Hamburg NOZ-Reporterin an Bord der Sea-Eye 4: Diese Momente werde ich nicht vergessen
Reporterin Marie Busse war mehrere Wochen an Bord des Seenotrettungsschiffs „Sea-Eye 4“ auf dem Mittelmeer unterwegs. Was war ihr eindrücklichster Moment und wie hat der Einsatz ihren Blick auf die Seenotrettung verändert? Das schildert sie im Interview mit ihrem Kollegen Dirk Fisser.
Die Seenotrettung im Mittelmeer durch private Organisationen ist politisch umstritten. Journalistin Marie Busse hat sich vor Ort ein Bild gemacht: Mehrere Wochen war sie an Bord der „Sea-Eye 4“ und hat unter anderem geholfen, als das Schiff 26 Migranten auf dem offenen Meer aufgenommen hat.
Im Interview mit unserer Redaktion schildert Busse ihre Zeit an Bord, berichtet von der Rettungsaktion der Flüchtlinge und spricht über den schmalen Grat zwischen Journalismus und Aktivismus. Das Interview können Sie hier sehen oder lesen:
Frage: Marie, du warst mehrere Wochen auf dem Seenotrettungsschiff „Sea Eye 4” unterwegs, das im Mittelmeer Migranten rettet. Du warst selbst dabei, als 26 Menschen aus Syrien und Bangladesch an Bord geholt wurden. Gibt es eine Szene auf dieser Reise, die sich bei dir eingebrannt hat?
Antwort: Das waren für mich zwei Momente. Es sind ja insgesamt 26 Männer gerettet worden, die danach noch drei Trage an Bord der Sea Eye waren, bevor wir in Italien in einen Hafen eingelaufen sind. Teil der Gruppe waren zwei ältere Männer aus Syrien. Die saßen während der Fahrt an der Reling mit ihren Handys in der Hand. Darauf zu sehen waren Fotos ihrer Familien. Ihr Blick hat immer gewechselt: Familienfoto, Horizont, Familienfoto, Horizont. Viele Worte wurden nicht gewechselt, es herrschte eine bedrückende Sprachlosigkeit an Bord nach der Rettung.
Frage: Was war der zweite Moment?
Antwort: An den denke ich noch oft: Es waren vier minderjährige Jungs aus Syrien an Bord zwischen 14 und 16 Jahren alt. Man hat gesehen, dass sich die älteren Geretteten um die vier gekümmert haben. Sie haben zum Beispiel darauf geachtet, dass die Jungs auch ihre Wäsche zum Trocknen aufhängen. Als dann der Hafen in Italien erreicht war, sollten die Vier als erste von Bord, weil sie in ein anderes Lager sollten. In diesem Moment ist den Vieren offenbar erst die Tragweite bewusst geworden: Dass sie jetzt in einem fremden Land angekommen sind, in dem sie alleine zurechtkommen müssen. Die Vier haben versucht, sich an Bord zu verstecken. Erst als einer der Älteren ihnen zugeredet hat, sind sie von Bord gegangen – quasi allein ins Nichts. Das habe ich als sehr bewegend empfunden.
Frage: Kannst du diesen Moment der Rettung vor der libyschen Küste schildern? War es so, dass die Migranten aus akuter Seenot gerettet wurden?
Antwort: Für mich begann es damit, dass um 5:30 Uhr morgens jemand an den Wohncontainer geklopft hat, in dem ich mit anderen Crew-Mitgliedern geschlafen habe. Die Ansage war, dass es einen Notfall gibt, in etwa einer halben Stunde könnte es Sichtkontakt zu dem in Seenot befindlichen Schiff geben. Was dann an Bord der „Sea Eye“ passieren muss, haben wir die Tage zuvor immer wieder geübt. Es lief dann allerdings völlig anders ab.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Als wir aufs Deck der „Sea Eye“ kamen, sah man bereits Menschen. Oder besser gesagt: Hände an einer Seite des Schiffes, die nach oben gereckt wurden. Und man hörte Rufe: „Help, Help.” Es waren zwei kleine Boote und nicht nur eines mit Migranten. Die durften in diesem Moment nicht näher an die Sea Eye heran, um zu verhindern, dass ihre Boote kentern.
Frage: Die „Sea Eye“ lässt dann kleinere Boote zu Wasser, auf die die Menschen evakuiert werden?
Antwort: Genau. Diese Boote sind über ein Seil weiter mit der „Sea Eye“ verbunden, damit eine gewisse Stabilität herrscht, wenn Menschen von Boot zu Boot wechseln. Das ist das routinierte Vorgehen bei einer Rettung. Ganz am Ende allerdings weigerten sich dann vier Männer aufs Rettungsboot umzusteigen. Sie sagten, sie wollten zurück nach Libyen fahren, was sie dann auch gemacht haben. Das hat extrem viele Fragezeichen hinterlassen.
Frage: Haben Menschenschmuggler die „Sea Eye“ gezielt auf dem Mittelmeer angesteuert?
Antwort: Mit letzter Gewissheit kann ich das nicht sagen. Aber es ist natürlich sehr auffällig. Der Standort der „Sea Eye“ kann – wie bei anderen Schiffen auch – live im Internet verfolgt werden. Die naheliegendste Erklärung ist daher, dass Schmuggler das Rettungsschiff bewusst aufgesucht haben. Die Migranten jedenfalls dachten, sie fahren nach Lampedusa.
