Versorgung im Alter Wie groß ist der Pflegeplatzbedarf in Emden?
Ein Pflegeheim in Emden schließt überraschend. Das rückt noch stärker die Frage in den Fokus, wie hoch der Bedarf nach Pflegeplätzen in der Stadt ist. Wir haben die Antworten.
Emden - Die Nachricht, dass ein Pflegeheim in Emden im Januar schließen wird, kam überraschend. Die erste Reaktion vieler Leserinnen und Leser war: Wo sollen die Menschen bloß untergebracht werden? Die Wartelisten sind doch überall voll.
Wir wollten wissen, wie die Situation in Emden tatsächlich ist und haben bei der Stadt nachgefragt. Kerstin Snakker, Leiterin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales bei der Stadt, hat uns antwortet.
Wie viele Heimplätze für Senioren gibt es in Emden?
In den acht verbliebenen Heimen, ohne das Cura-Seniorenzentrum, stehen zurzeit 549 Heimplätze zur Verfügung, schreibt Kerstin Snakker. Darüber hinaus gibt es aktuell 75 Plätze für Tagespflege in Emden.
Wie viele Menschen stehen auf der Warteliste bei den Einrichtungen?
Die Anzahl der Personen, die auf den Wartelisten bei den Einrichtungen stehen, ist uns nicht bekannt, daher ist auch die Frage nach benötigten Platzzahlen hier nur schwer zu beantworten, erklärt die Fachbereichsleiterin.
„Die Warteliste ist lang, die Nachfrage groß“, sagte Frank Markus, Geschäftsführer der Specht-Gruppe, die seit September 2023 das Pflegeheim am Wall in Emden betreibt, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wenn in Einrichtungen nicht alle Plätze belegt werden können, ist in der Regel fehlendes Personal der Grund“, so Markus. Im Pflegeheim am Wall versuche man daher seit Jahren, eine möglichst gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen – und will das auch beibehalten.
Richard Ostendorf, Leiter des Haus Simeons an der Bollwerkstraße, bestätigt die Aussage von Frank Markus auf für seine Pflegeeinrichtung. „Es gibt eine lange Warteliste und die wird durch den Wegfall des Cura-Pflegezentrums nicht gerade kürzer“, sagt er. Tatsächlich sei die Nachfrage jetzt schlagartig mehr geworden. Beim Abarbeiten der Warteliste werde geschaut, ob jemand als „dringlich“ oder „vorsorglich“ aufgeführt ist. Weil in dem Heim Wohngruppen leben, werde dann noch geguckt, welche Person in welche Gruppe möglichst gut passe.
Wie viele pflegebedürftige Menschen gibt es in Emden?
Emden hat mehr pflegebedürftige Menschen als der Landesdurchschnitt in Niedersachsen, so Kerstin Snakker. Dabei beruft sie sich auf die Pflegestatistik des Landesamtes für Statistik 2021. Demnach gibt es in Emden 71 Pflegebedürftige pro 1000 Einwohner. Bei 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern wären es hochgerechnet demnach 3550 Pflegebedürftige. Der Landesdurchschnitt liegt bei 68 Personen pro 1000 Einwohner.
Allerdings: In Emden werden nur neun Pflegebedürftige pro 1000 Einwohner in Einrichtungen der stationären Dauerpflege betreut, während in Niedersachsen der Wert bei elf Pflegebedürftigen pro 1.000 Einwohner liegt. Hochgerechnet auf die Einwohner Emdens bräuchten also 450 Menschen einen Platz in einer Pflegeeinrichtung. Die Zahlen spiegeln sich auch im Anteil der Menschen in stationärer Dauerpflege an der Gesamtzahl der Pflegebedürftigen wider. Auch hier liegt Emden mit 12,7 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von 16,7 Prozent.
Das heißt: Es werden in Emden weniger Menschen bei Pflegebedürftigkeit in Pflegeheimen und dafür mehr Menschen im häuslichen Umfeld gepflegt, so Kerstin Snakker. Dies zeige sich unter anderem auch am Anteil der Menschen, die Pflegegeld erhalten. Hier liegt Emden mit fünf Prozent über dem Landesdurchschnitt. Emden weist hier die gleichen Strukturen wie die umliegenden Landkreise Aurich und Leer aus.
