Zürich Eine Reportage bis zum Tod: Wie ein 19-Jähriger fünf Jahre mit Krebs lebte
Er war 19. Er war nicht glücklich. Dann bekam er Krebs. Also begann er zu leben. „Am Schluss sterbe ich trotzdem“, sagt Zack Logan. Bis es so weit sei, sollten wir ihn begleiten. Eine Reportage bis zum Tod – Teil Eins.
Dieser Text ist Teil einer dreiteiligen Serie über das Leben von Zack. Teil zwei und drei werden in den kommenden zwei Tagen veröffentlicht.
An einem Samstag im Oktober 2022 findet in einem Dorf im Zürcher Unterland eine Feier statt, für die es keinen Namen gibt.
Am Dorfrand dringen Stimmen durch die braunen Wände eines Häuschens, in dem einst Wein gekeltert wurde. Eine Wolke aus Gekreische und Gelächter, so wie es sich gehören würde für einen Ort, an dem normalerweise Vereine und Familien Partys feiern.
Am Straßenrand parkiert: Autos, die Fenster nicht hochgefahren. Eine sorglose Welt.
In der ehemaligen Kelterei sind Tische zusammengestellt, mit weißem Papier gedeckt, mit Schälchen voller Gummibärchen und Chips belegt, an der Wand stehen Papiersäcke mit Nachschub. Es gibt Kuchen, einen Tisch mit Salatbuffet, und dann steht da eine Leinwand, auf der später Fotos erscheinen, nach denen die Gäste mal laut lachen, mal schweigen werden.
Es sind da: eine Mutter, sie lächelt, füllt Schälchen, begrüßt Leute, führt sie zum Getränkelager; ein Vater, groß, distanziert, mit ernstem Blick; ein weiterer Mann mittleren Alters mit Augen, die trauern; und ein junger Mann, 24 Jahre alt, eine Käppi tief in die Stirn gezogen, in der einen Hand einen Plastiksack, in einen Stuhl gekrümmt.
Das ist Zack.
Für ihn findet diese Feier statt. Er hat erst vor wenigen Wochen dazu eingeladen, so kurzfristig, dass in der Schweiz normalerweise niemand Zeit finden würde. Aber für Zack sind sie alle gekommen, zwei Freunde haben kurzerhand Flüge gebucht, sind aus den USA und Südafrika eingeflogen, noch an diesem Abend fliegen sie zurück.
Jetzt sitzen sie neben Zack, seine Hand krallt sich um den Plastiksack, die andere hält sein Handy, und er swipt durch Fotos von seiner letzten Reise.
Anfang des Monats war er noch zwei Wochen weg gewesen, hatte einen Freund in Seoul besucht und war allein nach Vietnam gereist. Es war nicht sein erster Besuch, aber definitiv sein letzter.
„Siehst du, Bro, 125 cm3, da bin ich hintendrauf gesessen.“
„Krass, Bro, krass. Dort hocken sie ja fast auf dem Gleis!“
„Ja, voll! Das war mitten in Hanoi! Mitten in der Stadt. Und dann fährt ein Zug durch mit 50 km/h. Zehn Tage bevor ich da war, hat der Zug einen Mann voll getroffen, der wollte auch ein Foto von sich und dem Zug machen, war aber kein Tourist!“
„Alte, huere krass!“ (Alter, voll krass!)
Zack erzählt von Ho-Chi-Minh-Stadt und Reisfeldern, wie arm die Leute dort waren, wie glücklich ihn die Reise gemacht hat.
„Schau, hier, da fahren sie . . .“ Er bricht den Satz ab, hält sich die Faust vor den Mund, bückt sich, streckt das Handy von sich weg. Er will den Satz noch beenden, aber er schafft es nicht. Seine Mutter eilt herbei, sie geht neben ihm in die Hocke, er hält sich den Plastiksack vor den Mund, neben ihm steht nun auch der Mann mit den trauernden Augen, es ist sein Arzt, Luc, der eigentlich nicht hier wäre, wäre das eine normale Arzt-Patienten-Beziehung. Aber Luc sagt: „Es gibt nur einen Zack in meiner Karriere. Und es wird nur einen Zack geben.“
Es ist das letzte Fest, das Zack feiern wird. Sein Abschiedsfest. Zack will keine Beerdigung, auch seine Eltern nicht, die Logans sind Atheisten, aber irgendetwas muss man ja trotzdem machen, und sei es nur für die Angehörigen, dann, wenn man stirbt.
