Hamburg Kein Schnee und falscher Akzent: Die Geschichte hinter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“
„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist einer der beliebtesten Weihnachtsfilm-Klassiker. Dabei liefen die Dreharbeiten alles andere als glatt. Interessante und kuriose Fakten über den Märchenfilm mit Kultstatus.
Weihnachten ohne den Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“? Für viele Kinder und auch Erwachsene ist das einfach unvorstellbar – und das schon seit Generationen. Allein die Schlussszene ist hinreißend: Seite an Seite galoppieren Aschenbrödel, gekleidet in ein Brautkleid, und ihr Prinz durch die verschneite Landschaft.
Eine Mitsumm-Melodie des tschechischen Komponisten Karel Svoboda untermalt diesen romantischen Moment, der die Herzen der Zuschauer erstmals am 1. November 1973 dahinschmelzen ließ. Damals feierte die deutsch-tschechischen Koproduktion Premiere, heute hat sie Kultstatus und gehört zum Feiertagsritual. Alle Jahre wieder.
Nicht nur in Deutschland ist dieser Klassiker, für den in diesem Jahr hierzulande zwischen dem ersten Advent und dem 6. Januar gleich 16 Sendetermine im Fernsehen angesetzt sind, beliebt. Der Streifen hat sogar Fans in Spanien oder in den Arabischen Emiraten. Vor allem natürlich dank Libuse Safránková, die die Hauptrolle gespielt hat.
Dabei war die 20-Jährige damals bloß zweite Wahl. Ursprünglich sollte die Schauspielerin Jana Preissova Aschenbrödel darstellen, wegen ihrer Schwangerschaft musste sie jedoch absagen. Deswegen rückte die junge Tschechin aus Brünn nach.
Ein Glücksfall. Libuse Safránková war nicht nur zart und hatte einen unschuldigen Bambi-Blick, sie vermochte ihrer Figur Tiefe zu geben. Anders als Aschenputtel aus Grimms Märchen wirkt Aschenbrödel nicht total verschüchtert, sondern eher aufmüpfig. Statt passiv auf ihren Prinzen zu warten, kämpft sie keck und selbstbewusst für ein besseres Leben. Manchmal gibt sie ihrer Stiefmutter Widerworte, ihre Stiefschwester beschmutzt sie beim Kehren schon mal absichtlich mit Staub. Ebenso wenig lässt sich Aschenbrödel von irgendeinem Mann den Schneid abkaufen.
Möglich machen das ihre Zaubernüsse. Die hütet die Eule Rosalie für sie. Aus einer Nuss schält sich schließlich eine rosa-blaue Abendrobe. Aschenbrödel trägt sie, als sie auf ihrem Pferd Nikolaus zum Ball des Königs reitet. Die Ballszenen im Palast wurden im Barockschloss Moritzburg in Sachsen nahe Dresden gedreht, dort kann man heute noch auf der Treppe den in Bronze gegossenen Schuh von Aschenbrödel bewundern und sogar anprobieren. Auf der achten Stufe von unten.
Allerdings war die Moritzburg nicht der Hauptdrehort. Die meiste Zeit verbrachten die Schauspieler in den Filmstudios Babelsberg in Potsdam oder in den Filmstudios Barrandov in Prag.
Bei den Dreharbeiten lief längst nicht immer alles wie geplant. Eigentlich wollte der Regisseur Václav Vorlícek ein Sommermärchen inszenieren. Dummerweise konnte er sein Filmprojekt aber allein nicht finanzieren, er musste sich mit der DEFA zusammentun.
Weil die Babelsberger Studios im Sommer schon belegt waren, disponierte er um und entschied sich für ein Wintermärchen. Dazu gehörte natürlich auch Schnee, der im Januar 1973 leider nicht rund um die Moritzburg lag. Also wurde improvisiert. Fischmehl, Sägemehl und mit Schlittschuhen aufgerautes Eis hielten bei den Außenaufnahmen kurzerhand als Kunstschnee her.
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Der Fischgeruch war für das Filmteam eine echte Herausforderung. Ebenso wie das Sprachenwirrwarr. Die deutschen Schauspieler, unter ihnen der DDR-Star Rolf Hoppe als König, sprachen Deutsch, die tschechischen Darsteller Tschechisch. Teilweise konnten sie sich am Set gar nicht miteinander verständigen.
Die Dialoge wurden nachträglich synchronisiert. Erstaunlicherweise bekam in der tschechischen Fassung selbst Pavel Trávnicek als Prinz ein Voiceover. Denn der Regisseur tat sich mit seinem mährischen Akzent schwer.
Gleichwohl brachte „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ für Pavel Trávnicek und Libuse Safránková, die 2021 gestorben ist, den Durchbruch als Schauspieler. Hauptsächlich für Märchenfilme wurden die beiden zunächst engagiert, 1982 standen sie in „Der dritte Prinz“ wieder gemeinsam vor der Kamera. 1997 gründete Pavel Trávnicek in Prag das Theater Skelet, als Synchronsprecher hat er den Hollywood-Stars Alec Baldwin oder Jeff Goldblum seine Stimme geliehen.
Wenn der 73-Jährige heute zufällig mal sein junges Alter Ego als Prinz auf dem Bildschirm sieht, kann er das gar nicht so recht fassen. Auch Libuse Safránková, die 1996 in dem Oscar-prämierten Drama „Kolya“ eine Sängerin gab und in mehr als 90 Film- und Fernsehproduktionen mitwirkte, war keine leidenschaftliche „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-Zuschauerin.
Angeblich hat sie das Märchen Weihnachten nie geguckt, weil an den Festtagen in ihrer Familie der Fernseher aus geblieben ist. An der Popularität dieses Films ändert das natürlich nichts.