz vor Silvester von der Außenwelt abgeschnitten. 300 Bewohner waren wie auf einer Insel vom Hochwasser eingeschlossen. Ein Campingplatz musste evakuiert werden. Die Einsatzkräfte brachten die Situation noch am selben Tag unter Kontrolle. Entspannung gab es nicht.

Auch nicht in Haselünne und Herzlake. In der Mitte des Emslandes sickerte langsam Wasser durch die Deiche. Deshalb wurden auch in Herzlake die Dämme durch mobile Deiche gesichert. In Lingen im Süden des Emslandes sind ebenfalls erste Straßenzüge evakuiert worden. Der Großteil der betroffenen Personen ist bei Freunden und Verwandten untergekommen. In der Jugendherberge stellte die Stadt auch eine Notunterkunft zur Verfügung.

Eine Verschnaufpause für die Einsatzkräfte von der Feuerwehr, THW, DRK und den zuständigen Behörden ist noch nicht in Sicht. Denn die Pegelstände sind nach dem jüngsten Dauerregen wieder gestiegen. An einigen Stellen gibt es Höchststände. Das Hoffen darauf, dass die Deiche halten, geht weiter.

Die Region Osnabrück ist, was die Hochwasserlage angeht, bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Insgesamt 167 hochwasserbedingte Einsätze zählte die Feuerwehr Osnabrück an und zwischen den Feiertagen. Zuletzt haben die Feuerwehreinsätze deutlich abgenommen, so ein Sprecher des Landkreises Osnabrück.

Zu den vergangenen Einsätzen im Landkreis kommen Hilfen im benachbarten Emsland. 160 Kräfte der Kreisfeuerwehrbereitschaft Süd waren beispielsweise nach Meppen ausgerückt, um dort einen Deich zu sichern. Auch Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW) waren in der vergangenen Tagen über 1.000 Stunden in Osnabrück, Rinteln und in Lingen im Hochwassereinsatz, um Sandsäcke zu füllen und zu verbauen.

Als kurz vor Weihnachten die Wetterprognose für Stadt und Landkreis Osnabrück „Dauerregen” lautete, hatte Sturm „Zoltan“ die Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei bereits auf Trab gehalten und für zahlreiche Einsätze aufgrund umgestürzter Bäume gesorgt.

Durch den Regen waren dann die Flüsse in der Region mehr und mehr angeschwollen; für Hase und Düte verzeichnete der niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) seitdem Hochwasser. Der NLWKN warnte schließlich mittels der Apps Nina und Katwarn die Bevölkerung im Landkreis und der Stadt Osnabrück vor „großem Hochwasser” am Weihnachtswochenende.

Besonders angestiegen waren die Pegelstände der Hase und Düte zwischen Osnabrück-Lüstringen bis Bramsche. Teilweise galt in Lüstringen Meldestufe 3.

Felder und Wiesen standen ab dem 23. Dezember an vielen Stellen im Raum Osnabrück unter Wasser und Spaziergänger holten sich nasse Füße. Anwohner der betroffenen Gebiete in Kloster Oesede rüsteten sich kurz vor Weihnachten teils mit improvisierten Holzkonstruktionen an Fensterrahmen aus. In Belm und Lüstringen sicherte die Feuerwehr kurz vor Heiligabend Häuser mit Sandsäcken ab.

In der ersten Januarwoche bewegen sich die Wasserstände im Flussgebiet der Hase weiterhin auf hohem Niveau. Auch, wenn der NLWKN zuletzt fallende Wasserstände verzeichnete.

Im Osnabrücker Nordkreis zwischen Bramsche und Quakenbrück beobachten Feuerwehrleute weiter regelmäßig den Pegelstand der Hase, auch wenn sich die Situation in den vergangenen Tagen entspannt hat. In Bramsche sank der Pegel des Flusses zum Donnerstagnachmittag unter die Meldestufe 1.

Auch im weiteren Verlauf der Hase im nördlichen Landkreis Osnabrück ist die Lage entspannt, auch weil der Alfsee als Rückhaltebecken die Hase entlasten kann. Der Füllstand des Alfsees steigt laut Dennis Lindemann von der Feuerwehr Rieste bislang langsamer als befürchtet. Die Kapazität sei erst zur Hälfte ausgeschöpft.

Dennoch haben die Rettungskräfte im Nordkreis gut zu tun. Der hohe Grundwasserspiegel sorgt für vollgelaufene Keller, die die Feuerwehr leerpumpen muss. In dem aufgeweichten Boden verlieren Bäume ihre Standfestigkeit und kippen um. Weil die Straßengräben und der gesättigte Boden kein weiteres Wasser mehr aufnehmen können, sind Straßen und Radwege überschwemmt.

