Adventskalender So lebt es sich auf Hof Stikelbörg in Groothusen
Johann Smid lebt in einem Gulfhof von 1880. Neben jeder Menge ostfriesischen Charme findet man dort auch exotische Mitbringsel, die der Hausherr von seinen Reisen aus Afrika mitgebracht hat.
Groothusen - Seit 143 Jahren lebt Familie Smid auf Hof Stikelbörg in Groothusen in der Gemeinde Krummhörn. Der Ururopa von Johann Smid hatte den großen Gulfhof 1880 gebaut. Seitdem befindet er sich in Familienbesitz und wurde bisher auch nur von Familienmitgliedern bewohnt. „Ich bin 1953 im heutigen Büro geboren“, sagt Johann Smid. „Das war damals noch das Schlafzimmer meiner Eltern.“
Über 220 Quadratmeter Wohnfläche verteilt auf neun große Zimmer: An Platz fehlt es in dem Gulfhof nicht. 2017 hatten Johann Smid, seine Frau Frigga Boerrigter und die beiden gemeinsamen Söhne den Hof bezogen, nachdem Smids Mutter verstorben war. Zusammen mit dem Monumentendienst ließ Smid das geschichtsträchtige Gebäude sanieren und modernisieren. Auch die Raumaufteilung wurde angepasst: Dort, wo heute die Küche ist, war einst das Wohnzimmer. Das frühere große Badezimmer wurde zum Schlafzimmer und das Kinderzimmer zum Bad. Im ehemaligen Schlafzimmer der Eltern befindet sich nun ein Arbeitszimmer.
Unter dem Teppich versteckte sich ein originaler Fliesenboden aus 1880
Bei den Sanierungsarbeiten kam das ein oder andere Schätzchen zum Vorschein. „Meine Eltern hatten in den 1970er Jahren zum Beispiel den Boden im Flur mit Teppich ausgelegt, damit die Füße nicht so kalt werden“, sagt der 70-Jährige. Unter dem Teppich versteckte sich ein originaler Fliesenboden aus 1880. Der Kachelofen im heutigen Wohnzimmer kommt aus der gleichen Zeit und ist ebenfalls komplett erhalten. In kalten Wintertagen spendet er der Familie wohlige Wärme. Auch in der großen Gulfscheune hat es Veränderungen gegeben: 2020 entstanden dort drei Altenwohnungen, die die Familie vermietet. Das war mit Förderungen aus der Dorfentwicklung möglich gewesen.
Die Landwirtschaft hatte Johann Smids Vater bereits in den 1970er Jahren aufgegeben, die Ländereien verpachtet. Während für die Vorfahren von Johann Smid das Leben auf dem Hof eher selbstverständlich oder sogar zweckmäßig war, sieht Smid es heute als Privileg an. Der Grund dafür liegt auch in seiner beruflichen Karriere, in der er über 30 Jahre als Entwicklungshelfer vor allem in Afrika unterwegs war. „Wir sind wirklich froh, dass wir jetzt hier in Ostfriesland zuhause sind, weil hier ist es sicher“, sagt Smid. Der studierte Agraringenieur mit dem Schwerpunkt tropische Landwirtschaft arbeitete unter anderem als Berater für ländliche Entwicklung in verschiedenen Ländern Afrikas und in Papua Neuguinea. Er spricht neben Deutsch, Plattdeutsch, Englisch und Französisch auch exotische Sprachen wie Amharisch oder Pidgin. Auf seinen Reisen hat er nicht nur Armut, sondern auch viele Konflikte hautnah miterlebt. Nicht selten wurden er und seine Kollegen Hals über Kopf evakuiert, wenn die Konflikte vor Ort zu eskalieren drohten.
Auf alter Blutbuche kletterten schon viele Generationen Groothuser Kinder
Die Mitbringsel seiner Reisen um den Globus finden sich in Hof Stikelbörg wieder. Etwa ein imposanter Holztisch aus Äthiopien oder ein Gebetsteppich aus Afghanistan. In vielen Zimmern treffen diese Gegenstände auf traditionelle ostfriesische Möbel. Viele von ihnen kommen noch von seinen Eltern oder Urgroßeltern. Typisch ostfriesisch gehalten sind auch die Küche und das Wohnzimmer als Mittelpunkt des Hauses. An der großen Tafel finden jede Menge Leute Platz - Johann Smid und seiner Frau liegt offenbar das Gastgeber-Sein. Regelmäßig kommen Freunde und Verwandte zu Besuch, aus erster Ehe bringt Johann Smid zudem drei bereits erwachsene Söhne und Enkelkinder mit.
Zu Hof Stikelbörg gehört auch ein großer Garten, der als Teil des Ensembles wie der Hof selbst unter Denkmalschutz steht. Besonders stolz ist Johann Smid auf eine Blutbuche, die kurz nach dem Bau des Gulfhofs gepflanzt wurde. Viele Generationen Groothuser Kinder haben darauf geklettert. Zuletzt war Smid in Sorge, weil die Gemeinde ihn aufgefordert hatte, den Baum ordentlich zurückschneiden zu müssen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Dieses Problem habe man mittlerweile zum Glück auf kurzem Wege lösen können: Gemeinsam mit dem Bauhof wurden einige der kleineren Äste zurückgeschnitten, die großen Äste durften bleiben.
Zur Geschichte von Hof Stikelbörg
Jan Eden Smit und Antje Janssen haben 1789 den Hof Westerburg in Groothusen gekauft. Deren einziges Kind Jan Eden Smid II, verheiratet mit Gertje Behrends van Lingen, hat 1845 die Bewirtschaftung übernommen. Das Ehepaar hatte vier Söhne. Einer dieser Söhne, Jan Eden Smid III, verheiratet mit Margarete Schöningh aus Pilsum, hat etwa 1879 bis 1880 den Familienhof „Stikelbörg“ bauen lassen – zuerst die Scheune mit Küche und Karnhaus. Später wurde das alte kleinere Hofgebäude abgerissen und das Vorderhaus gebaut. 1896 übernahm der Urgroßvater von Johann Smid, Hinrich Johann Smid, verheiratet mit Fraukina Reershemius von Heiselhusen, die Bewirtschaftung des Hofes.
1913 wurde der Hof um einen Gulf erweitert, samt neuem Pferdestall und neuem hinteren Giebel. Rena Smid und Hans Lotze haben den Hof von etwa 1930 bis 1952 bewirtschaftet und danach bis 1970 Hinrich Smid. Aufgrund der schlechten Einkommenslage und mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft wurde die Bewirtschaftung 1970 aufgegeben und das Land verpachtet. 1996 ist das Scheunendach erneuert worden. Im Jahr 2019/2020 wurden drei Seniorenwohnungen in den Gulf hineingebaut. Das Hofgebäude selbst wird seit 2017 weiterhin von Johann Smid und Familie bewohnt.