Fünf Jahre lang hat Zack gegen den Krebs gekämpft. Vor einem Jahr wurde klar, dass er den Kampf verlieren würde. Seit ein paar Wochen hangelt er sich von Tag zu Tag.
Zack sagt, er finde die Situation ungerecht. Aber nicht für ihn, sondern für die anderen. „Ich habe immer das Gefühl, dass ich einen taktischen Vorteil habe, weil ich mich schon seit fünf Jahren mit dem Tod beschäftige. Tagein, tagaus. Und darum meinen Frieden gefunden habe. Aber für andere ist es einfach so: „Tschüss zäme, ich bin dann jetzt gleich weg.““ (Tschüss zusammen, ich bin dann jetzt gleich weg)
Zack redet einfach so leise vor sich hin: „Ich wünschte vor allem, dass sie wissen, dass ich froh bin, gehen zu können.“ Er macht eine Pause und sagt. „Also nein, ich bin nicht froh, zu gehen. Ich bin froh, befreit zu sein von dieser Situation.“
Wenn Zack spricht, macht er zwei Arten von Pausen. Solche aus Erschöpfung. Und solche, in denen er zu realisieren scheint, dass er eigentlich auch das genaue Gegenteil glaubt von dem, was er gerade gesagt hat.
Bin ich froh zu gehen? Oder gar nicht froh? Ist der Tod Erlösung – oder doch einfach eine Niederlage?
Zack will, dass es das eine ist. Eine eindeutige Antwort, eine klare Geschichte. Aber er ist so klug, und er hat sich so stark mit diesen Fragen auseinandergesetzt, dass er weiß: Im Leben ist alles immer beides.
Fünf Jahre Krebs. Den ersten Tumor hat die Mutter getauft. Zack ist politik- und geschichtsbesessen, das Böse habe daher nur einen Namen tragen können: „einen Nazi-Namen“, sagt Zack. „Aber ja keinen Namen, der nach einem effizienten, pflichtbewussten Nazi klingt . . . wie . . . Heinrich! Der gewinnt noch. Wir nannten den Tumor Manfred, wie so ein fetter, fauler Nazi. Gegen Manfred kann ich gewinnen, gegen Himmler oder Rommel nicht.“ Zack hat Manfred tatsächlich besiegt. Den zweiten Tumor tauften die Logans nicht mehr.
Die fünf Jahre Krebs waren aber mehr als ein Feldzug gegen einen fetten und faulen Feind. Für Zack war es eine Jagd nach dem Leben. Ein Versuch, so viel wie möglich in die Zeit hineinzupacken, die ihm bleibt. Ohne zu wissen, wie viel Zeit das überhaupt sein wird.
Jedes Leben endet. Die meisten von uns verdrängen dieses Wissen. Manchmal, etwa wenn ein uns naher Mensch stirbt, wird uns das bewusst, wie wenn ein Blitz den Horizont kurz erleuchtet. Aber es bleibt meist eine schwache Mahnung in einer Welt voller Verdrängungsoptionen. Wetterleuchten, aber kein Gewitter.
Zack hat fünf Jahre lang nicht verdrängt. Er wollte gehen können ohne Gram und Bedauern. Also hat er den Tod studiert, von allen Seiten. Manchmal schien es, als wollte er ihn besiegen, indem er sich mit ihm anfreundet.
Wer würde das tun, solch eine Mail schreiben? „Natürlich Zack“, sagen seine Freunde. „Sooo Zack“, sagt die Mutter, sie lacht dabei nervös und verdreht die Augen. „That’s Zack“, sagt der Bruder trocken auf Englisch, der Verkehrssprache der Familie. Aber auch er lächelt, vielleicht ein wenig stolz.
Zack hatte die Mail im Dezember 2021 verfasst, in einer Nacht, „in der ich den Tod fühlte, spürte, es kommt nun auf mich zu“. Er speicherte sie zunächst im Entwurfsordner. Erst als die Ärzte bestätigten, dass es bei weiteren Therapien nicht mehr um Heilung gehe, sondern um Aufschub, schickte er sie ab. Das war am 22. Februar 2022.
