Zürich  Eine Reportage bis zum Tod: Von der ersten Freundin und einem besonderen Onkologen

Michael Schilliger
|
Von Michael Schilliger
| 25.12.2023 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 17 Minuten
Ein junges Pärchen sitzt zusammen auf einem Berg und schaut sich den Sonnenuntergang an. Foto: Unsplash/Cody Black
Ein junges Pärchen sitzt zusammen auf einem Berg und schaut sich den Sonnenuntergang an. Foto: Unsplash/Cody Black
Artikel teilen:

Er war 19. Er war nicht glücklich. Dann bekam er Krebs. Also begann er zu leben. „Am Schluss sterbe ich trotzdem“, sagt Zack Logan. Bis es so weit sei, sollten wir ihn begleiten. Eine Reportage bis zum Tod – Teil Zwei.

Dieser Text ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie über das Leben von Zack. Teil eins lesen sie hier.

Im April 2022 treffe ich in einem getäferten Zimmer eines kleinen Spitals Luc Rubin, leitender Arzt der Onkologie. Rubin, 50 Jahre alt, hat schmale Lippen und gekräuseltes Haar. Er redet mit einer sanften Stimme, langsam, aber ohne Zögern, so als ob er diese Geschichte für sich im Kopf bereits einmal erzählt hätte.

„Dass die Sprechstunden mit Zack atypisch sein würden, war mir schnell klar. Ich wusste nur nicht, wie atypisch.

Ich lernte Zack bei seinem ersten Rückfall im Herbst 2019 kennen. Wir wussten wegen des Lymphknotenbefalls schon, dass es eine High-Risk-Situation ist. Eine Heilung schien noch möglich, aber die Karten, die eh schon schlecht waren, wurden noch etwas schlechter. Long Survivors sind bei dieser Krebsart selten.

Zack kam gerade von Japan zurück, wo er so viel Gutes erlebt hatte, und dann dieser Hammer. Beim ersten Mal waren die Eltern noch dabei, das ist immer eine spezielle Situation bei jungen Erwachsenen. Man ist ihnen verpflichtet als Arzt, sie sind ja Erwachsene, aber der Patient wohnt oft noch zu Hause, die Eltern sind nahe, man muss auch mit ihnen eine Bestandesaufnahme machen.

Bei den weiteren Terminen kam er allein. Was mir schnell auffiel: dieser riesige Redebedarf. Normalerweise plane ich eine halbe Stunde pro Patient ein. Bei Zack überzog ich masslos. Ich erkannte: Das kannst du nicht abklemmen, du musst einfach zuhören. Natürlich hat das meinen Zeitplan durcheinandergebracht. Ich plante dann jeweils eine Stunde ein. Ich kann das nicht bei jedem Patienten machen, aber es gibt nur einen Zack in meinen Sprechstunden.

Dieses Mitteilungsbedürfnis kam auch mit einem riesigen Schmerz. Daran erinnere ich mich sehr gut, wie verloren er sich fühlte, wie einsam. Es gab oft Tränen in den Sprechstunden. Die Gespräche gingen über das Onkologische hinaus. Bücher, die er gerade las. Endlich jemand, der zuhörte.

Irgendwann merkte ich: Das geht mir näher als beim Standardpatienten. Dieser Schmerz war buchstäblich zu fassen. Da habe ich wochenlang gewerweißt, gehadert. Ich musste mich entscheiden: Grenze ich mich ab? Oder lasse ich ihn wirklich nahe an mein Herz heran? Ich wusste, dass ich mich eigentlich abgrenzen müsste. Aber wie hätte ich das machen sollen? Einfach nach 30 Minuten abklemmen und sagen: Sorry, that’s it?

