Berlin Warum dieser Hollywood-Regisseur seinen Erfolg in Porsches misst
Am Interview-Tag zu seinem Film „Next Goal Wins“ ist Taika Waititi müde und aufgekratzt. Erst versteckt er sich hinter der Tür zum Hotelzimmer, in dem das Gespräch stattfindet. Dann warnt er vor seinem Jetlag: „Falls ich die ganze Zeit gähne, hat es nichts mit Ihnen zu tun.“ Schließlich spaziert er auf Socken zum Sofa, auf dem er so lange runterrutscht, bis er liegt und in der Horizontalen weiterspricht. Eine Begegnung mit dem Blockbuster-Regisseur.
0:31 – mit diesem Ergebnis hält die Nationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa den Rekord für die höchste Länderspielniederlage. Im Film „Next Goal Wins“ (Filmstart: 4. Januar 2024) erzählt Regisseur Taika Waititi die Geschichte der schlechtesten Fußballer aller Zeiten. Er selbst dagegen gehört zu Hollywoods größten Erfolgen: Seine zwei Filme über den Comic-Superhelden „Thor“ spielten zusammen mehr als 1,5 Milliarden Dollar ein. Seine Hitler-Satire „Jojo Rabbit“ bringt ihm einen Oscar ein. Im Interview spricht der 48-Jährige über seine Māori-Herkunft, Witze im Zeitalter der Wokeness und über seinen persönlichen Gradmesser für den Erfolg: einen brandneuen Porsche.
Frage: Mr. Waititi, Fußballtrainer und Filmregisseure müssen beide das Beste aus ihren Teams holen. Welche inspirierenden Reden halten Sie am Set?
Antwort: Bei inspirierenden Reden bin ich gar nicht gut. Sie bestehen bei mir aus Selbsterniedrigungen und handeln vor allem davon, dass ich keine Ahnung habe, was ich hier mache. Am Ende frage ich, ob mir bitte irgendeiner helfen kann. Nicht gerade das, was ein Team sich wünscht. Die wollen, dass der Coach weiß, was er tut.
Frage: Ihr neuer Film handelt von einem Fußballtrainer, der die schlechtesten Spieler aller Zeiten motivieren muss. Haben Sie was aus der Geschichte lernen können?
Antwort: Als ich mich für „Next Goal Wins“ mit dem realen Fußballtrainer Thomas Rongen beschäftigt habe, ist mir etwas klar geworden: In meinen letzten Filmen bin ich immer unnachgiebiger und kontrollsüchtiger geworden. Jetzt habe ich gelernt, dass es in Ordnung ist, die Dinge auch mal laufen zu lassen.
Frage: Als Regisseur coacht man auch jeden einzelnen Darsteller. Was sagen Sie einem Star wie Michael Fassbender, der diesen Fußball-Trainer spielt: Mach mehr? Mach weniger? Mach irgendwas anderes?
Antwort: Mit Michael Fassbender war es jeden Tag anders. Mal hat er mir neue Ideen in den Kopf gesetzt, mal habe ich ihm neue Dialogzeilen vorgeschlagen. Es war eher ein kontinuierliches Gespräch als eine Ansage. Michael ist einer der empfänglichsten Schauspieler, mit denen ich bislang gearbeitet habe.
Frage: In Ihrem letzten Film haben Sie Scarlett Johansson inszeniert – wie ist die Arbeit mit ihr?
Antwort: Die ist natürlich auch sehr gut und richtig lustig. „Mach mehr“ oder „mach weniger“ musste ich keinem sagen. Leute wie Scarlett Johansson oder Michael Fassbender sind Profis. Dass sie so große Stars sind und so viele Filme drehen, liegt daran, dass sie ihre Hausaufgaben immer schon gemacht haben. Als Regisseur muss man sie nicht groß inszenieren. Arbeit habe ich eher mit weniger erfahrenen Schauspielern.
Frage: Sie spielen gern in Ihren eigenen Filmen mit. Wer inszeniert Sie?
Antwort: Niemand – nicht mal ich selbst. Ich gucke mir hinterher nicht mal an, wie ich meine Szenen gespielt habe.
Frage: „Next Goal Wins“ schildert den Zusammenprall westlicher Wertvorstellungen mit der polynesischen Kultur – zu der Sie als Kind eines Māori selbst einen Bezug haben. War der Stoff, war die Arbeit mit Schauspielern aus der Gegend für Sie eine Herzenssache?