Die Mail hat er an die Leserbriefadresse der NZZ geschickt. Von dort gelangte sie zu mir.
In dieser Mail stellt sich Zack vor, 23 Jahre alt, Student der Wirtschaftschemie und Krebspatient. Er rekapituliert seine Krankheitsgeschichte und schreibt dann, dass er nun zum wiederholten Mal eine Chemotherapie begonnen habe, um das Wachstum neuer Tumore zu hemmen. Aber dieses Mal sei etwas anders.
„Die Prognosen sind nicht gut, und ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch haben werde. Trotz allem bin ich motiviert und zuversichtlich und versuche, so gut, wie es geht, Wirklichkeit zu gestalten. Ich gehe immer noch zur Uni und arbeite auch nebenbei 40 Prozent im Büro eines KMU.
Ich bin aber auch manchmal ein bisschen überfordert. Meine eigene Mortalität beschäftigt mich sehr, und ich setze mich auch seit Anfang damit auseinander. Ich weiß nicht, ob es mir helfen wird, aber ich wollte fragen, ob Sie vielleicht einen Artikel über mich und meine Situation machen und mich bis zu meinem Tod begleiten könnten. Ich fühle mich oft einsam, und es fällt mir schwer, mit meinen Freunden über den Tod zu reden. Ich wünsche mir, dass es vielleicht mehr Infos über den Prozess gäbe und Artikel, die zeigen, wie es ist, mit dem Tod im jungen Alter konfrontiert zu werden und ihn zu akzeptieren. Ich finde, wir leben in einer todscheuen Gesellschaft, wo der Tod verschwiegen wird, als ob es ihn nicht gäbe. Ich würde mich über eine Rückmeldung sehr freuen und bin auch offen für Fragen.“
Anfang März 2022 sitze ich in einem Dorf im Zürcher Unterland an einem Esstisch. Der Tisch steht in einem offenen Raum, Küche mit chromiger Sodastream und Siebträgermaschine auf der einen Seite, Stube mit Ecksofa und flachem Fernseher an der Wand auf der anderen. So ordentlich wie auf Fotos des Inserats einer Modellwohnung. Ein Garten, hohe Hecken, ein makelloses Zuhause für eine vollkommene Familie, seit dem Krebs aber auch eine Art Burg.
Die Logans wurden aus Zufall eine Familie. Der Vater ist Engländer, die Mutter das Kind einer Indonesierin und eines Schweizers, aufgewachsen ist sie in den USA. Die Eltern lernten sich auf einer Insel vor Singapur kennen. Sie waren 23.
Für beide war ihre Beziehung auch ein Versuch, etwas zu erschaffen, was sie selbst nie erlebt hatten: Glück in der Familie. Mit dem Schweizer Vater hatte die Mutter keinen Kontakt mehr. Als sie 24-jährig Zack zur Welt brachte, rief ihr Vater ins Spital an und sagte: „Was hesch gmacht.“ (Was hast du gemacht). Eine Frage war das nicht.
Umso mehr Liebe gaben Zacks Eltern sich und der Familie, die sie schufen. Zack wird oft von der Beziehung seiner Eltern reden. Eine reine, starke, unerschütterliche Liebe, sie ist ihm Vorbild und Schutz, aber sie wird auch zum Fluch, als er selbst irgendwann nach der Liebe sucht.
Wir sitzen allein da, die Eltern seien im oberen Stock, sagt Zack knapp. Ein weißes Gesicht, mit klaren Linien gezeichnet, Augen wie Knöpfe im Gesicht, ein Käppi, tief ins Gesicht gezogen, das ihn kindlicher, aber auch abstrakter, ja fast härter wirken lässt.
Erst viel später werde ich Fotos von Zack vor der Krebserkrankung sehen, ohne Käppi, mit Haaren, dunkel und dicht.
Er erzählt bei unserem ersten Treffen sein ganzes Leben, wie ein Drehbuch, erster, zweiter, dritter Akt. „Das, was jetzt kommt, ist eigentlich ein vierter Akt“, sagt er. Er meint das Sterben. Dann lacht er.