Ich habe mich mit meiner Frau besprochen. Sie ist Gynäkologin, sie warnte mich: Du kannst nicht sein Freund sein, du bist sein Arzt. Es ist nicht so, dass ich mir das nicht zu Herzen genommen hätte. Aber ich fragte mich: Wenn ich einen Menschen, der in einer solch existenziellen Not ist, in die Schranken weisen muss, was mache ich dann hier als Arzt? Wenn ich einfach dazu da bin, Chemotherapien zu verabreichen, und danach finde, deine Not geht mich nichts an – das kann ich nicht, das will ich nicht.

Zack ist in jeder Hinsicht speziell. Seine Ehrlichkeit, er ist so unglaublich ehrlich mit sich selbst. Dieser extreme Wunsch, mit sich selbst im Reinen zu sein. Andere junge Patienten sind da anders. Ich habe einen Osteosarkom-Patienten mit Metastasen in der Lunge, 19 Jahre alt, der eine ganz andere Coping-Strategie hat. Er sagt: Danke, es geht mir gut, ich mag nicht darüber reden. Verdrängen ist nicht nur negativ. Gerade in einer Situation, in der man eigentlich nichts beeinflussen kann. Als Arzt hat man fast den größeren Stress, weil man weiß, was noch kommen wird, und denkt: Es ist gut, dass er vielleicht gar nicht alles vor Augen hat.

Zack war ganz anders. Er wollte immer alles wissen. Null verdrängen. Es ist immer ein Balanceakt. Man weiß, die Zukunft ist unsicher, aber man muss versuchen, in der Gegenwart zu leben. Man kann nicht warten, bis alles wieder gut ist. Dann verbringt man den Rest des Lebens mit Warten.

Ich ließ Zack dann an mich heran, ich merkte, er muss einfach mal richtig ausreden können. Im Februar 2020 lud ich ihn zu uns nach Hause zum Znacht (Abendessen) ein. Das war natürlich eine Grenzüberschreitung. Ich hatte das noch nie gemacht in meinem Leben, einen Patienten einzuladen, ich tauschte mich vorher mit einer Kollegin aus, aber niemand konnte mir etwas raten. Man muss Zack in der Sprechstunde erleben, um das zu verstehen.

Er redete dann bis halb eins am Morgen, dann war er fertig, ausgeredet. Das hat auch mir geholfen.

Ich vergesse manchmal fast, wie es am Anfang war. Dieser Schmerz und seine Verlorenheit.

Ich hatte am Anfang mal einen Traum. Ich war irgendwo im „no man’s land“, stockrabenschwarze Nacht, und musste den Weg nach Hause finden. Da traf ich auf eine Gruppe Menschen, in der Gruppe war ein junger Erwachsener. Und der schrie vor Angst. Wo bin ich, wie finde ich den Weg nach Hause? Ich bin aufgewacht und habe an Zack gedacht. Ich träume wirklich nie von meinen Patienten. Ich glaube auch nicht an Eingebungen, aber ich wurde das Gefühl nicht los, es könnte vielleicht meine Aufgabe sein, ihn aus der Nacht zu führen, den Weg mit ihm zu gehen.

Ein Stück weit gelang das vielleicht auch. Die Therapie, diese Rückfälle, es ging ja eigentlich immer bergab, aber gleichzeitig hat er immer mehr zu sich selbst gefunden. Das habe ich so noch nie erlebt. Manchmal verschlägt es mir die Sprache. Ich habe 80-jährige Patienten, die sich beklagen, sie könnten nun nicht mehr in die Ballettstunde. Und 85-jährige, die sich noch nie ernsthaft mit dem Gedanken auseinandergesetzt haben, dass das Leben endlich ist.

Es ist ja auch nicht so, dass ich nur gebe. Es gibt keinen Patienten, der mich so beschenkt hat. Ich habe viel von Zack gelernt. Ich hatte schon von Viktor Frankl und dessen Buch über die Zeit in Auschwitz gehört, aber dank Zack habe ich es gelesen, wir haben darüber viel geredet. Über das Konzept, Wirklichkeit zu gestalten. Das thematisiere ich jetzt mit vielen anderen Patienten.

