New Orleans Von Würgereiz bis Bewunderung: Wie US-Bürger über Trump denken
Der Vorwahl-Sieg bei den Republikanern in Iowa gibt Donald Trump Aufwind: Wird der Populist tatsächlich wieder US-Präsident, trotz dem vom ihm unterstützen Sturm auf das Kapitol? Oder wird Präsident Joe Biden im November wiedergewählt? Wir haben uns in den USA umgehört. Das Ergebnis der Umfrage ist nicht repräsentativ, aber aufwühlend.
Es ist nur eine Stichprobe. Aber das, was uns Menschen in den USA zur Präsidentschaftswahl und dem Duell Joe Biden gegen Donald Trump sagen, wirkt wie ein Blick in den Abgrund.
Die Enttäuschung über den demokratischen Amtsinhaber Biden ist gewaltig. Eine Rückkehr des Republikaners Trump, dessen radikale Anhänger nach der letzten Wahl das Kapitol gestürmt hatten, erscheint möglich, ja sogar wahrscheinlich.
Warum nur? Sieben Amerikaner und eine Deutsche geben ihre Antworten zur US-Präsidentschaftswahl.
„Donald Trump ist ein Ignorant und ein Verbrecher“, sagt Schwester Elizabeth. Die 87-Jährige kümmert sich um eine katholische Gemeinde in Nordheim im Süden von Texas und engagiert sich für den Umweltschutz in der von Öl- und Gasbohrungen versehrten Region.
„Ich werde Joe Biden wählen, weil er sich für Solidarität und für Klimaschutz einsetzt, auch wenn seine Bemühungen überhaupt nicht ausreichend sind“, sagt die Schwester.
„Wenn ich mich umhöre, ist aber ein Sieg von Trump zu befürchten. Hier in Texas gibt es viel zu viele ‚Trump Heads‘ (gemeint sind Trump-Anhänger). Eine neue Amtszeit für Trump wäre furchtbar.“
„Die Politik in Amerika ist am Arsch“, sagt Tony aus dem US-Staat Georgia. Der 50-jährige Arbeitslose, der in einem Männerwohnheim lebt, hatte große Hoffnungen in Joe Biden gesetzt. „Aber vom Wirtschaftswachstum haben wir nichts, das kommt bei uns nicht an.“
Auch weil Biden für Schwarze und Latinos nicht geliefert habe und „wie eine senile Witzfigur wirkt“, fürchtet Tony einen Wahlsieg von Donald Trump.
„Das macht mir Angst, denn Trump ist ein Rassist.“
„So wie es momentan aussieht, wird Donald Trump nächster US-Präsident“, sagt Doris Simon, Washington-Korrespondentin des Deutschlandfunks. „Es kann gut sein. Und ich wäre nicht unglücklich darüber, wenn ich falsch damit liege.“
Warum hat Donald Trump so große Chancen, wo doch Joe Biden in Europa für seine grüne Politik gelobt und bewundert wird?
„Joe Biden verliert zusehends Schwarze, Latinos, arabische US Bürger und junge Progressive – traditionelle demokratische Wähler“, sagt Simon. „Aber auch viele der nicht-parteigebundenen Amerikaner in der politischen Mitte tendieren wegen stark gestiegener Lebenshaltungskosten zu Trump.“
„Das politische System der USA ist fucked up“, sagt John Allaire, der seit 25 Jahren in einem riesigen Wohnwagen auf seinem Strand-Grundstück in Cameron (Louisiansa) am Golf von Mexiko lebt.
Joe Biden sei eine Marionette der großen Unternehmen und habe „keine Eier“, sagt Allaire. In Washington lähmten sich Demokraten und Republikaner gegenseitig, ohne Aussicht auf Besserung. Zu Trump will sich Allaire gar nicht äußern.
Geht er wählen? „Ich weiß noch nicht.“ Wenn Allaire etwas erreichen will, telefoniert er persönlich mit Senatoren. An eine vernünftige Politik aus der Hauptstadt glaubt er nicht mehr.
„Natürlich kann und wird Joe Biden diese Wahl gewinnen!“, sagt John Beard, tief gläubiger Umweltaktivist in Port Arthur in Texas. „Noch mal Trump, dass kann einfach nicht sein. Das darf nicht sein.“
Beard ist durch und durch Demokrat und Fan von Biden und dessen Regierung. „Auch wenn die Öl- und Gasindustrie noch viel zu mächtig ist, gibt es Fortschritte, Programme, Geld für den Aufbau einer grünen Industrie. Das braucht Zeit, um bei den Menschen anzukommen. Ich wähle Biden.“
„Trump hat Kraft, er macht Amerika wieder stark!“, sagt James, der sich in einem Jazzclub in New Orleans um die Toiletten kümmert und der nicht fotografiert werden will.
„Ich werde ihn wählen, er wird gewinnen und die illegale Einwanderung stoppen“, sagt James. „Joe Biden ist alt und wirr im Kopf.“
„Ich wähle Donald Trump und glaube, dass er gewinnt“, sagt Kellnerin Rosy aus Belle Chasse nahe New Orleans in Louisiana.
Die 47-Jährige hält Trump für den stärkeren Politiker. „Er schafft Jobs, er sorgt dafür, dass wir mehr Geld in der Tasche haben.“ Joe Biden sei kein schlechter Typ. „Aber er ist auch zu alt, oder?“
„Die amerikanische Politik ist ein gewaltiges Desaster“, sagt Sheila Tahir von der Umweltschutzorganisation „Bucket Brigade“.
„Die Lage ist so verfahren, dass bei den Demokraten niemand Joe Biden die Präsidentschaftskandidatur streitig machen will. Niemand, der bei Verstand wäre, würde sich das antun.“
Die Aktivistin blickt mit einer Mischung aus Verachtung und Resignation auf den Politikbetrieb in Washington und auf die Wahl im neuen Jahr. Dass Donald Trump wieder zurückkommen könnte, sieht auch sie, und es beschert ihr einen Würgereiz.