Osnabrück Neuer Fall „Kontrollverlust“: Kritischer Blick auf Sexismus in der Gamer-Szene
Am zweiten Weihnachtstag gibt es einen neuen „Tatort“ aus Frankfurter. In „Kontrollverlust“ geht es um Sexismus und toxische Männlichkeit in der Gamer-Szene. Lohnt sich das Einschalten bei dem Fall, der leider sehr aktuelle Bezüge hat?
Als die Bildhauerin Annette Baer (großartig: Jeanette Hain, „Davos 1917“) nach Hause kommt, findet sie ihren völlig verstörten Sohn Lucas (Béla Gábor Lenz) in einer äußerst verdächtigen Situation vor. Mit blutverschmierten Händen und Klamotten schwört er seiner Mutter, nichts getan zu haben, nicht zu wissen was passiert sei und dass das Blut von einer gewissen Carla stamme, bei der er aber nur ganz kurz gewesen sei.
Am nächsten Morgen finden die Kommissare Anna Janneke und Paul Brix (Margarita Broich und Wolfram Koch) die arme Clara dann erstochen in deren Wohnung vor. Der Hausverwalter (Franz Petzold) sagt, er habe am Abend zuvor gehört, wie sich Clara mit ihrem Freund gestritten habe. Und tatsächlich deutet alles auf eine Affekttat hin. Es dauert nicht lange, und Lucas gerät ins Visier der Ermittler. Aber Lucas‘ Mutter gelingt es, ihren Sohn aus der Schusslinie zu bringen. Und ganz so klar, wie der Fall noch zu Beginn erscheint, ist dieser 18. Frankfurter „Tatort: Kontrollverlust“ dann sowieso nicht.
Tatsächlich stoßen Janneke und Brix auf eine ganz andere Spur. Als Gamerin hatte sich die Tote in der Szene als „Chipmunk“ einen Namen und auch viele Feinde gemacht. Ihr klares Nein zu jeglichen Formen von Sexismus in Computerspielen und innerhalb der von toxischer Männlichkeit geprägten Gamer-Szene hat ihr nicht nur zahlreiche Hassbotschaften bis hin zu Todesdrohungen eingebracht. Ein Follower namens „CancelChipmunk“ – „löscht Chipmunk“ – ist offensichtlich noch ein paar Schritte weiter gegangen.
Regisseurin Elke Hauck, die gemeinsam mit Sven S. Poser auch das Drehbuch verantwortet, gelingt mit ihrem ersten „Tatort“ etwas ganz und gar Erstaunliches. Obwohl die Gamer-Szene ins Visier der Verdächtigungen gerät, bleibt dieser spannend und schnörkellos inszenierte Krimi komplett auf dem Boden.
Anders als thematisch ähnlich gelagerte Vorgänger der Reihe kommt die Episode „Kontrollverlust“ anbiederungsfrei und ohne erhobenen Zeigefinger über die Runden. Man denke nur an Negativ-Beispiele wie den völlig verkorksten Münchener „Tatort: Game over“. In „Kontrollverlust“ baut Hauck hingegen die Gamer-Szene und ihre kritikwürdigen Auswüchse ganz selbstverständlich und mit großer Gelassenheit in die Handlung ein. Wobei sich der „Kontrollverlust“ im Titel auf zahlreiche Figuren in diesem Fall übertragen lässt. Auf die Mutter, die nicht loslassen kann. Auf den Sohn, dem eine Null-Frustrationsgrenze unterstellt wird. Auf den Hausverwalter, der sich nicht nur mit seinem „Aufwachen“-T-Shirt als Aluhutträger outet. Und mehr.
Noch erstaunlicher als die äußerst gelungene Umsetzung des „Tatorts“ im Gamer-Milieu aber ist die zufällige Aktualität dieses bereits im Sommer vergangenen Jahres gedrehten Krimis. Vieles erinnert an den realen Fall der in der Szene äußerst erfolgreichen und bekannten Gamerin „Shurjoka“, der aktuell auch außerhalb der Gamer-Szene für Entsetzen sorgt. Die menschenverachtenden Anfeindungen, denen „Shurjoka“ unter anderem aufgrund ihrer klaren feministischen Haltung ausgesetzt ist, haben längst alle Grenzen überschritten und werfen ein schlechtes Licht auf die Szene – deren übelste Akteure sogar noch von ihren Hass-Videos profitieren.
Der Krimi ist zum Glück nur Fiktion. Aber der Hass im Netz und all seinen (un)sozialen Netzwerken, der ist leider allzu real.
„Tatort: Kontrollverlust“. Das Erste, Dienstag, 26. Dezember, 20.15 Uhr und online in der ARD Mediathek.