Ich muss jetzt lernen loszulassen. Ich habe ihm gesagt: Was du noch unbedingt machen willst, mache es dieses Jahr. Bald entscheiden wir, ob wir auch die palliative Chemo abbrechen. Es gäbe noch experimentelle Sachen, aber Zack ist therapiemüde. Er ist weit im Prozess des Abschiednehmens, er sagt, er habe keine Angst mehr. Jetzt muss ich ihn loslassen. Das Setting, ich kämpfe an deiner Seite, ich organisiere die nächste Therapie, ist immer einfacher. Ich weiß schon lange, dass wir diesen Kampf verlieren werden, aber das Emotionale ist etwas anderes.

Ich bin gläubig und war vor meiner Zeit hier in einem Missionsspital in Mosambik. Wir wollten vier Jahre bleiben und für Bedürftige da sein, aber wir mussten den Aufenthalt abbrechen. Es fühlte sich wie ein Scheitern an. Dass danach Zack auftauchte, war vielleicht ein Zeichen: Er war zwar nicht finanziell bedürftig, aber seelisch. Zack hat sich immer danach erkundigt und dann irgendwann gesagt, es würde ihn reizen, Mosambik noch zu sehen. Ich dachte, das wäre ein cooles Setting, aber wie sollen wir das planen? Inzwischen habe ich mich damit abgefunden: Wir planen mal, und wenn es klappt, klappt es.

Ich weiß nicht, wie es enden wird. Das weiß man nie. Bei manchen geschieht es aus dem Nichts, in wenigen Stunden. Andere kämpfen noch lange. Aber ich glaube, er wird es gut machen. Ich habe auch Angst davor, wie es sein wird, wenn er weg ist. Es ist ja oft so: Diejenigen, die gehen müssen, sind besser vorbereitet als diejenigen, die zurückbleiben.“

Wie lässt man das Leben los? Paradoxe Antwort à la Zack: Indem man es lebt.

Zack hat keine Bucket-List, er hat eine Google-Maps-Karte. Bei einem unserer Treffen zeigt er sie mir auf seinem Handy. Sie ist gefüllt mit grünen Punkten, gelben Sternen und roten Herzchen. Die ganze Welt ist gefüllt. Es hat Punkte in Sibirien, in Thailand, in den USA, in Afrika, in der Schweiz. Je mehr man hineinzoomt, desto mehr Punkte erscheinen.

Seit der Diagnose markiert Zack jeden Ort, den er besucht hat. Jedes Café, jedes Restaurant, jeden Park, jeden See, jeden Berggipfel, jede Bar, jede Badi, jeden Grillplatz. Besucht ist ein gelber Stern. Hat ihm der Ort gefallen, gibt es ein Herz.

Die grünen Punkte? Alles Orte, die er noch sehen möchte. Es sind Hunderte, wenn nicht Tausende. Manchmal sitzt er zu Hause und zoomt rein in eine Gegend, von der er noch überhaupt nichts weiß. Kürzlich hat er das mit Rumänien gemacht, jetzt wimmelt es dort von grünen Punkten. Zum Beispiel in Brasov, „megaschöne Architektur, verschiedene Völker, Sachsen, Goten. Und dann war da Dracula! Den fühle ich. Und es ist günstig.“ Geld bleibt auch beim Sterben wichtig, Zack hat zwar einen Job und lebt zu Hause, aber gratis sind die Reisen nicht.

Natürlich ist das irgendwie gierig, unersättlich, Zack weiß das. „Ich könnte 500 Jahre leben, und es gäbe immer noch mehr, das ich sehen und machen möchte. Einfach mal ein halbes Jahr nach Nepal und mit buddhistischen Mönchen leben. Oder alles an der Universität studieren, das es gibt. Sogar Kunstgeschichte! Wobei, nein, Kunstgeschichte nicht unbedingt, es gibt nicht genug Bilder, die mich interessieren, damit ich das Studium durchhalten würde.“

Wenn Zack die Karte aufmacht, beruhigt ihn das. Er denkt dann, dass er nicht undankbar sein sollte. Er erkennt, wie viel er schon von der Welt gesehen hat. Und es beglückt ihn, dass er noch neue Punkte setzen kann.

