Energiepolitik im Wandel LNG-Revolution – ein Jahr Energiewende in Wilhelmshaven
Die LNG-Infrastruktur an der deutschen Küste wurde in aller Eile und mit sehr viel Geld auf die Beine gestellt. Wie lief dieses erste Jahr? Und viel wichtiger: Wie geht es weiter?
Wilhelmshaven - Vergangenes Jahr um diese Zeit veränderte sich etwas in der Energieversorgung Deutschlands; kaum merklich zwar und für die Verbraucher auch erstmal unerheblich. Denn drehte man die Heizung auf, so wurde es warm, also alles wie immer. Und doch setzte sich in den Gaspipelines unter der Erde gewissermaßen die Zeitenwende fort, die Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erklärt hatte. Zwischen Weihnachten und Silvester 2022 mischte sich zum ersten Mal überhaupt selbst importiertes LNG in die unterirdischen Gasflüsse. Es kam von der „Hoegh Esperanza“, Deutschlands erstem eigenen LNG-Terminal.
Am 15. Dezember 2022 legte die „Esperanza“ am eigens in Windeseile erbauten Anleger vor Wilhelmshaven an, zwei Tage später wurde sie von Bundeskanzler Scholz offiziell eingeweiht, und wieder ein paar Tage später begann die „Esperanza“ damit, das bereits mitgebrachte LNG (englisch: „liquified natural gas“) nach und nach zu regasifizieren und ins Gasnetz abzugeben. Das lang ersehnte Schiff war nicht mit leerem Bauch gekommen: Rund 17.000 Kubikmeter LNG waren an Bord, als das Schiff, begleitet von Schleppern und zahlreichen anderen Schiffen, durch das Jade-Fahrwasser auf seine neue Heimat zusteuerte.
Das Schiff
Die „Hoegh Esperanza“ ist eine sogenannte FSRU, eine „Floating Storage and Regasification Unit“, eine schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheit. Im Grunde eine schwimmende Industrieanlage. Sie gehört der norwegischen Hoegh-Reederei, von der die Bundesregierung sie für zehn Jahre gepachtet hat.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus.
Betreiber ist die eigens gegründete bundeseigene Deutsche Energy Terminal GmbH (DET). Die ist übrigens für den Betrieb und die Vermarktung aller vier im Auftrag des Bundes errichteten und geplanten LNG-Terminals an der deutschen Nordseeküste verantwortlich. Aktuell ist neben dem vor Wilhelmshaven ein weiteres in Brunsbüttel in Betrieb. Zusätzlich entsteht eines in Stade, außerdem soll Wilhelmshaven noch ein zweites LNG-Terminalschiff bekommen. Ein privat betriebenes Terminal in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) ist schon in Betrieb.
Das Unternehmen
Bewirtschaftet wird die „Esperanza“ vom Energieunternehmen Uniper. Dort hat man auch ein paar Zahlen parat. Seit Inbetriebnahme hätten dort 46 LNG-Tanker angelegt und ihre Ware übergeben, heißt es auf Nachfrage. Im Einzelnen: drei aus Afrika, zwei aus Norwegen und der Rest aus den USA. Uniper rechnet das auch gleich in den Nutzen für Verbraucher um: Ein LNG-Tanker bringe Gas für 50.000 bis 80.000 Haushalte. Von den drei aktuell betriebenen LNG-Terminals an der deutschen Küste kommt das meiste über die „Esperanza“ ins Land. Und trotzdem: Der Anteil des selbst importierten LNG am gesamten deutschen Gasimport ist mit gerade mal sieben Prozent eher gering.
Doch wie lief der konkrete Betrieb? Unternehmenssprecherin Julia Grebe gibt Auskunft: Es habe ein paar technische Kinderkrankheiten am Anleger gegeben, Unfälle seien aber nicht passiert. Dafür spielt das Wetter eine gewisse Rolle, denn bei starkem Sturm ist Vorsicht geboten. Dazu muss man wissen: Das Terminalschiff liegt fest vertäut am Anleger vor Hooksiel, in einer eigens unter dem Schiff ausgebaggerten Wanne. Das Gas wird über zwei lange bewegliche Arme vom Schiff in die Gasleitung am Anleger gepumpt. Aber auch deren Beweglichkeit hat ihre Grenzen: „Bei starkem Sturm wird die Regasifizierung aus Sicherheitsgründen ausgesetzt“, sagt Grebe. So geschehen etwa kurz vor Weihnachten.
Die Kritiker
Die neue LNG-Infrastruktur an der deutschen Küste ist nicht ohne Kritik. Ausgehend von den einzelnen LNG-Standorten hat sich ein Verbund an Gegnern gebildet, das Netzwerk Energiedrehscheibe. 17 Klima- und Umweltverbände gehörten mittlerweile dazu, berichtet Stefanie Eilers, die für Wilhelmshaven mit dabei ist. Die neue LNG-Infrastruktur sei nur „eine weitere Autobahn für die fossile Energiewirtschaft“, findet sie. Den Versicherungen aus der Politik, es sei lediglich eine Übergangslösung auf dem Weg zur grünen Wasserstoffwirtschaft, mag sie keinen Glauben schenken.
Den Kritikern liegt noch mehr im Magen: Viele gehen davon aus, dass auf dem LNG-Weg Fracking-Gas aus den USA nach Deutschland kommt. Dabei handelt es sich um Erdgas, das per Fracking aus dem Boden gepresst wird; ein Verfahren, das als besonders umweltschädlich gilt und in den USA erlaubt ist. Das Netzwerk Energiedrehscheibe hatte im Oktober eigens eine Gruppe US-amerikanischer LNG- und Fracking-Gegner nach Wilhelmshaven eingeladen. Die berichteten von den Folgen des Frackens in ihren Heimatgemeinden rund um den Golf von Mexiko und richteten einen klaren Appell an die Deutschen: Bitte kauft kein LNG mehr aus den USA.
Die Buchungszahlen der Deutschen Energy Terminal GmbH sehen nicht danach aus. Die DET bot die Regasifizierungskapazitäten der Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel für das nächste Jahr in mehreren Auktionsrunden an. Ergebnis: „Sämtliche der insgesamt 60 angebotenen Slots wurden (...) vergeben. Dadurch ist eine vollständige Auslastung der beiden Terminals für das Jahr 2024 gesichert“, teilte die DET anschließend mit. Und nicht nur das: Auch für das aktuell noch gar nicht in Betrieb genommene LNG-Terminal in Stade hat die DET schon Buchungen angenommen.