Frage: Lampedusa wäre vom Fundort auf offener See noch ein gutes Stück weg gewesen. Wir haben Fotos der Flüchtlingsboote gesehen. Das sind kleine Fiberglasboote. Hätte man es damit überhaupt bis Lampedusa geschafft?
Antwort: Schwer zu sagen. Am Morgen der Rettung war wenig Seegang. Aber für den späten Nachmittag war stärkerer Wellengang vorhergesagt. Die Boote sind sicher nicht für eine Fahrt auf dem offenen Meer über längere Distanzen ausgelegt. Statistisch ist es jedenfalls so, dass die wenigsten Migranten mit Flüchtlingsbooten in Europa anlanden. Deutlich wahrscheinlicher ist es, von der libyschen oder italienischen Küstenwache aufgegriffen zu werden.
Frage: In welchem Zustand kamen die Menschen an Bord?
Antwort: Sie waren vier bis fünf Stunden auf dem offenen Meer unterwegs. Das war totale Erschöpfung. Sie waren völlig durchnässt, überhaupt nicht passend gekleidet für eine Nacht auf dem offenen Mittelmeer im Winter. Manche Männer waren sogar barfuß unterwegs. Ich hatte in dem Moment die Aufgabe, Armbändchen an die Migranten zu verteilen. Das war schwierig, weil man die vollkommen mit Salzwasser durchtränkten Ärmel der Pullover gar nicht mehr hochziehen konnte. Die ersten zwei Tage hat kaum jemand geredet.
Frage: Also keine Freude darüber, dass man gerettet wurde?
Antwort: Das habe ich nicht so wahrgenommen. Es war kein Zeitpunkt zum Aufatmen. Dafür fehlte wohl Energie. Wenn etwas gefragt wurde am Anfang, war es: „Libya?” Die Migranten wollten also wissen, ob sie zurück nach Libyen gebracht werden. Wenn das verneint wurde, haben sie genickt.
Frage: Wie wir ja aus Gesprächen mit Flüchtlingen hier in Deutschland wissen, ist das ja die Horrorvorstellung vieler Migranten, angesichts der oftmals wohl extrem schlechten Lebensbedingungen in Libyen. Du hattest noch über einen anderen Rettungsversuch in deiner Zeit an Bord berichtet. Da wurde am Ende aber nur ein leeres Holzboot gefunden. An Bord war niemand mehr. Sind die Flüchtlinge ertrunken?
Antwort: Das war eine weitere seltsame Situation. Es gab einen Notruf von Frontex, dass sich ein Boot mit Migranten in Seenot befindet. Die „Sea Eye“ hatte sich auf den Weg gemacht, wurde aber offenbar von der libyschen Küstenwache überholt. Ich nehme an, dass die Küstenwache die Migranten aufgenommen hat und sie nicht ertrunken sind.
Frage: Du hattest es vorhin schon geschildert: Du hast als Teil der Crew an Bord auch Aufgaben wahrgenommen. Das löst einen Interessenkonflikt aus. Journalismus und Aktivismus passen nicht zusammen. Wie bist du damit an Bord umgegangen?
Antwort: Das war ein großer Balanceakt. Im Vorfeld hat mich diese Frage mit am meisten bewegt. Im Schiffsalltag vor der Rettung hatte ich meinen Raum als Journalistin zu arbeiten. Nach der Rettung wurde das schwieriger. Natürlich gibt es da auch bei mir in dem Moment eine emotionale Betroffenheit. Auch gegenüber der „Sea-Eye“-Crew musste ich auf meine Rolle hinweisen. Das war sicher nicht einfach. Das Verhältnis musste täglich neu ausgehandelt werden.
Frage: Wer fährt sonst an Bord der Sea Eye mit?
Antwort: Es waren 26 Personen als Besatzung an Bord, darunter professionelle Seefahrer wie der Kapitän. Die zweite Gruppe bildeten Profis, die in ihrem eigentlich Job an Bord gearbeitet haben: eine Köchin, eine Ärztin. Die dritte Gruppe waren freiwillige Helfer, die andere Aufgaben wie das Verteilen von Decken und Ähnliches übernommen haben.
Frage: Am Tag, als die Menschen aus dem Mittelmeer gerettet worden sind, wurde in Europa die Verschärfung der Asyl-Regeln beschlossen. Es sollen beispielsweise Asyllager an den Außengrenzen errichtet werden. Hat das an Bord eine Rolle gespielt?
Antwort: Erstaunlicherweise nicht. Ich habe das immer mal wieder angesprochen. Aber darüber war es schwer in Dialog zu kommen. Ein Teil der Erklärung ist natürlich, dass „Sea Eye“ diese politischen Maßnahmen grundsätzlich ablehnt. Was soll man also darüber diskutieren?
Frage: Wie haben deine Erfahrungen an Bord den Blick auf die Seenotrettung verändert? Immerhin hast du zuvor ja bereits über Jahre immer wieder darüber berichtet.
Antwort: Meine grundsätzliche Haltung zur Seenotrettung hat sich nicht geändert: Ich halte es für richtig, dass Menschen im Mittelmeer gerettet werden. Aber darüber hinaus haben sich mehr neue Fragen aufgetan, als dass ich Antworten gefunden hätte. Eine Antwort könnte eine bessere staatlich koordinierte Seenotrettung sein. Aber das ist ja bereits bislang an Absprachen gescheitert. Das Thema wird weiter akut bleiben.