Serie „So lebt Ostfriesland“  Um 12 Uhr ist auf dem Hof Mittag und alle treffen sich in der Küche

Gabriele Boschbach
|
Von Gabriele Boschbach
| 21.12.2023 14:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Das Fenster im Wohnzimmer gewährt einen Blick bis zum Stall. Foto: Ortgies
Das Fenster im Wohnzimmer gewährt einen Blick bis zum Stall. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Das Leben auf dem Hof von Gert und Karin Post-de Buhr in Brockzetel ist sehr abwechslungsreich und vielseitig. Eine besondere Beziehung hat das Paar zur Tradition.

Aurich - Ein Dezembermorgen, wie er im Buche steht. Der Tag kriecht langsam ans Licht. In Aurich-Brockzetel nimmt das Auge nur Abstufungen von Grau wahr, kilometerlang, bis sich kurz vor einer weiten Linkskurve ein stattliches Backsteinhaus ins Bild schiebt. In den hohen, schmalen Fenstern leuchten Dutzende Lichter von Pyramidenständern. An den Scheiben kleben gelbe Sterne aus Pappe, kleine und große. „Die habe ich für die 15 Fenster alle selbst ausgeschnitten“, sagt Karin Post-de Buhr und lacht.

Karin Post de Buhr legt nach eigenem Bekunden viel Wert darauf, dass es ihre Bullen während des Aufenthalts in Brockzetel komfortabel haben.
Karin Post de Buhr legt nach eigenem Bekunden viel Wert darauf, dass es ihre Bullen während des Aufenthalts in Brockzetel komfortabel haben.
Video
Mit drei Generationen auf einem Hof | So lebt Ostfriesland
20.12.2023

Der Besucher merkt sofort: Dekorieren liegt der Hausherrin im Blut und geht ihr leicht von der Hand. Das drückt sich auch darin aus, dass kein Accessoire in der Wohnung so wirkt, als würde es zur Schau gestellt. Alles fügt sich organisch in die Flucht an Zimmern ein, die das Wohnhaus ihrer Familie ausmachen: die Tannenzweige auf den Fensterbänken ebenso wie die von ihr selbst zu einem Spiegel-Regal umgearbeitete Tür. Die hängt in der Küche direkt über der Eckbank auf einer Barocktapete. „Die wollte ich eigentlich auch mal erneuern“, fällt Karin Post-de Buhr beim Gespräch über die Wandgestaltung ein. Wenn nur mehr Zeit wäre.

Rinder müssen versorgt werden

Die ist bei der Landwirtin eigentlich Mangelware. Sie muss täglich rund 200 Rinder versorgen, ausnahmslos Bullen der Rassen Braunvieh, Fleckvieh und Weißblaue Belgier. Die ausgewachsenen Tiere stehen in einem Tretmiststall und mampfen an diesem Vormittag gemächlich vor sich hin. Sie nehmen das Futter mit ihren breiten Mäulern auf und zermalmen es. Ein unablässiger Fress-Strom von Kauen und Wiederkäuen. In einem separaten Stall sind 60 Kälber untergebracht, die noch auf die Flasche angewiesen sind. Um ihren Hals windet sich ein Transponder, der die Fütterungsrhythmen steuert. Immer wenn ein Kalb an der Reihe ist, erhält es über ein Signal den Zugang zu der Aufzuchtstation.

Die Küche ist das Herz der Wohnung.
Die Küche ist das Herz der Wohnung.

Karin Post-de Buhr erläutert diese Prozesse im Vorbeigehen präzise und nachvollziehbar. Aha, so ist das Leben in einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb. Außerdem betreibt das Paar eine Biogasanlage zur Stromerzeugung sowie einen Lohnbetrieb, der auf die Getreide- und Körnermaisverarbeitung ausgerichtet ist. Alles wirkt picobello geordnet und aufgeräumt. Im Vorbeigehen streift der Blick der Bäuerin den leicht aufgedunsenen Leib eines auffällig kleinen Bullenkalbs. „Es pumpt“, sagt sie und schaut noch genauer hin. „Ich sehe schon: Ich muss nachher noch den Tierarzt anrufen.“ Da sei etwas nicht in Ordnung, darauf lasse auch die leicht stockende Atmung schließen.

Besonderer Blick für die Tiere

Die Landwirtin muss alles unter Kontrolle haben. Für die Gesundheit ihrer Tiere hat sie einen besonderen Blick. Vielleicht liegt das an der Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin. In diesem Beruf hat die 49-Jährige bis 2006 gearbeitet. Dann hat sie sich entschlossen, gemeinsam mit ihrem Mann Gert de Buhr, einem Landwirtschaftsmeister, den elterlichen Betrieb in Brockzetel zu übernehmen, der damals bereits in der vierten Generation geführt wurde. Bedingung: Das Wohnhaus aus dem Jahr 1908 wird so umgestaltet, wie sich Karin Post-de Buhr das vorstellt. Und sie hatte sehr genaue Vorstellungen. In den vorderen beiden Räumen, in denen heute das Wohnzimmer und das Büro sind, waren damals noch zwei Gasträume einer Wirtschaft, die zu dem Bauernhof gehörte.