Antwort: Ich hatte vorher ein paar sehr weiße Filme gedreht und wollte dahin zurück, wo ich herkomme. Und natürlich musste dieser Film authentisch besetzt sein, also brauchte ich Schauspieler aus Ozeanien. Ganz besonders galt das für unsere Figur Jaiyah Saelua. Für diese Rolle brauchten wir eine samoanische Faʻafafine, die auf dem Fußballplatz und als Schauspielerin überzeugt – und haben sie in Kaimana gefunden.
Antwort: Anmerkung der Redaktion: Jaiyah Saelua ist die erste Trans-Fußballerin, die je in einem Länderspiel angetreten ist. Die Geschlechterrolle der Faʻafafine ist eine Besonderheit der polynesischen Kultur. Der Begriff bezeichnet Menschen, die biologisch als Junge geboren, aber als Mädchen erzogen werden und später als Frau leben.
Frage: Zu den kulturellen Kuriosa gehören die Schnalz- und Zischlaute, mit denen sich die Fußballer des Films vor ihren Partien gegenseitig drohen. Was hat’s damit auf sich?
Antwort: Richtige Riten oder Traditionen sind das nicht. Da machen wir uns über uns selbst lustig. Schnalzende Kussgesichter sind eine samoanische Angewohnheit, das Zischen ist eine Marotte aus Tonga. Es ist wie überall: Jede Region hat ihre Ticks. In Berlin habe ich gehört, dass die Leute „Alter Schwede“ sagen, wenn sie staunen. Das begreift im Rest der Welt kein Mensch. Aber hier sagt man das. Und niemand kann es erklären.
Hier sehen Sie den Trailer zu Taika Waititis „Next Goal Wins“:
Frage: Für Ihren letzten Film „Jojo Rabbit“ haben Sie einen Drehbuch-Oscar gewonnen – und den Preis allen indigenen Kindern gewidmet, die einmal Künstler werden wollen. Hat Ihre eigene Herkunft Ihren Weg erschwert?
Antwort: Ich bin in den 1980ern groß geworden. Das war eine Zeit, in der künstlerische Ambitionen allgemein nicht großartig unterstützt wurden – nicht nur bei indigenen Kinder. Ich hatte eher Glück, weil meine Eltern meine Interessen sehr gefördert haben. So habe ich meinen Weg ins Entertainment gemacht. Mit der Filmindustrie lief es bei mir gut. Amerika und besonders Hollywood unterscheiden sich dann allerdings sehr vom Rest der Welt. In Hollywood neigen sie dazu, viel zu reden – und selten zu meinen, was sie sagen.
Frage: Neben einem Māori-Vater wurden Sie von einer Mutter geprägt, die russisch-jüdischer Herkunft ist. Haben Sie Feste aus dieser oder jener Kultur gefeiert?
Antwort: Meine Eltern waren beide nicht religiös; wir haben keine Traditionen praktiziert. In Neuseeland, wo ich aufgewachsen bin, habe ich von der Māori-Kultur mehr mitbekommen. Und beim Familiennamen habe ich abgewechselt. Mal habe ich den meiner Mutter genutzt: Cohen. Mal habe ich den Namen meines Vaters getragen: Waititi. Verheiratet waren meine Eltern nie. In meiner Geburtsurkunde steht deshalb Cohen.
Frage: Witze über kulturelle Minderheiten sind zurzeit hochtabuisiert. Wird „Next Goal Wins“ der Film, bei dem Ihnen weiße Leute erklären, worüber Sie lachen dürfen und worüber nicht?
Antwort: Ganz sicher wird sich jemand finden, der mir verbietet, über ozeanische Kulturen zu lachen. Aber diese Leute … können mich mal. Mir ist egal, was andere von meiner Arbeit halten.
Frage: Sie machen seit einem Vierteljahrhundert Comedy. Verlieren wir über all den Tabus gerade den Humor?
Antwort: In gewisser Hinsicht ist das wirklich so: Jeder hat Angst, den Mund aufzumachen. Ich glaube, was wir tun sollten, ist ganz einfach: Kurz nachdenken, bevor wir einen Witz machen. In der Vergangenheit gab es wirklich eine Menge verletzender Comedy. Es gab unangemessene Witze, die Leute in der LGBTQIA+-Community attackiert haben. Es gab einen ziemlich rassistischen Humor, der Leute anderer Hautfarben bloßgestellt hat. Wenn sowas auf geschmacklose Weise passiert – und das war früher ja so –, dann darf es dafür keine Bühne geben. Wir dürfen aber auch nicht aus den Augen verlieren, dass wir über uns selbst lachen müssen. Die Comedy sollte keinen Schaden nehmen.