Seine Reiselust wirkt mal wütend, mal fröhlich und ist vielleicht immer beides zugleich. Allein im April 2022 fliegt er sieben Mal. Nach London, nach Istanbul, von dort nach Athen, wenn er zurück ist nach Sizilien, mit der Familie. Die letzten Familienferien. „Ich spüre den Druck, das kommt in Wellen, jetzt ist es extrem.“

Das Reisen gab Zack die Kontrolle über das Leben zurück. Seiner Mutter sagte er einmal: „Wenn ich allein reisen gehe, weiß ich wenigstens, wieso ich einsam bin. Wenn ich hier bin mit Freunden, und wir führen ein banales Gespräch, sie leben ein ganz anderes Leben, mit dem ich nichts mehr zu tun habe, fühle ich mich auch einsam, aber es ist schlimmer, weil ich ja eigentlich mit anderen Menschen bin.“

Einem Lebenstraum fühlte er sich immer ausgeliefert. Machtlos und irgendwann auch hoffnungslos: Liebe lässt sich nicht erzwingen. Er hat es probiert. Im Ausgang mit Freunden in Zürich vor dem Krebs, wieso sonst gingen sie ins Fitness und pumpten sich auf? Oder auch mit dem Krebs in Korea im Ausgehviertel „auf Aufreißtour“ mit Expats. Er schämt sich, weil er sich zuerst gefreut hat, wie attraktiv die Koreanerinnen ihn fanden, aber dann merkte, dass sie ihn als exotische Trophäe aus dem Westen begehrten und nicht als Menschen, den sie kennenlernen wollten.

Zack haderte damit. Redete immer wieder mit Luc darüber, wie sehr er sich eine Freundin wünsche. Und wie sehr er sich für diesen Wunsch schäme. „Ich wollte es aus egoistischen Gründen. Ich wollte wissen, wie ich wäre, so als Partner. Das war ein unerlebter Teil von mir.“

Im Frühling 2021 sitzt Zack in der Praxis seiner Psychoonkologin. Er lästert über die Welt, darüber, wie oberflächlich die Menschen seien. Er hadert damit, dass er womöglich sterben werde, ohne geliebt zu haben. Schließlich sagt er, er möchte die Therapie abbrechen, sie helfe ihm nicht.

Die Psychoonkologin hört zu, und Zack redet weiter. Er stelle sich manchmal eine Frage: Was sein jüngeres Ich denken würde, wenn es wüsste, was das Leben bringen werde. „In dem Moment hatte ich ein Bild vor mir. Ein Bub, ich als 8-Jähriger, der mich anschaute. Er lachte mich an, ich lachte mich an, das war ja ich! Der Bub, also ich, schaute mich null urteilend, nur akzeptierend an. In dem Moment war alle Angst, all der Schmerz verschwunden.“

Zack sagt, er sei nach diesem Erlebnis im Reinen gewesen mit sich. Er habe sich frei gefühlt, leer, und glücklich. „Wenn ich in dem Moment gestorben wäre, wäre das okay gewesen.“

Als er mir das erzählt, bin ich skeptisch. Es klingt so simpel. Ein Erweckungserlebnis, fast schon religiös, keine Maria, die ihm erscheint und ihm vergibt, sondern sein jüngeres Ich. Vielleicht logisch für jemanden, der ohne Glauben an eine höhere Macht aufgewachsen ist. Erlösen kann man nur sich selbst.

In der Onkologie des Kleinspitals surrt und knallt und hämmert es. Es wird umgebaut, „das passt“, findet Zack, der Kommentator seines Lebens, an diesem Mai-Donnerstag 2022.

Zack ist zurück aus den letzten Familienferien in Sizilien, eine neue Runde Chemotherapie steht an, aber zuvor hat er eine Sprechstunde bei Luc.