Das ist typisch Zack. Er kommentiert sein Leben laufend mit Witzen, die im ersten Moment lustig sind und dann kurz brennen. Wie selbstgebrannter Schnaps, der denjenigen, der ihn auftischt, kaltlässt, aber den Gast kurz betäubt.
Als wir später einmal in einem Restaurant die Speisekarte studieren, zögert er, ob er sich den Burger oder doch das riesige T-Bone-Steak gönnen soll, und entscheidet sich dann kurzerhand für den Fleischbrocken, worauf er sagt: „You only live once, enjoy it while it lasts.“
Er lacht dann jeweils, nicht entschuldigend, sondern wie jemand, der den Witz wirklich lustig findet. Er weiß, dass das viele irritiert. Ihm fehle der Filter, er spüre nicht mehr, was für andere zu viel sei, weil für ihn selbst vieles, was eigentlich abnormal sei, Haarausfall, eitrige Wunden, Atemnot beim Spazieren, normal geworden sei. „Ich sehe es dann an den Reaktionen. Wow, krass, was du sagst.“
Manchmal wird sein Humor ätzend, seine Stimmung schwankt, wie bei vielen jungen Menschen, die einen Platz in der Welt und einen Weg in die Zukunft suchen. Nur dass Zack keine Zukunft mehr sucht, sondern die Gegenwart dehnen will.
Das geht nur mit System. Er hat seine Geschichte nicht nur wie ein Theaterstück in Akte strukturiert, sondern auch vermessen und überprüft. Seit seiner Krebsdiagnose hält er in einer App auf seinem Handy fest, wie gut jeder einzelne Tag war. Die meisten Tage waren gut. Sehr gut sogar. Tagebuch schreibt Zack auch. Gelegentlich. Schon seit er 16 ist. Empfehlen würde er es trotzdem niemandem. Er schreibe nur, wenn es ihm schlechtgehe. „Wer das liest, würde denken, ich hätte ein himmeltrauriges Leben gehabt. Aber das stimmt überhaupt nicht.“
Aber wenn ich wolle, dürfe ich es lesen.
Zack erzählt seine Geschichte wie ein Bildhauer, der nicht aufhören kann, an seiner Statue herumzumeißeln, immer eine weitere Stelle findet, die er noch etwas präziser herausarbeiten will. Und so wird er mir jedes Geheimnis, jeden beschämenden Gedanken und jede vermeintlich peinliche Episode in seinem Leben beichten. Die Skulptur soll perfekt sein. Aber Perfektion bedeutet für Zack nicht Makellosigkeit, sondern Ehrlichkeit. Vielleicht auch, weil das bedingt, dass er sich komplett von der Reaktion der Zuschauer löst. Es ist sein Leben, seine Geschichte, egal, was andere denken. Ein Versuch, ein letztes Mal die Kontrolle zu behalten.
Das Leben hingegen ist unkontrollierbar. Vor der Diagnose war Zack als Grenadier ausgehoben worden, weil er einen totalen Umbruch gesucht hatte. „Den habe ich eigentlich auch erhalten. Einfach anders als geplant.“ Wieder lacht er.
Das Treffen hatte mir Angst gemacht. Wie viel Tod, auch wenn es der eines Fremden war, würde ich in meinem Leben wollen? Und wie viel Trauer würde das in mir auslösen? Aber dann saß ich da und hörte Zack zu, und nach ein paar Stunden sagte ich, dass ich ihn begleiten würde, bis er sterbe.
Am Ende dieses ersten Treffens beichtet mir Zack etwas. „Meine Eltern sind nicht an Bord.“ Sie möchten anonym bleiben und wollen nicht, dass Zack als „der Krebsjunge“ in der Zeitung erscheint. Alle Namen in dieser Geschichte wurden deshalb geändert.
Es ist ein unangenehmer Moment. Ich sitze am Esstisch der Familie Logan und erfahre, dass Hausherr und Hausherrin mich gar nicht hier haben wollen. Die Eltern seien im oberen Stock, sie wüssten aber, dass ich hier sei, sagt Zack.
Ob ich mich zumindest vorstellen dürfe, frage ich ihn. „Glaube nicht, dass sie das wollen“, murmelt er, aber dann verschwindet er. Nach ein paar Minuten kehrt er mit seiner Mutter zurück. „Schwierig mit dem Vater“, sagt er knapp. Es wird schwierig bleiben. Aber der Vater wird trotzdem immer anwesend sein. In den Erzählungen von Zack und bei meinen Besuchen meist oben im Büro. Zu sehen bekomme ich ihn erst ganz am Ende.