Bei sinkenden Temperaturen könnten sich die überschwemmten Gebiete zudem in Eisflächen verwandeln. Die Feuerwehr warnt bereits eindringlich davor, mögliche Eisflächen zu betreten. Nicht immer sei abzuschätzen, wie tief das Wasser unter dem Eis sei, warnte ein Feuerwehrsprecher.

Wie schwer es ist, bei Hochwasser Flussbett und überschwemmte Äcker zu unterscheiden, war am Donnerstag im benachbarten Landkreis Cloppenburg zu sehen. Bei Essen (Oldenburg) führt die Lager Hase Hochwasser und ist weit über die Ufer getreten. Die Pegelstände von Lager Hase und Großer Hase lagen im Bereich des Landkreises Cloppenburg zwischen Essen und Löningen über der Meldestufe 2.

Im östlichen Landkreis Osnabrück hat sich die Hochwasser-Lage nach den Weihnachtstagen ebenfalls entspannt. Hatte der hohe Else-Pegel im vergangenen Jahr indirekt sogar zu der Sperrung einer Autobahnauffahrt zur A30 in Bruchmühlen geführt, liegt er mittlerweile – nach einer Spitze am Mittwoch – nur noch auf der Hälfte des damaligen Niveaus. In Melle waren es insbesondere überbordende Bäche, die für viele Feuerwehreinsätze wegen vollgelaufener Keller gesorgt hatten. Das THW half beim Sandsackverbau, um Häuser in einzelnen Siedlungen zu schützen.

Im Wittlager Land führte und führt die Hunte deutlich mehr Wasser als sonst. An der Messstation Schäferhof (Landkreis Diepholz) zwischen Hunteburg und Dümmer überschritt der Pegel zwischenzeitlich die zweite Meldestufe. Das nahe Ochsenmoor gleicht einer Seenlandschaft. Gefordert war vornehmlich das THW Bad Essen, das mit seiner außerordentlich starken Pumpe (25.000 Liter pro Minute) auch außerhalb des Wittlager Landes immer wieder zu Hilfseinsätzen angefordert wurde, zum Beispiel in Wolfenbüttel.

Weiter nördlich verläuft die Hunte als Nebenfluss der Weser auch durch den Landkreis Oldenburg. Die Situation im Hochwassergebiet im Bereich von Sandkrug, einem Ortsteil der Gemeinde Hatten, ist „weiterhin stabil“. Das hat die Kreisfeuerwehr Oldenburg am Donnerstag mitgeteilt: „Die Deichsicherungsmaßnahmen zeigen derzeit ihre Wirkung.“

Bei dieser Sicherung waren die Feuerwehren und das THW am 30. und 31. Dezember auf Initiative der Gemeinde von einem Hubschrauber der Bundespolizei unterstützt worden, der riesige Sandsäcke, sogenannte Big Bags, an den Deichen ablegte. In den Tagen zuvor war deren Bruch befürchtet worden, sodass Anwohner vorsorglich evakuiert worden waren. Sie konnten an Silvester in ihre Häuser zurückkehren.

Inzwischen sei dort der Kräfteeinsatz deutlich reduziert worden, berichtete die Kreisfeuerwehr am Donnerstag. Einer ihrer Fachzüge und die Deichläufer des THW seien noch im Einsatz, um den Zustand der Deiche zu überwachen und Veränderungen „frühzeitig zu erkennen”. Außerdem würden Teile des Bereichs „aufgrund der großen Anzahl von Schaulustigen und der damit verbundenen potenziellen Gefährdungssituation” dauerhaft videoüberwacht.

In der Kreisstadt Wildeshausen, in der einige überflutete Straßen gesperrt sind, nehme die Feuerwehr ebenfalls regelmäßige Kontrollen entlang der Hunte vor, teilte die Verwaltung mit. Der Pegelstand war seit Mittwoch wieder gestiegen. Es werde erwartet, dass der Scheitelpunkt am Donnerstag erreicht sei, heißt es in der Mitteilung weiter: „Die Wettervorhersage für die kommenden Tage lässt aufgrund der geringeren Niederschläge auf eine mögliche Beruhigung der Situation hoffen.”

Die Gemeinde Ganderkesee blieb weitgehend verschont von größeren Einsatzlagen, teilte deren Verwaltung mit. Die starken Regenfälle sorgten allerdings bei vielen Landwirten für Probleme. Sie fürchten große Einbußen bei der Ernte des Wintergetreides.

In der kreisfreien Stadt Delmenhorst sei die Lage ebenfalls stabil, so die Verwaltung. Das Hochwasserrückhaltebecken zwischen Ganderkesee-Schlutter und der Stadt bewährte sich. Die Delmetalsperre war 1998 nach einem verheerenden Hochwasser gebaut worden.

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