Zack sprudelt gleich los: „Eigentlich geht es mir gut . . . aber ich fühle mich so heuchlerisch. Habe es dir schon am Telefon gesagt, vielleicht kannst du es erahnen. Also, ich komme nicht aus dem heraus. Und Lea auch nicht. Ich weiß nicht mehr, was tun. Ich fühle mich doof.“

„Also, wart schnell, jetzt musst du mir helfen“, sagt Luc. Lea ist Zacks Freundin. Oder sie war Zacks Freundin. Sie ist es immer wieder, eine komplizierte Geschichte. Luc trommelt mit den Fingern auf den leeren Tisch. „Ich ahne schon, in welche Richtung das geht. Als du mich vor einer Woche aus Sizilien angerufen hast, ging es dir nicht gut. Du sagtest, diese Dreiecksgeschichte mit Lea hältst du nicht mehr aus.“

„Ja, genau! Ich war wütend. Ich fand: Ich muss einen radikalen Schlussstrich ziehen und habe ihre Nummer gelöscht und sie blockiert. Dachte, ich brauche sie nicht mehr, ich schaffe das allein.“

„Also, hast du ihr auch geschrieben oder nur die Nummer gelöscht?“

„Nur gelöscht. Sie hatte mir noch geschrieben, aber ich habe sie fünf Tage ignoriert.“

„Und dann?“

Luc Rubin, Onkologe, Freund, Beziehungs-Coach. Später werden Luc und Zack auch die Dosierung der Medikamente besprechen. Aber wichtiger ist jetzt das Leben. Akuter ist das Herz.

Luc ist dafür ja auch irgendwie verantwortlich.

Wie genau Zack Lea kennengelernt hat, darf ich nicht erzählen, es wäre eine schöne Geschichte, die, wenn man sie in einem Filmdrehbuch schreiben würde, von den Zuschauern kaum geglaubt würde. Aber Lea möchte anonym bleiben. Sie wird auch nie mit mir über Zack reden. Erst nach seinem Tod telefonieren wir einmal, und sie sagt, die Geschichte schmerze sie zu sehr, sie habe sich nicht gut verhalten.

Zack lernt Lea im Frühsommer 2021 in der Nähe der Universität kennen, redet mit ihr stundenlang. Am nächsten Tag sagt er zu Luc: „Ich glaub, ich habe mich verknallt.“ Luc ermutigte ihn, Lea zu schreiben. Anfang Juni 2021 hatten sie ihr erstes Date im Irchelpark neben der Uni.

Zack und Lea gingen in die Ferien, Italien. Es war das erste Mal, dass er so etwas mit einer Partnerin, und das erste Mal, dass er so etwas als Partner machte. Zack war glücklich, der Krebs unter Kontrolle. Dann, einen Monat später, spürte er wieder etwas Hartes in seiner Bauchgegend. Der Krebs war zurück.

Ob die Beziehung anders verlaufen wäre, wenn Zack krebsfrei geblieben wäre? Amélie, die Mutter, sagt heute: „Ich mache Lea keine Vorwürfe. Wieso auch? Wer würde nicht davonrennen wollen vor dieser Situation? Ich bewundere jede Frau, die das aushält.“

Zack und Lea werden zu einer On-off-Beziehung, getrennt durch den Krebs, der ihr, so erzählt es Zack, Angst macht, weil sie nach seinem Tod allein zurückbleiben wird. Und dann ist da noch ein Ex-Freund, der nicht sterben wird.

„Oh Mann, als wir von den Ferien zurück waren, habe ich ihr geschrieben, sie hat geantwortet, sie verstehe, wieso ich sie blockiert habe. Wir haben telefoniert, sie ging in den Ausgang, ich war bei Kollegen Monopoly spielen, dann sagte sie, sie sei bei sich zu Hause, um 10 vor 2 am Morgen war ich bei ihr. Und ja . . .“ – er wird verlegen – „. . . dann haben wir das ganze Wochenende zusammen verbracht.“

„Und jetzt ist wieder alles gut?“, fragt Luc.