Amélie, die Mutter, entschuldigt sich, sie wolle mich nicht vor den Kopf stoßen, ich sei sicher ein guter Journalist, aber die Situation überfordere sie. Sie möchte nicht von Fremden auf den Krebs angesprochen werden. Und Zacks Bruder Charlie solle in der Schule nicht einfach der Bruder des Krebsjungen sein. „Nur meine engsten Freunde und mein Chef bei der Arbeit wissen, dass er nun terminal Krebs hat, ich habe es sonst niemandem gesagt. Ich brauche das nicht, diese mitleidigen Blicke.“
Der nahende Tod hat den Freundeskreis der Logans umgewälzt. Amélie sagt, als Eltern eines Krebspatienten verliere man Freunde. Viele könnten nicht damit umgehen, sie verstehe das. „Wenn mir früher jemand vom Tod eines Angehörigen erzählt hat, wusste ich auch nie, was ich antworten sollte.“
Weiß sie es jetzt?
„Nein. Keine Ahnung.“
Dafür gewannen sie neue Freunde, und manche Freundschaften wurden umso stärker. Amélie ist seit 16 Jahren mit ihrer Nachbarin befreundet, nun wird ihre Wohnung auch eine Art Zufluchtsort. Als ich Amélie ein paar Monate später interviewe, treffen wir uns in der Stube im Haus nebenan. Amélie will nicht mit mir bei sich zu Hause über den Krebs reden. Deswegen kommt sie oft hierher. Hierhin will sie auch flüchten, falls sich Zack entscheidet, zu Hause mit Medikamenten von Exit das Leben zu beenden. Natürlich will sie bei seinem Tod dabei sein. „Aber ich will nicht zuschauen müssen, wie sie ihn in einem Sarg aus meinem Haus tragen.“
Bei der Nachbarin wartet auch die Urne. Amélie hat sie bereits gekauft. Sie wollte sie nicht überstürzt im Chaos nach dem Tod auswählen müssen. Ein Akt der Kontrolle in einem Leben, das unkontrollierbar geworden ist.
Zack hat die Urne für gut befunden. Wo sie später stehen wird, weiß Amélie noch nicht. Sie würde sie gerne in den Garten stellen, zwischen die Blumen. Der Vater will darüber noch nicht einmal nachdenken. Dass sie überhaupt schon gekauft wurde, erscheint ihm, als ob man den Tod vorwegnehmen würde und die Ordnung der Dinge störte.
Bevor ich das Haus der Logans zum ersten Mal verlasse, sagt Amélie etwas, das mich nicht mehr loslassen wird: „Weißt du, was ich das Schlimmste finde, wenn man im Alter von 19 Jahren eine solche Diagnose erhält? Du begreifst, was im Leben noch kommen könnte, was es bieten würde – aber du hast davon noch fast gar nichts gehabt.“ Dann sehe ich sie zum ersten Mal weinen.
Aber Zack wird nicht sterben, ohne gelebt zu haben. Er wird mehr vom Leben erhalten, sich mehr vom Leben nehmen als ein normaler 24-Jähriger, vielleicht auch mehr als viele deutlich ältere Menschen. So hat er sich das vorgenommen.
Auf einer Reise habe er gelernt, dass Zeit „absolut relativ“ sei. Zwei Monate sei er weg gewesen, und er könne jeden Tag davon nacherzählen. Zwei Monate, die sich anfühlten wie ein ganzes Jahr. „Es geht nicht darum, wie viele Jahre du lebst, sondern darum, wie viele einzigartige Erinnerungen du sammelst. Je mehr du hineinquetscht, desto länger fühlt sich die Zeit an.“
Das klingt viel zu abgeklärt für einen 24-Jährigen, der stirbt, denke ich in solchen Momenten. Aber auch ich werde irgendwann sagen: That’s Zack. So ist er halt.
Im Februar 2022 sagen die Ärzte noch 5 bis 15 Monate - auf Zacks Nachfrage, und etwas widerwillig, eigentlich finden sie selbst eine solch vage Prognose unseriös. Was kommt nun noch?
