Sicherheit in Emden Auf eine Tasse Kaffee bei der neuen Polizeichefin
Wachwechsel auf dem Polizeikommissariat Emden: Frida Sander übernimmt das Revier und bringt neue Ideen mit. In Leer hatte sie schon im Hintergrund die Zügel in der Hand, hier tritt sie in die Offensive.
Emden - Der offizielle Wachwechsel im Polizeikommissariat Emden ist schon vollzogen. Polizeioberrat Arno Peper geht in den Ruhestand. Am 8. Januar 2024 übernimmt die 40-jährige Polizeioberrätin Frida Sander das Revier. Wir haben schon einmal mit der neuen Polizeichefin gesprochen, die Emden längst zu ihrer Wahlheimat gemacht hat. Sie lebt hier mit ihrer Familie. Ihr Mann ist auch Polizist. Zusammen haben sie vier Kinder.
Frau Sander, sind Sie eigentlich immer im Dienst? Und immer einsatzbereit? Bei der offiziellen Verabschiedung Ihres Vorgängers Arno Peper trugen Sie eine Waffe.
Frida Sander: Wir suchen uns die Situationen nicht immer aus, in die wir geraten. Und da wir Polizistinnen und Polizisten in Uniform fokussiert werden, bin ich gern zu jederzeit komplett einsatzbereit.
Fokussieren im Sinne von provozieren?
Sander: Das passiert auch, dass sich Menschen durch unsere Anwesenheit provoziert fühlen, ist aber zum Glück sehr selten. Und in der Intensität, dass eine Polizistin oder ein Polizist die Waffe ziehen muss, so gut wie nie. Auf Situationen, in denen andere in Gefahr sind und unsere Hilfe benötigen, treffen wir schon eher.
Sie sprachen von einer neuen Rolle, die sie als Kommissariats-Leiterin in Emden übernehmen. Vorher hätten sie eher im Verborgenen gewirkt. Was haben Sie da getan?
Sander: Als „Leiterin Einsatz“ der Polizeiinspektion Leer/Emden war ich für die Funktionsfähigkeit unserer Kolleginnen und Kollegen in der Einsatzbewältigung verantwortlich. Die Netzwerkarbeit und die Repräsentation der Polizei nach außen wird jedoch von den örtlich verantwortlichen Führungskräften übernommen: beispielsweise den Leiterinnen und Leitern der Polizeistationen oder dem Leiter unserer Polizeiinspektion, Herrn Memering. Ich war mehr für die innere Organisation zuständig, also dafür verantwortlich, dass das Personal so ausgestattet und eingesetzt ist, dass überall und jederzeit alle Aufgaben bewältigt werden können.
Und jetzt geht es in die Öffentlichkeit. Wie wollen Sie sich den Emdern bekannt machen?
Sander: Da sind tatsächlich schon viele Gedanken in meinem Kopf. Es gibt beispielsweise das Modell „Coffee with a cop“, das in einigen Orten in der Bundesrepublik – und vermutlich weltweit - angeboten wird. Dort lädt die Polizei ein zu einem Kaffee, um mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.
Das wäre eine Idee, die hat es hier so noch nicht gegeben.
Sander: So etwas könnte ich mir gut vorstellen. Wahrscheinlich wäre für die Emder Bevölkerung aber in diesem Format insbesondere der Präventionsbereich oder unser Kontaktbereichsbeamter, Herr Peters, interessant. Ich nehme die Idee einmal mit in mein Team.
Sie wollen also die Nähe zu den Bürgern schaffen?
Sander: Ich glaube, dass es für die Menschen wichtig ist, dass sie wissen, an wen sie sich wenden können. Wir haben unseren Kontaktbereichsbeamten und Social Media Cops, die Hinweise bekommen, die wir sonst nicht bekämen. Einfach, weil sie für die Menschen präsent und mit ihren Gesichtern bekannt sind.
Einen Schwerpunkt wollen Sie auf Prävention legen, hatten Sie angekündigt und von dem „umtriebigen Präventionsrat“ in Emden gesprochen. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem Gremium?
