Berlin  Alles Fake? Darum wollen Ärzte Social-Media-Filter besser kenntlich machen

Nina Ponath
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Von Nina Ponath
| 17.12.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Laut dem Statistischen Bundesamt nutzen mehr als drei Viertel der 16-24-Jährigen in Deutschland soziale Netzwerke. Der Kontakt zu bearbeiteten Bildern ist so unvermeidbar. Foto: Unsplash/Daniel Monteiro
Laut dem Statistischen Bundesamt nutzen mehr als drei Viertel der 16-24-Jährigen in Deutschland soziale Netzwerke. Der Kontakt zu bearbeiteten Bildern ist so unvermeidbar. Foto: Unsplash/Daniel Monteiro
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Bearbeitete Bilder in sozialen Netzwerken fördern unrealistische Wünsche und irreführende Ideale, warnen Ärzte und Psychologen. Um junge Menschen besser zu schützen, fordern sie eine Kennzeichnungspflicht für Filter.

Miquela, die 19-jährige Influencerin aus Los Angeles, führt ein Leben, von dem viele Teenager träumen. Mal zeigt sie sich auf Reisen nach London oder Rom, mal an paradiesischen Stränden, und dann wieder posiert sie zwischen Prominenten wie Bella Hadid und Linda Evangelista. Dabei sieht die junge Influencerin immer beneidenswert gut aus, mit ihren großen Kulleraugen, der Stupsnase und den vollen Lippen. Was Lil Miquela von anderen Influencern unterscheidet? Sie ist eine von einem Designstudio erschaffene Roboter-Schönheit. Ihr Konto weist darauf explizit mit den Worten „19-year-old Robot living in LA“ hin. Die Einzige, bei der so einiges bearbeitet wurde, ist Lil Miquela aber bei Weitem nicht.

Immer mehr Nutzer zeigen sich in Social Media nur mit geschönten, sprich bearbeiteten Fotos, in der Regel ohne darauf hinzuweisen; Makel haben in den sozialen Netzwerken nur wenig Platz. Psychologen und ästhetisch-plastische Chirurgen warnen vor den Folgen für die mentale Gesundheit. „Wir bemerken schon seit Jahren, dass Patientinnen, die zu uns in Behandlung kommen, immer jünger werden“, sagt Alexander Hilpert, Plastisch-Ästhetischer Chirurg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Dass das Einstiegsalter sinkt, hält der Arzt für eine mögliche Folge des Social-Media-Konsums.

Social Media ist unter Jugendlichen ein bewährtes Medium. Laut dem Statistischen Bundesamt nutzen mehr als drei Viertel der 16-24-Jährigen in Deutschland soziale Netzwerke. Der Kontakt zu bearbeiteten Bildern ist so unvermeidbar.

„Viele junge Menschen kommen mit Bildern als Vorlage, auf denen Filter und KI verwendet werden“, sagt Hilpert. Zusammen mit seinen Kollegen unterzeichnete der Chirurg im Sommer dieses Jahres eine Petition zur Kennzeichnung von Bildbearbeitung. Zu den Unterzeichnern zählen mit der DGÄPC, der DGPRÄC und der VDÄPC die drei größten Verbände der Ästhetisch-Plastischen Chirurgie. 

Denkbar zur Kennzeichnung digital bearbeiteter Bilder wären zum Beispiel Wasserzeichen. Ganz neu wäre das nicht. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Kennzeichnung gibt es bereits in Israel, Norwegen, Frankreich, Österreich und England. „Der erste Versuch einer Petition durch die Youtuberin Silvi Carlson ist versandet“, sagt Alexander Hilpert. Anfang des kommenden Jahres soll ein neuer Versuch gestartet werden, um die 50.000 Unterstützer-Stimmen zusammenzubekommen, die es braucht, um in einer Rede im Bundestag angehört zu werden.

Mit der Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Bilder könne man, so hofft es Alexander Hilpert, junge, vulnerable Menschen schützen. Bildbearbeitung sei an und für sich nichts Neues; das Verfahren gibt es seit dem 19. Jahrhundert und ist bereits seitdem mit der Fotografie eng verwoben. Neu hingegen sei, dass die Bildbearbeitung allgegenwärtig ist. „Früher gab es das nur im Playboy und in der Vogue, heute wird auf alles ein Filter raufgelegt“, sagt Alexander Hilpert.

Diese Allgegenwärtigkeit von Filtern in den sozialen Netzwerken kann sich negativ auf die psychische Gesundheit und das Körperbild auswirken. So zeigen Untersuchungen zum Beispiel, dass junge Erwachsene, die häufig Filter in sozialen Medien verwenden, häufig ein erhöhtes Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem tatsächlichen Gesicht und Körper verspüren.

„Bei mir saß letztens ein 16-Jähriger, der unbedingt ein breites Kinn wollte“, sagt Alexander Hilpert. „Er hatte ein ganz normales attraktives Gesicht und wollte unbedingt aussehen wie ein erwachsener Influencer. Ich habe seinen Eltern geraten, mit ihm lieber zum Psychologen als zum Chirurgen zu gehen.“ Ein Kinn, so Alexander Hilpert, könne im Alter noch wachsen. In solchen Fällen, sagt der Facharzt, sei man dazu verpflichtet, Patienten abzulehnen. „Ich finde eine Behandlung da unethisch“, sagt Alexander Hilpert, „solche Leute haben ein Problem, mit dem man nicht versuchen sollte, Geld zu verdienen.“

Viele ästhetische Probleme, so der Chirurg, ließen sich auf natürliche Art beheben: Ungewöhnlich schlanke Frauen, die sich größere Brüste wünschen, sollten ruhig erst versuchen, etwas zuzunehmen, ehe sie sich einem operativen Eingriff unterziehen, genauso wie stark Übergewichtige sich nicht gleich Fett absaugen lassen sollten, um abzunehmen. Viele Wünsche seien unrealistisch und eine Folge übersteigerter Schönheitsideale. Eine Kennzeichnung wie bei der virtuellen Influencerin Lil Miquela kann dagegen hoffentlich helfen.

Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.

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