Seit vier Jahren stellt sich Zack diese Frage jeden Tag. Vier Jahre lang, solange er noch auf eine Heilung hoffte, lebte er mit Mindesthaltbarkeitsdatum und unklarem Ablaufdatum. Krebs sei selten endgültig besiegt, erklärt Zack, der Chemiestudent. „Krebs ist ein Rennen gegen die Evolution, gegen die natürliche Selektion. Ein sehr starkes Konzept, finde ich.“ Eine Chemotherapie töte zwar die meisten Zellen, aber möglicherweise überlebten ein paar starke Krebszellen trotzdem. „Man züchtet eigentlich immer den nächststärkeren Krebs. Irgendwann gibt es halt keine Chemotherapie mehr, die wirkt. Und . . . nun . . . dieser Punkt ist jetzt. Jetzt geht es nur mehr darum, mir etwas Zeit zu geben.“
Das war einmal anders.
Als Zack im September 2017 zum ersten Mal seinen Tumor ertastet, denkt er nicht an Krebs. Er steht unter der Dusche, die Verhärtung im Gesäß? Vielleicht vom Krafttraining. Auch der Hausarzt glaubt an einen Abszess, drei Monate lang, und so wächst der vermeintliche Abszess und wächst, bis die Ärzte ihn am 6. Dezember rausschneiden. Operieren erst am Nachmittag, bitte, entscheidet Zack, am Morgen hat er noch eine Prüfung im Schwerpunktfach Biologie, Thema: Krebs.
Nach der Operation sagen die Ärzte im Spital: „Das Ding war fest, nicht flüssig. Merkwürdig. Wir biopsieren.“
Zack sagt, in dem Moment hätte er es wissen müssen. Die Biologieprüfung zuvor, der Blick der Ärztin, das MRI am Tag darauf – wieso liege ich hier? War doch nur ein Abszess, oder ist es etwa . . .? Aber nein, ich bin 19. Unmöglich. Doch nicht ich.
„Der Chefarzt hatte einen Todesblick in den Augen“, sagt Zack heute. „Es war den Ärzten unangenehm“, sagt seine Mutter.
Fünf mal acht mal dreizehn Zentimeter groß war der Tumor. „Scho en Chlompe“ (Schon ein Klumpen), sagt Zack; „Stadium III“, sagen die Ärzte. Auch weil Krebszellen bereits in die Lymphknoten gestreut haben. Ergibt eine Überlebenschance von 30 bis 40 Prozent. Ihn habe das damals gar nicht interessiert, eher seine Eltern. „Für mich war klar, scheißegal, wie viel Gift ich nehmen muss, ich werde alles machen, bis ich wieder gesund bin, ich gehöre zu den 30 bis 40 Prozent, keine Frage.“
An Weihnachten 2017 beginnt Zack die erste Chemotherapie. Eine Woche Chemo im Spital, zwei Wochen Erholung, das Ganze neun Mal. Dann Bestrahlung, sechs Wochen lang brennt es „wie ein deftiger Sonnenbrand“. Der Tumor wächst gleich hinter dem After, irgendwann braucht Zack einen Sitzring.
Der Vater sagt, er werde ihn wecken, jeden Tag, damit er zur Schule gehe, solange er könne. Zack mault: „Ich habe Krebs, lass mich in Ruhe.“ Aber im Sommer 2018 macht Zack die Matura.
Zack vor dem Krebs und Zack mit dem Krebs müssen zwei verschiedene Menschen gewesen sein. So erzählen das alle, die ihn kennen. Der Zack vor dem Krebs war nicht unbedingt die bessere Version.