Frage: Was ist gefährlicher für Comedy: die Wokeness und ihre Empfindlichkeiten? Oder die Polarisierung der Gesellschaft, in der man nur lacht, wenn der Witz von der richtigen Seite kommt?
Antwort: Ich weiß auch nicht – ich glaube, diese Wokeness-Geschichte bedroht einen großen Teil der Comedy. Einige der lustigsten Leute, die ich kenne, wollen keine Witze mehr schreiben. Leute ziehen sich aus der Comedy zurück, weil ein zu großes Theater darum veranstaltet wird. Was für einen Witz auch immer Sie erzählen – irgendwo in der Welt wird sich irgendjemand beleidigt fühlen. Aber natürlich stimmt auch die Sache mit der Polarisierung. Jeder guckt nur sein Programm. Liberale Late Night Shows erreichen nur die liberale Seite. Und in meinem Bekanntenkreis gibt es niemanden, der den konservativen Sender Fox News guckt. Die Medien sind gespalten und jeder predigt nur seiner Gemeinde.
Frage: Sie porträtieren die erfolgloseste Fußballmannschaft der Welt. Sehen Sie Verlierern lieber zu als den Fußball-Millionären?
Antwort: Ich gucke gar keinen Fußball. Bei der WM schalte ich gern rein, aber ich folge keinem Team. Wenn Sport, dann Rugby. Die Kommerzialisierung, die hohen Einnahmen, das Starsystem – das alles überschattet für mich die Freude am Sport. Ablösesummen machen inzwischen größere Schlagzeilen als die Anzahl der Tore im Spiel. Und natürlich sind Verlierer viel unterhaltsamer.
Frage: Ihr neuer Film feiert die Schönheit des Scheiterns. Können Sie mal ein paar eigene Niederlagen schildern?
Antwort: Hmm, hmm, hmm – Niederlagen? Meinen Sie Geschichten, wo aus Fehlern etwas Gutes entstanden ist? Ich habe in meinem Leben gar nicht so viele Niederlagen erlebt. Ich habe lange Rugby gespielt, aber da war mir das Verlieren immer egal. Und meine Karriere ist – ziemlich großartig. (Taika Waititi grübelt noch eine Weile ergebnislos weiter.)
Frage: Ich schreibe dann einfach: Taika Waititi weiß nicht, was eine Niederlage ist.
Antwort: Ganz ehrlich, ich strenge mich ja schon an, aber mir fällt einfach nichts ein. Ein toller Vater bin ich auch. Manchmal esse ich vielleicht ein bisschen zu viel. Oder ich ziehe Schuhe an, die nicht exakt zum Outfit passen.
Frage: Sie haben die erste Drehbuch-Version zum Disney-Film „Vaiana“ geschrieben – von der am Ende so wenig übrig geblieben ist, dass Sie nicht mal im Abspann auftauchen.
Antwort: Darum hatte ich aber selbst gebeten. Ich wollte nicht im Abspann stehen, sondern stattdessen nur in der Danksagung erwähnt werden. Es war einfach nicht genug von meiner Geschichte im Film geblieben.
Frage: Ist das keine Niederlage?
Antwort: Im Gegenteil, es war sogar ein Erfolg, nicht genannt zu werden – weil das nicht meine Geschichte war. Es war natürlich auch schon ein Erfolg, die ersten drei Fassungen zu schreiben und den Figuren ihre Namen zu geben. Aber mein Name in den Schlusstiteln ist mir völlig egal. Die meisten Leute in der Filmindustrie sind vom Abspann besessen. Ich nicht. Das bedeutet mir gar nichts. Ich habe an so vielen Filmen mitgewirkt, ohne genannt zu werden. Das ist eine Ego-Geschichte und dahinter steht ein sehr westlicher Erfolgsbegriff – seinen Namen auf etwas zu setzen. Mein persönlicher ist ein ganz anderer: Mein Begriff von Erfolg ist, mir das Geld einzustecken. Ich nehme das amerikanische Geld und gebe es für mich selbst aus.
Frage: Geld ausgeben ist Ihr Begriff vom Erfolg?
Antwort: Ganz genau. Mein neuer Porsche ist ein größerer Erfolg für mich als mein Name im Abspann von „Vaiana“.
Frage: Auf wie viele Porsches haben Sie es gebracht?
Antwort: Auf zwei. Ich bin nicht gierig.