Osnabrück  Experte Dietmar Schantin über Chancen und Risiken des Online-Journalismus

Anika Sterna
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Von Anika Sterna
| 16.12.2023 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Medienexperte Dietmar Schantin Foto: Dietmar Schantin
Medienexperte Dietmar Schantin Foto: Dietmar Schantin
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Während die meisten Leser noch mit der Printzeitung auf dem Esstisch aufgewachsen sind, lesen viele ihre Zeitung inzwischen online. Die Zeitung und die Unternehmen dahinter verändern sich. Welche Chancen und Risiken das birgt, erzählt Medienexperte und NOZ-Berater Dietmar Schantin im Interview.

Frage: Herr Schantin, als Medienberater beschäftigen Sie sich seit über 20 Jahren bereits mit dem Thema Transformation. Welche Chancen hat die Digitalisierung denn für Medien?

Antwort: Für Journalismus bringt die Digitalisierung extrem viele Chancen. Die Möglichkeiten, wie man Geschichten erzählen kann, sind im Digitalen wesentlich variantenreicher. Man kann kreativere Erzählformen anwenden, statt nur Text und Bild. Und die Menschen haben sich auch schon daran gewöhnt, Medien anders zu konsumieren – ob das jetzt Audio ist oder Video oder auch animierte Infografiken. Und wir können auf digitalen Medien heute viel besser verstehen, wie Menschen unsere Produkte und Geschichten konsumieren. Das hilft bei der Weiterentwicklung und Verbesserung des Journalismus.

Frage: Auf der Kehrseite, was sind die Risiken?

Antwort: Die Risiken sind, dass die Konkurrenz im Digitalen wesentlich stärker ist als zu „alten“ Printzeiten und wir offensichtlich nicht mehr das einzige Medium sind, über das die Menschen Nachrichten erfahren.

Antwort: Hinzu kommt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Medien und Journalismus, die durch unzuverlässige Quellen, wie zum Beispiel Social Media, und vermehrte Fake News in den letzten Jahren stärker geworden ist. Und dann ist in den letzten Jahren eine vermehrte Müdigkeit, was Nachrichten betrifft eingetreten, eine News-Fatigue. Menschen fühlen sich oft mit den Unmengen an Informationen, die auf sie einprasseln, überfordert. Informationen, die auch sehr oft negativ sind, und ihre Stimmung beeinflussen.

Antwort: Medienhäuser müssen daher einerseits das Vertrauen wiedergewinnen, durch Innovationen durch den digitalen Informationsdschungel zu den Menschen durchdringen und auch grundsätzlicher positiver werden. Letzteres heißt nicht, alles durch eine rosa Brille zu sehen, aber nicht nur über die Probleme in der Welt berichten, sondern auch Lösungen anbieten.

Frage: Was müssen Zeitungen Ihrer Meinung nach ändern, um die Menschen besser zu erreichen?

Antwort: Zeitungen müssen ganz klar die Bedürfnisse der Menschen besser verstehen, und auch danach handeln. Sie müssen verstehen, welche Themen für sie wichtig sind, wie diese aufbereitet sein sollen, wann sie die Information haben möchten und auf welcher Weise. Und das ist traditionell noch nicht so verankert in vielen Redaktionen.

Frage: Inwiefern?

Antwort: In vielen Medienhäusern herrscht noch immer ein starkes „Inside-Out-Denken“. Wir glauben zu wissen, was gut ist, wir schreiben das nieder und senden das raus. Und das hat sich in der digitalen Zeit verändert. Die Menschen, die für unsere Produkte zahlen sollen, haben eine große Auswahl. Sie können sich aussuchen, wo sie ihre Informationen und Nachrichten bekommen. Sie sind von uns nicht mehr abhängig.

Frage: Wie kann Digitalisierung die Arbeit der Journalisten unterstützen? 

Antwort: Zum einen auf Seite der Recherche, sowie neuerdings mit Werkzeugen auf Basis von Künstlicher Intelligenz und Großer Sprachmodelle auch beispielsweise bei der Ideenfindung, Konzeption und bei der Bearbeitung und Personalisierung von Inhalten. Journalisten haben auch auf digitalen Kanälen viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten als nur durch Texte und Bilder. Neue Erzählformen können Geschichten noch spannender machen.

Antwort: Außerdem kann eine Redaktion heute sehr einfach vom Leser und der Leserin Feedback bekommen und beispielsweise messen, welche Geschichten wie lange und wie oft gelesen wurden. Wenn man sieht, dass ein Text nur zu einem Drittel gelesen wird, kann man sich fragen, warum war das so? Was kann ich anders machen?

Antwort: Das heißt, das Lernen und das Verbessern ist wesentlich einfacher geworden. Dieses Feedback ist natürlich nicht immer nur positiv. Aber das ist ein Kulturwandel, der notwendig ist und der in vielen Häusern auch passiert ist. Die Redaktionen sagen: Ich möchte wissen, was ich besser machen kann.

Frage: Wo liegen die Grenzen der Digitalisierung? 

Antwort: Digitalisierung kann helfen, Geschichten besser zu erzählen und Menschen jederzeit und überall zu erreichen. Gute Geschichten und guter Journalismus sind dafür Voraussetzungen. Die Nutzungsdaten, die uns durch die Digitalisierung vorliegen, sollen eine Redaktion und den Journalismus nicht steuern, sondern redaktionelle Entscheidungen unterstützen. Der journalistische Auftrag, die Erfahrungen und das Gespür, die jeder Journalist hat, dürfen nicht von Daten blind weggewischt werden.

Antwort: Sonst besteht die Gefahr, dass Meinungsblasen kreiert werden, in denen die Leute nur das lesen oder das schreiben, was in ihr eigenes Meinungsbild passt – das ist kein Journalismus mehr. Daten sind ein Werkzeug und kein Diktat. Digitalisierung ist ein Mittel zum Zweck.

Frage: Welche Vorteile haben die Leser durch die Online-Angebote? 

Antwort: Einer der Vorteile ist, dass wir, wenn wir alles richtig machen, die relevanteren Inhalte in der Art und Weise aufbereiten, dass diese den Bedürfnissen und Wünschen der Leser und Leserinnen besser entsprechen. Ein Nebeneffekt dieser stärkeren Personalisierung ist potenziell der Verlust des „Serendipity-Effekts“, also dass man über etwas stolpert, nach dem man nicht gesucht hat und das nicht direkt in das digitale Nutzungsprofil passt. Das war eine der schönen Eigenschaften einer Printzeitung: Man blättert durch und findet etwas, was man gar nicht erwartet hat.

Frage: Wie wird sich die Medienlandschaft in den nächsten Jahren verändern?

Antwort: Es wird sehr wahrscheinlich noch schwieriger werden, wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben und zu wachsen. Die Kosten für Papier, Energie und Zustellung werden voraussichtlich weiter steigen, Printleser werden weiter weniger werden. Wir müssen für Kunden und Kundinnen, die unseren Journalismus und unsere Produkte schätzen und eine Bindung zu unseren Marken haben, in der digitalen Welt einen Wert schaffen, für den sie bereit sind zu bezahlen.

Antwort: Digitale Abonnements sind derzeit zum Teil noch deutlich günstiger als Print-Abonnements, obwohl der Journalismus der gleiche ist. Bei vielen Menschen sitzt es noch immer in den Köpfen, dass digitaler Journalismus kostenlos sein müsste. Diesen Kulturwandel auch bei den Kunden und Kundinnen zu erwirken, dass Journalismus etwas Wertvolles ist, ist nicht immer einfach.

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