Sander: Sehr wichtig. Das ist keine Aufgabe, die die Polizei alleine bewältigen kann. Das müssen wir gemeinschaftlich angehen. Und da sind die Strukturen hier hervorragend.
Es sind dort viele Gremien der Stadt vertreten.
Sander: Dafür bin ich dankbar. Dieser Austausch hilft, Prävention gemeinschaftlich und zielführend anzugehen. Es gilt, die aktuellen Schwachpunkte der subjektiven Sicherheit zu erkennen, das bemerken nicht unbedingt wir als Polizei zuerst. Und da wo wir vielleicht keine Lösung haben, hat jemand anderes einen Lösungsansatz. Und wo wir vielleicht keine Mittel haben, hat jemand anderes Möglichkeiten. Oder auch umgekehrt.
Die Straftaten in Emden sind seit Jahren rückläufig. Allerdings nehmen die im Jugendbereich zu. Wie wollen sie da Abhilfe schaffen?
Sander: Das ist ein Trend, mit dem Emden nicht alleine da steht. Das ist ein bundesweiter Trend, den man gesamtgesellschaftlich und sicherlich auch wissenschaftlich betrachten muss: Wie erreichen wir die Jugendlichen? Wie können wir Präventionsangebote schaffen, die auch angenommen werden? Die jetzige Generation ist schon wieder ganz anders als die Vorgängergeneration. Unsere Maßnahmen müssen wir regelmäßig überprüfen und an die Zielgruppe angepasst ausrichten. Und das ist wieder etwas, das gemeinsam erfolgversprechender ist.
Auch die Ursachen für diesen Negativtrend sind nicht geklärt, vielleicht Perspektivlosigkeit oder Auswirkungen von Social Media und Digitalisierung?
Sander: Ja vielleicht. Und vielleicht auch das, was die Pandemie mit unserer Gesellschaft gemacht hat. Menschen, die vorher gefestigt waren, sind da ganz gut durchgekommen. Aber es gibt beispielsweise auch junge Menschen, die den Halt in dieser Zeit nicht so gefunden haben, wie sie ihn gebraucht hätten. Dies, so könnte ich mir vorstellen, trägt zu diesem Trend bei.
Und dann sind da noch Enkeltrick und Co: Wie reagieren Sie auf die Betrugsmaschinerien gegen ältere Menschen?
Sander: Das Thema müssen wir immer wieder platzieren, auch wenn Menschen sich durch Wiederholungen genervt fühlen könnten. Ich glaube, dass die Täterinnen und Täter die Opfer auf perfide Weise in Ausnahmesituationen bringen und sie dadurch anfällig machen. Für uns heißt das, nicht müde zu werden, die Maschen und Tricks bekanntzumachen, beispielsweise in Seniorenkreisen, bei Frisören oder Ärzten. Überall dort eben, wo wir Senioren erreichen können, müssen wir sie aufklären – um sie vor dem finanziellen Schaden, aber insbesondere auch vor dem Schamgefühl, das viele Opfer hierdurch erleben, zu bewahren.
Kann man diese Betrüger fassen?
Sander: Auf frischer Tat kommen wir in der Regel erst einmal nur an die Abholerinnen und Abholer heran. Entsprechende Taten ziehen aber natürlich erhebliche Ermittlungen nach sich, die oft auch zu den Hintermännern und -frauen führen können. Die Kriminellen bleiben kreativ. Es lohnt sich, insbesondere da unsere Gesellschaft immer älter wird, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen, neue Betrugsmaschen aufzuzeigen und zu sagen: Seid aufmerksam, sprecht mit euren Eltern und Großeltern über diese Betrugsmaschen. Aufklärung ist hier das beste Mittel.