Der alte Zack war schwierig. „Ein anstrengendes Kind, das viel log“, sagt seine Mutter. „Keine Lebensfreude, sehr düster“, sagt ein Freund. Ein anderer: „Zack war sehr unglücklich.“ Sein jüngerer Bruder sagt: „I now can see the dark holes he was in.“ Zack selbst sagt: „Ich war verloren, völlig verloren.“
Zack sagt, er sei ins Fitness gegangen, weil er unsicher gewesen sei. Mit Frauen. Mit Kollegen. „Ich wollte breiter sein und noch breiter.“ Dabei sei das gegen seine Natur. Er sei gebaut wie sein Vater. „Velofahrer, mein Körper ist für Ausdauer gemacht.“
Wenn Zack von dieser Zeit vor dem Krebs erzählt, wirkt das zwar reflektiert und ehrlich, aber er ist so hart mit seinem jüngeren Ich, dass ich ihn manchmal schütteln und schelten möchte. Du warst jung, wir waren alle unsicher und naiv und dumm. Aber jedes Mal, wenn ich Partei ergreifen und Zack korrigieren will, zögere ich. Wieso steht es mir zu, die Geschichte, die er von sich erzählt, zu korrigieren, wenn sie doch womöglich einen Zweck erfüllt, den ich nur erahnen kann: ihn zu schützen und seiner Krankheit einen Sinn zu geben, der ihn vielleicht am Ende in Frieden gehen lässt.
Im Sommer 2018 ist der alte, mit dem Leben hadernde Zack noch dominant. Er quält sich mit der Frage: Wieso ausgerechnet ich? Und die erste mögliche Antwort schmerzt.
Nach der Krebsdiagnose sagen die Ärzte zuerst, Umweltfaktoren könnten für die Erkrankung verantwortlich sein. Seine Eltern suchen eine Erklärung. War es etwas in der Luft oder etwas, das er zu sich genommen hat? Eine bösartige Erkrankung des Muskelgewebes – vielleicht waren es „diese verunreinigten Substanzen“, die er für das Muskelwachstum im Fitness genommen hat?
Amélie, die Mutter, sagt heute: „Sein Vater war immer dagegen gewesen, dass Zack diese Mittel nahm. Wenn er eine Packung fand, warf er sie fort.“
Zack sagt: „Ich versteckte die Mittel in der Schule im Spind.“
Dann sagen die Ärzte: „Die Fitnessmittel haben nichts mit dem Krebs zu tun.“
Die Mutter sagt: „Natürlich glaube ich den Ärzten. Aber der Krebs muss doch irgendwoher kommen? Ich frage mich immer wieder: Habe ich nicht genug gemacht? War es etwas, das wir falsch gemacht haben in der Erziehung? Etwas muss doch schuld sein.“
Zacks Krebs ist selten. Drei von hunderttausend Menschen erkranken jedes Jahr an Weichteilkrebs. Vermutlich aufgrund einer zufälligen Zellmutation. Aber die Evolution ist ein schlechter Bösewicht. Schuld zu haben, wäre in dieser Situation nicht mehr nur ein Problem, sondern eine Lösung. Ein statistischer Zufall verwandelte sich so in eine vermeintlich sinnhafte Erzählung.
Zack sagt: „Ich wusste, ich kann nichts dafür, aber trotzdem war da dieses starke Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht, ich muss etwas ändern, meine Weltanschauung, meine Umgangsweise, ich muss mich in Ordnung bringen.“
Die Selbsterzählung Zack Logans ist voller Prüfungen. Und tatsächlich reihen sich in diesen ersten drei Akten Zufälle und Schicksalsschläge aneinander, als ob hier ein Ungläubiger von einem Gott zum Glauben geprügelt werden sollte.
Die Chemotherapie und die Bestrahlung wirken, der Tumor kann entfernt werden. Aber zugleich entfernen die Ärzte auch einen Teil des Schließmuskels. Seither lebt Zack mit einem Stomabeutel, der den Stuhl auffängt. Den 19-Jährigen quält das mehr als der Krebs, der zurückkehren könnte, aber in dem Moment erstmals besiegt erscheint. Ein künstlicher Darmausgang, ein Leben lang. Würde sich jemals eine Frau auf so einen Typen einlassen?
Immerhin, die Überlebensprognose ist jetzt „fifty-fifty“. Zack versucht zu leben. Er besteht die Matura, findet eine temporäre Stelle in einem Büro und geht zum ersten Mal allein reisen. Nach Japan und Korea, zwei Monate lang.
