Osnabrück  Christian Odzucks Kunstbau für den Menschen auf der Durchreise

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 11.12.2023 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Architektur auf Zeit: Christian Odzucks Installation „Casa senza Nome“. Foto: Kai Behrendt
Architektur auf Zeit: Christian Odzucks Installation „Casa senza Nome“. Foto: Kai Behrendt
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Ist das die Kunst einer neuen Utopie? Christian Odzuck hat seine „Casa senza Nome“ in der Kunsthalle Lingen installiert. Das Werk wirkt wie der Kommentar auf eine Zeit, die der Zukunft misstraut.

Was ist das? Ein Mikado-Gewitter? Der neue Turmbau zu Babel? Christian Odzuck hat in der Kunsthalle Lingen sein „Casa senza Noma“ installiert, eine Architektur auf Zeit. Mitten in einer ländlichen Welt der Einfamilienhäuser und Klinkerbauten wirkt das Gebilde wie der visionäre Vorgriff auf eine neue Lebensweise in ganz anderen Zusammenhängen. Eine Stadt aus Modulen, gemacht für ein Leben in der Vorläufigkeit. Die „Casa senza Noma“, dieses Haus ohne Namen, zeigt sich als erweiterbare Struktur. Sie kann wachsen oder wieder schrumpfen – ganz nach Wunsch.

Der Düsseldorfer Künstler Christian Odzuck interessiert sich als Bildhauer für den städtischen Raum. Er untersucht Formen der Architektur auf ihre Logik und ihre Konsequenzen für das Leben. Teile der alten Oberfinanzdirektion in Münster kombinierte er 2017 neu zu einem ebenso vertrauten wie seltsam befremdlichen Bau-Gebilde – als Beitrag zu den Skulptur-Projekten in Münster.

Die Installation in der Kunsthalle Lingen trifft einen Trend. Wie geht es weiter mit einer Zivilisation zwischen Ressourcenproblemen und kippendem Weltklima? Die Künste untersuchen diese Fragen – oder reagieren mit utopischen Entwürfen. Städte auf Stelzen, Architekturen wie Kristalle, Gebäude als Blasen: Die Utopien, mit denen die Künstler Constant und Wenzel Hablick oder der Architekt Buckminster-Fuller im 20. Jahrhundert für Aufsehen sorgten, sind wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Christian Odzucks Lingener Installation schließt an solche Utopien an, teilt aber nicht ihr Pathos. Das zwanzigste Jahrhundert erscheint heute als Ära der Machbarkeiten. Ein Architekt wie Bruno Taut schlug allen Ernstes vor, die Alpen mit gigantischen Architekturen zu überbauen – als Friedenswerk der Völkerverbindung. Odzucks Türme dagegen reflektieren den defensiven Geist einer Zeit, der alle Utopien abhandengekommen sind. Die Euphorie ausgreifender Planungen ist verflogen. Jetzt befindet sich die Welt im Rückbau.

Odzucks Installation nimmt sich nun ebenso imposant wie flüchtig aus. Die im rechten Winkel gefügten Stäbe können eine Struktur bilden, die sich auftürmt oder zu den Seiten weiter wuchert. Gestaltwandel ist Programm in einer Architektur, die kein Innen und Außen, sondern nur Kreuzungspunkte kennt. Wenn hier eine Euphorie durchscheint, dann jene für Netzstrukturen, für ihre fluide Flexibilität und ihre tendenzielle Endlosigkeit.

Ob darin wirklich utopische Energie liegen kann, scheint zumindest zweifelhaft. Denn Odzucks namenloser Bau wirkt wie ein Ort, an dem Menschen kaum heimisch werden können. In diesem Punkt liegt die Schwäche aller urbanen Utopien: Sie rechnen nicht mit dem Bedürfnis des Menschen nach Geschichte und Heimat, sie ignorieren seine Sehnsucht, sich Orte wirklich zu eigen zu machen, in ihnen also mehr zu sehen, als die temporäre Station einer nomadisierenden Existenz.

Odzucks Welt aus tausend Stäben fasziniert gleichwohl als Konzept und Konstrukt. Der Künstler hat seinen Turmbauten fantasievoll geschwungene Behältnisse aufgesetzt, aus denen Grünpflanzen wachsen und wuchern. Das Leben kann sich überall entfalten, auch in zufälliger Zwischenstation. Ob darin die Botschaft dieser elegant sich ausbreitenden Installation besteht? Die Holzstäbe sollen nach Abbau der Installation wiederverwertet werden. So verflüchtigt sich auch das Kunstereignis zum Zwischenstopp einer Nomadenreise.

Lingen, Kunsthalle: Christian Odzuck: Casa senza Nome. Bis 22. Dezember 2023. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr.    

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