Die Stadt Emden ist ansonsten sicher - so heißt es von allen offiziellen Seiten. Im Sommer dieses Jahres kamen aber vermehrt Zweifel an dieser These auf. Das Van-Ameren-Bad war von Jugendlichen angezündet worden. Es gab vermehrt Einbrüche in Schulen. Da war der Mann mit dem Messer in der Innenstadt, der nach kurzem Psychiatrie-Aufenthalt wieder in der Stadt auftauchte. Und da ist ein Pärchen in der Großen Straße von einem Jugendlichen mit einer Flasche schwer verletzt worden, dem es eigentlich zu Hilfe kommen wollte. Wie reagieren Sie auf die Zweifel der Menschen und ihre Verunsicherung?
Sander: Vorab möchte ich sagen, dass diese Taten alle aufgeklärt wurden.
Und damit ist die Gefahr gebannt?
Sander: Die Tatverdächtigen zu diesen Taten sind tatsächlich fast alle in Untersuchungshaft gebracht worden. Unsere polizeiliche Interventionsfähigkeit ist gut. Das sieht man auch bei den von Ihnen genannten Einsatzlagen. Wir waren sehr schnell vor Ort, das heißt aber nicht, dass wir immer sofort jemanden festnehmen können. Manchmal bedarf es aufwändiger Ermittlungsarbeit. Aber es ist uns -beziehungsweise der Emder Polizei, deren Teil ich im Sommer ja noch nicht war,- auch in diesen Fällen gelungen. Die Aufklärungsquote für Taten im Stadtgebiet ist auch über diese Taten hinaus hoch.
Viele Emder waren aber extrem aufgeschreckt.
Sander: Dass diese einzelnen Vorfälle allesamt Besondere waren und ein schlechtes Gefühl ausgelöst haben, kann ich verstehen. Sieht man sich die Zahlen aber insgesamt an, also die sogenannte Häufigkeitsziffer, die aussagt, wie oft Emder Bürgerinnen und Bürger -hochgerechnet auf 100.000 Menschen- durchschnittlich Opfer oder geschädigt werden, dann werden hier im Vergleich zu anderen Städten dieser Größenordnung eher weniger Straftaten begangen.
Die Stadt Emden richtet jetzt eine neue Verwaltungsstelle zur Koordinierung eines privaten Sicherheitsdienstes ein, der in der Innenstadt Streife laufen oder im Bürgerbüro Aufsicht halten soll. Nicht alle Ratsmitglieder sind damit einverstanden. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Maria Winter sprach bei der Ratsentscheidung über diese Stelle davon, dass die Stadt nicht für etwas bezahlen müsse, das Job der Polizei sei. Aber ist das die Aufgabe der Polizei?
Sander: Nein. Die Verwaltungsbehörden und die Polizei haben gemeinsam die Aufgabe der Gefahrenabwehr, dementsprechend muss das die Polizei nicht allein machen. Es ist normal, dass die Kommune hier aktiv ist. Das ist im niedersächsischen Polizei- und Ordnungsbehördengesetz geregelt. Und das ist tatsächlich in jeder größeren Stadt so, dass beispielsweise City-Streifen oder Ordnungsaußendienste zur Gefahrenabwehr eingesetzt werden.
Und da haben wir in Emden noch ein Thema mit Fettnäpfen-Potenzial: den Verkehrsversuch in der Neutorstraße. Wie beurteilen Sie die Situation?
Sander: Ich glaube, dass man im Rahmen dieser Verkehrsprojekte alles Wichtige betrachtet hat. Der Verkehrsfluss in den Seitenstraßen wurde gemessen, die Gefahrenpotenziale bei den unterschiedlichen Verkehrsführungen wurden beleuchtet, um festzustellen: Das hier ist eine gute Lösung.
Sie wohnen auch in Emden, das heißt, sie wissen um die Umwege, die zu fahren sind?
Sander: Wenn ich mit dem Auto in die Stadt fahre, so kann ich ein paar Minuten Umweg gut ertragen. Mich interessiert eher: kommt es zu Verkehrsbehinderungen, kommt es zu Gefahrensituationen, kommt es zu Unfällen? Und da sind mir bei dieser Verkehrsführung keine Häufungen bekannt.