Der Hund will nur entspannen

Von dort führten Türen in die mit 30 Quadratmetern sehr geräumige Küche, dem Herzstück des Hauses. „Die Türen wollte ich nicht haben. Deshalb habe ich sie zumauern und durch Sprossenfenster ersetzen lassen, die aus einem alten Stall stammen“, sagt Karin Post-de Buhr. Wenn man jetzt im Wohnzimmer steht, kann man durch das Haus bis zum Stall schauen. Alles ist offen und transparent. Bis dahin war es ein weiter Umbauweg: Unter der Küche stieß man auf einen Kriechkeller, der zugeschüttet wurde.

Der Hofhund nimmt die Welt aus seiner ganz speziellen Perspektive wahr.
Der Hofhund nimmt die Welt aus seiner ganz speziellen Perspektive wahr.

Ein mühseliger Prozess, der mit dem Entfernen der Holzdielen begann. Fliesen in Terrakotta-Tönen sind jetzt dort nach einem raffinierten System verlegt, das auf das Können des Handwerkers schließen lässt. Der gutmütige Hofhund, ein Labrador, hat für diese feinsinnigen Details kein Gespür. Er lässt sich einfach seitlich auf den Boden plumpsen und streckt alle viere von sich. Einfach mal relaxen. Tarzan, der Kater, hat sich unterdessen in sein Häuschen zurückgezogen, in seine „Villa“, wie auf bunten Lettern über der Tür des selbst gebastelten Provisoriums zu lesen ist.

Der Tag ist streng getaktet

Am späten Vormittag versammeln sich alle in der Küche. „Um 10 Uhr gibt es hier immer Kaffee“, sagt Karin Post-de Buhr. Dann kann es schon mal eng werden auf der Eckbank und an dem schweren Eichentisch, der erst vor einiger Zeit aus dem Ständerwerk einer alten Scheune gezimmert wurde. Bis zu fünf Mitarbeiter sind auf dem Hof beschäftigt. „Und dann kommt noch ein Vertreter, und vielleicht noch der Paketbote und was weiß ich wer“, sagt Gert de Buhr und grinst. Da muss er sich seinen Platz an der Stirnseite des Tisches schon mal freiräumen − und zwar rasch. Die Atempause ist kurz.

das Wohnzimmer lädt
das Wohnzimmer lädt

Schließlich ist der Arbeitstag streng getaktet. Während sich Gert de Buhr seinem Lohnbetrieb widmet, kümmert sich seine Frau um die Bullen und die Buchhaltung. Um Punkt 12 Uhr versammeln sich alle wieder am Tisch. „Dann gibt es Essen, egal ob es gar ist oder nicht“, sagt die Hausherrin. Sie freut sich über die Kochunterstützung ihrer Mutter Irma, die nebenan wohnt.

Einer der größten Höfe der Region

Die räumliche Nähe zu den Eltern sei immer sehr positiv gewesen, gerade bei der Erziehung und Betreuung der drei Kinder, von Jantje (19), Janna (11) und Jannes (21). „Das war uns wichtig, weil ihnen so Werte vermittelt wurden“, sagt Karin Post-de Buhr. Ein großes Wort. Gemeint sind Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Beständigkeit. Die Familie sieht sich in einer langen Tradition von Landwirten. 1898 hat Frerich Eilt Post das Anwesen in Brockzetel an der Landesstraße erworben. Er bezahlte es mit Goldmark. Die noch in Sütterlin gefasste und graphisch schön gestaltete Urkunde hängt im Flur der Wohnung. Dort, wo der Hof jetzt steht, befand sich im 19. Jahrhundert einer der damals größten Höfe der Region, wie der Leeraner Chronist Berend Schröder recherchiert hat. Es war das sogenannte Klostergut, zu dem ursprünglich 450 Hektar gehörten − vor allen Dingen unfruchtbare Heideflächen und unkultivierter Boden. 500 bis 600 Heidschnucken sollen auf der Fläche von einem Schäfer betreut worden sein, dazu gesellten sich noch mal eben so viele Gänse.

Einen Stall der besonderen Art gibt es auch im Haus der Familie Post de Buhr.
Einen Stall der besonderen Art gibt es auch im Haus der Familie Post de Buhr.

Kunterbunt ist auch der Tierbestand bei der Familie Post. Bei den Kälbern im Stall toben drei Ziegen herum. Zwei wetteifern darum, auf den kleinen Hügel aus Strohballen zu klettern und sich dort mit ihren Hörnern zu duellieren. Geruhsamer geht es bei den Hühnern zu, die ihren Stall direkt gegenüber dem Wohnhaus haben. Karin Post-de Buhr muss immer lange Wegstrecken zurücklegen, wenn sie auf dem 150 Hektar großen Hofareal unterwegs ist. „Damit ich das besser bewältigen kann, hat mir mein Mann einen Tretroller geschenkt. Funktioniert prima.“ Das hat natürlich auch den Vorteil, dass sie mehr Zeit hat für einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen: aus alten Schätzen etwas Schönes für ihr Heim zu gestalten.

Ähnliche Artikel