„Ja. Aber weil ihr Ex gerade in den USA ist. Wenn er zurückkommt . . . ich weiß doch auch nicht.“

„Kann der Ex sich nicht einfach gedulden . . .“, Luc zögert kurz, „. . . bis du weg bist?“

„Jaaa! Habe ich ihr auch gesagt! Sag ihm doch: „Zack ist eh nur noch ein paar Monate am Leben. Danach bin ich frei für dich.“ Aber ich verstehe ja ihre Angst. Wenn ich weg bin, und sie ist voll auf mich fokussiert, dann ist sie verloren. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Luc, der hier eines der ungewöhnlicheren Patientengespräche seiner Karriere führt, ist auch ratlos.

„Ich weiß auch nicht, was raten, Zack. Wir haben schon „hinderdschi ond vorderschi“ (rückwärts und vorwärts) darüber geredet. Du musst entscheiden, was du ertragen kannst. Es steht nirgends geschrieben, dass das Leben geradeaus funktionieren muss. Das tut es eh nicht. Wenn es also Kurven macht . . .“

„Ich weiß, ich weiß.“ Zack seufzt.

Die erneute Trennung vor Sizilien hat die Familienferien getrübt. Zack war schlecht gelaunt, zynisch und lief manchmal einfach allein in Catania herum, Kopfhörer eingestöpselt und deprimierende Musik am Laufen. Ein Buch von Nietzsche las er auch noch.

Amélie sagt: „Von zwölf Tagen waren zwei gut. Aber vielleicht ist das einfach auch normal bei Familienferien in diesem Alter. Aber weil er bald stirbt, haben alle das Gefühl: Das muss jetzt toll werden. Die letzten Weihnachten, der letzte Silvester, die letzten Ferien – aber so kann man nicht leben.“

Zack hadert damit. Es tut ihm leid für seine Eltern und seinen Bruder. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, endlich einmal mit ihm über seine Prognose zu reden. Zack hat das bis jetzt vermieden. Sein Bruder ist sieben Jahre jünger. Die Familie hat ihn immer vor dem Krebs zu beschützen versucht.

„Hast du es ihm gesagt?“, fragt Luc.

„Joa, also, ich habe nicht wirklich direkt mit ihm darüber geredet. Wir hatten es gut, ich gehe mit ihm an ein Konzert diese Woche, habe Tickets gekauft.“

„Aber denkst du, er weiß, wie es um dich steht?“

„Weiß nicht, es ist ähnlich wie bei meinen Kollegen. Die sagen, es sei für sie irgendwie unvorstellbar. Weil ich halt normal aussehe. Eine Kollegin sagte, erst wenn sie mich im Spital sehe, werde es ihr wirklich einfahren.“

„Was löst das bei dir aus?“

Zack lacht. „Ich denke so: Fuck, wenn du wüsstest, was ich habe!“ Er schweigt. „Aber ich verarsche mich ja auch selbst manchmal, lebe auch gerne in dieser Illusion, dass alles gut sei. Und gleichzeitig verdränge ich es ja nicht. Ich lese Bücher über den Tod, höre Lieder über den Tod. Ich gehe jetzt dann nach Auschwitz. Ich frage mich einfach manchmal, ob ich den Zeitpunkt verpassen werde.“

„Welchen Zeitpunkt?“

„Um es ihnen zu sagen. Ich habe Studienkollegen getroffen, und die fragten, was der Stand sei. Was soll ich da sagen? Ich erkläre es dann wissenschaftlich, Krebs als Rennen gegen die Evolution, unbesiegbare Superzellen und so was.“

„Das ist schon okay so“, sagt Luc.

„Ja, der Kollege sagte dann: „Kommt schon gut, ich glaube dran, du schaffst das.“ Am liebsten würde ich ihm sagen: Was laberst du für einen Scheiß, Mann. Ich bin am Arsch!“ Er schweigt. „Ich weiß ja, dass er es gut meint.“

Dieser Text erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

Ähnliche Artikel