Die erste Reise ist für viele lebensverändernd. Es ist ein Unterschied, zu wissen, dass es da draußen noch eine andere Welt gibt, die voller Möglichkeiten ist, und diese Welt selbst zu erfahren. Zack sagt, nichts habe sein Leben so geprägt wie diese zwei Monate in Japan und Korea. „Außer der Krebs, natürlich.“ Aber der schien ja besiegt, als er überall Freunde fand und Lebenswege kennenlernte, die ihm zeigten, dass so viel mehr noch möglich sein wird als einfach ein Dasein im Zürcher Unterland. Zum Beispiel Nick, ein schwarzer Amerikaner, 40 Jahre alt, der mit 15 nach Japan zog, weil sein Vater auf der Militärbasis stationiert war; oder Daniel, ein junger Amerikaner, der in Seoul lebte, weil, ja, wieso auch nicht. Wo immer Zack reist, sammelt er Freunde. Bis zu seinem Tod wird er immer wieder von Japan und Korea erzählen, jedes Mal noch detaillierter. Eine verbale Chemotherapie, die die Krankheit in Schach halten soll. Solange Japan existiert, gibt es auch Zack.
Dann, im Herbst 2019, kehrt der Krebs zurück. Ein großer Tumor mitten im Bauch, der sich um die Aorta geknotet hat. Wieder folgen wochenlange Chemotherapie und Bestrahlung.
Zwölf Stunden operieren die Ärzte, ersetzen die Aorta mit einer Kunststoffprothese. Aber sie müssen dabei eine Vene opfern, die ins Bein führt. Wenn Zack zu lange geht, staut sich das Blut. Zack ging gerne wandern. Jetzt muss er alle 150 Meter eine Pause einlegen und warten, bis das Blut abgeflossen ist.
Künstlicher Darmausgang, künstliche Aorta, ein Bein, in dem sich das Blut staut – Zack, der Geprüfte, sagt: „Ich kann mich nicht beklagen, wenn ich jetzt nicht den Mount Everest besteigen kann. Ich bin zum Glück viel gewandert, als ich klein war, und habe in meiner Jugend Berge bestiegen.“
Ich frage mich manchmal, ob Zack solche Sätze tatsächlich ernst meint, ernst meinen kann. Es sind Sätze, die ein 80-Jähriger mit einem vollen Leben von sich gibt. Oder hofft Zack, dass wahr wird, was er immer wieder ausspricht?
Der Monat nach der Aorta-Operation wird für Zack der schlimmste seines Lebens. Er sieht das in der App, in der er seine Tage bewertet. Die ersten zehn Tage sind pures Leiden, der Magen, der Darm, er kann nichts essen, nichts trinken. Nach fünf Tagen erbricht er nur noch Magen- und Gallensaft und fragt sich: Was machst du hier eigentlich? Wieso tust du dir das an?
Wochenlang mag er kaum mehr gehen, dann kehrt die Kraft langsam zurück. Und sofort rennt er los, hinaus in die Welt.
Zack kauft ein Interrail-Ticket, Berlin, dann Amsterdam mit einem Kollegen, sie kaufen Pilze und alles, was man so braucht, Gummibärchen und Erdbeeren, weil die besonders intensiv schmecken auf dem Trip. Die Pilze sind „orgasmisch“. „Ich stand nackt vor dem Spiegel in der Dusche und sah meine Narben und den Stomabeutel. Aber ich ekelte mich nicht, es war einfach nur schön. Das ganze Jahr seit der Diagnose raste durch den Kopf, ich war im Himmel.“
Aber dann folgt wieder ein Jahr mit Chemotherapie, ein Jahr mit Trofosfamid, einer Tablette, die er jeden Tag schlucken muss. Schon bei der Erinnerung daran erbricht er beinahe. „Sich vergiften“ nennt er das.
Zack rennt durch diese vergangenen Jahre, er merkt an, dass er dieses Kapitel und jenes noch ausführen müsse. Ich beruhige ihn dann und sage, wir hätten noch Zeit, und frage mich, ob das stimmt. Er nickt. „Aber ich muss dir unbedingt von Lea und von Luc erzählen.“
Luc ist sein Onkologe, aber Luc ist auch einer seiner besten Freunde.
Sein Onkologe als Freund? „Oh, that’s Zack“, sagt die Mutter. „Typisch Zack“, sagen seine Freunde.
Zack sagt: „Jaaaaaaaaaa. Also, Luc hat eigentlich den Patienten-Arzt-Vertrag gebrochen. Aber er hat mich gerettet.“
Dieser Text erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.