Wie viele Pflegeplätze müsste es geben?
Nach der vorigen Rechnung wären statistisch 450 Menschen in Emden auf einen Pflegeplatz angewiesen. Da es 549 Heimplätze derzeit gibt, sollte es doch eigentlich passen? So einfach ist es nicht. Zum einen ist es nichts Ungewöhnliches, dass Menschen aus anderen Städten Deutschlands in Emden einen Pflegeplatz wünschen, wie aus Gesprächen mit Pflegeheimbetreibern deutlich wird. Die Gründe können vielfältig sein: Die Kinder der pflegebedürftigen Person leben beispielsweise in Emden oder jemand möchte (zurück) an die Küste.
Zum anderen gibt es zwar theoretisch 549 Pflegeplätze in Emden, aber aufgrund beispielsweise von Personalnot müssen nicht zwangsläufig alle belegt werden können. Dann ist es noch entscheidend, welchen Grad von Pflegebedürftigkeit eine Person hat. Ist jemand beispielsweise stark an Demenz erkrankt, kann er oder sie nicht in jedem Pflegeheim einfach untergebracht werden. Und: Die Zahl der Emder Pflegebedürften, also die 450, ist mit Vorsicht zu genießen. Sie beruft sich auf Statistiken und ist hochgerechnet.
Kerstin Snakker erklärt: In Niedersachsen werden insgesamt 13 Pflegeheimplätze (vollstationäre Dauerpflege) pro 1.000 Einwohner vorgehalten. In Emden liegt dieser Wert mit elf Plätzen pro 1.000 Einwohner leicht unter dem Landesdurchschnitt. Unter Einbeziehung der Daten der Pflegestatistik des Landesamtes für Statistik kann jedoch der Rückschluss gezogen werden, dass nicht zwingend eine Platzzahl entsprechend dem Landesdurchschnitt vorgehalten werden muss, da wie oben dargestellt die Pflege im häuslichen Umfeld stärker nachgefragt wird, erklärt sie.
Wie verschärft der demografische Wandel die Situation?
Die Menschen werden immer älter. Gleichzeitig gibt es immer mehr ältere Menschen, im Vergleich aber immer weniger jüngere Menschen die in der Pflege arbeiten. Ein großes Problem. Der demografische Wandel führe zu einer Erhöhung des Anteils der über 65-Jährigen im Land Niedersachsen und auch in Emden, bestätigt Kerstin Snakker. Um die bestehende Angebotslandschaft kontinuierlich an die individuellen Bedarfe der älteren Bevölkerung anzupassen, ist im Fachbereich Gesundheit und Soziales geplant, sich im Jahr 2024 näher mit der vorhandenen Datenlage im Pflegebereich auseinanderzusetzen, erklärt sie.
Eine gute Nachricht: An diesem Dienstag, 19. Dezember 2023, wird der Grundstein für eine neue Senioren-Wohnanlage in Emden-Petkum gelegt. Die Einrichtung soll Mitte 2025 in Betrieb genommen werden und acht Wohnungen für betreutes Wohnen, eine 12er-Wohngemeinschaft, eine Tagespflege für zunächst bis zu 15 Personen und fünf Wohnungen für ein betreutes Reisen bereithalten.
Welche Wohnform wird besonders stark nachgefragt?
Beim Senioren- und Pflegestützpunkt der Stadt Emden werden Beratungen zu allen Formen der pflegerischen Versorgung durchgeführt, erklärt Kerstin Snakker. Neben der stationären Versorgung und der Versorgung im häuslichen Umfeld, wird inzwischen auch gelegentlich nach Senioren-WG’s gefragt. Um den Senioren möglichst lange ein selbstständiges Leben im Alter zu Hause zu ermöglichen, wird im Rahmen der Beratung großer Wert auf den Grundsatz „ambulant vor stationär“ gelegt.