So lebt Ostfriesland  Jeden Abend Postkartenblick mit Ottifanten-Fahne

Stephanie Schuurman
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Von Stephanie Schuurman
| 11.12.2023 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Über den Dächern von Emden: Friederike Junkhoff lebt in einem Penthouse auf Schreyers Hoek. Foto: Ortgies
Über den Dächern von Emden: Friederike Junkhoff lebt in einem Penthouse auf Schreyers Hoek. Foto: Ortgies
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Friederike Junkhoff wohnt in einem Penthouse auf Schreyers Hoek. Sie hat dort nicht nur den schönsten Blick über Emden, sondern besondere Nachbarn, Rituale und Sammelleidenschaften.

Emden - Von unten ahnt man schon, dass die Aussicht gut sein muss. Doch oben in 23 Metern Höhe angekommen, ist man wirklich überwältigt - und das liegt nicht daran, dass die achte Etage zu Fuß erklommen wurde. Es eröffnet sich ein Rundumblick über Emden, der an den Stadtgrenzen nicht Halt macht.

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Wohnen mit Aussicht | So lebt Emderin in einem Penthouse am Delft
08.12.2023

Friederike Junkhoff genießt diesen Blick täglich. Und er nutzt sich auch nicht ab, wie die Bewohnerin des südöstlichen Penthouse auf Schreyers Hoek sagt. „Ich bin jeden Tag dankbar und zufrieden. Für kein Geld der Welt würde ich hier wegziehen.“ Seit mehr als 37 Jahren lebt die heute 62-Jährige oben über den Dächern der Innenstadt, war mit dem Grundschullehrer Eckhard Junkhoff dort am 2. Januar 1986 eingezogen, und sogar geheiratet haben die beiden auf dem Balkon mit Ausblick in die Welt.

26 Wohnungen, zwei davon exklusiv

Eigentlich ist das gar kein Balkon, sondern ein Dachrundgang, erklärt Friederike, genannt Friede. Denn dass dort oben auf dem 1959 von der Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat gebautem Hochhaus überhaupt Penthouse-Wohnungen entstehen, war ursprünglich gar nicht geplant. Erst sollte das Gebäude mit Spitzdach errichtet werden. Es heißt, der damalige Direktor der Erdölraffinerie Frisia, ein Amerikaner, sei auf der Suche nach einem Penthaus gewesen. So seien die Pläne eben geändert worden.

Postkartenmotiv pur: Vom Balkon sind der Alte Binnenhafen mit seinen Lichtern, das Hotel und die Strandbar bestens im Blick. Foto: privat
Postkartenmotiv pur: Vom Balkon sind der Alte Binnenhafen mit seinen Lichtern, das Hotel und die Strandbar bestens im Blick. Foto: privat

Es entstanden zwei der damals exklusivsten Appartements der Stadt, obwohl die Innenstadt-zugewandte Wohnung nur gute 60 Quadratmeter hat, die in Richtung Außenhafen von Junkhoffs etwa 80 Quadratmeter. Insgesamt füllen sie aber nicht die Grundfläche der darunterliegenden 24 Wohneinheiten, statt überhängendem Balkon gibt es eben den Dachrundgang - nur durch den Aufzugschacht unterbrochen. Alle Wohnungen sind in den 1980er-Jahren zum Verkauf angeboten worden.

Zur Begrüßung Fahnen hissen

Den Rundgang haben sich die Junkhoffs immer mit ihrem Nachbarn Bernhard Brahms geteilt. Der Stifter des Glockenspiels am Rathaus starb vor vier Jahren und vererbte seine Wohnung unter anderem dem Emder Hospiz. Jetzt ist sie an eine „ausgesucht neue liebe Nachbarin“ vermietet, wie Friede sagt.

Auch Eckhard Junkhoff, gennannt Eck, ist bereits 2011 gestorben. Was geblieben ist, ist unter vielen anderen Erinnerungsstücken in der Wohnung das Fahnen-Hissen. „Eck und ich sind ja eng mit Otto Waalkes befreundet“, sagt Friede. „Und wenn ich weiß, dass Otto in der Stadt ist, wird die Ottifanten-Fahne gehisst.“ Sie hängt dann stadteinwärtsgewandt anstelle der Emden-Flagge, stadtauswärts wird ostfriesische geflaggt. Und zu den Ritualen gehört auch, dass die Ostfriesland-Fahne gegen die niederländische getauscht wird, etwa zum Wellcome, wenn der Sinterklaas kommt.

Ottoist in der Stadt! Jedenfalls immer, wenn man auf Schreyers Hoek diese Fahne sieht. Foto: privat
Ottoist in der Stadt! Jedenfalls immer, wenn man auf Schreyers Hoek diese Fahne sieht. Foto: privat

Von den Inseln bis nach Holland

Aber zurück zum Ausblick: Dass an diesem Freitagvormittag dicke Schneeflocken über den Alten Binnenhafen treiben, stört erst einmal gar nicht. Gefühlt bis in die Niederlande reicht die Ausschau. Und Friede bestätigt, dass sie, jedenfalls mit dem Fernrohr, sogar die Martini-Kerk in Groningen ausmachen kann. Abends sieht sie das Blinken der Leuchttürme von Norderney und Borkum, den höchsten Leuchtturm von Campen hat sie jetzt im Fokus, den Wasserturm in Leer oder auch im Sommer die Segler auf dem Uphuser Meer.

Eigens für die Junkhoffs: Ihre Freund und Maler Ole West zeichnete Schreyers Hoek, dicht umlagert von Schiffen an den Matjes-Tagen. Foto: Ortgies
Eigens für die Junkhoffs: Ihre Freund und Maler Ole West zeichnete Schreyers Hoek, dicht umlagert von Schiffen an den Matjes-Tagen. Foto: Ortgies

Abends leuchten die Lichter aus dem Hafen, die Gebäude rund um den Delft. „Das Hotel am Delft ist immer besonders schön beleuchtet und eine Augenweide, als wäre es schon immer da gewesen“, sagte Friede. „Ich habe hier jeden Abend Postkartenblick.“ Dass der Fernseher dabei vor allem im Sommer immer aus bleibt, verstehe sich von selbst. Viel entspannter sei es, laue Abende vom Dachrundgang aus zu genießen und das Treiben rund um den Delft zu beobachten.

Auch dies ein herrlicher Blick vom Balkon: Emder Delft an Sommertagen. Foto: privat
Auch dies ein herrlicher Blick vom Balkon: Emder Delft an Sommertagen. Foto: privat

Sattsehen auch in der Wohnung unmöglich

80 Quadratmeter, drei Zimmer, kleine Küche, Bad, Buchenparkett: Wer es schafft, seinen Blick nach draußen endlich auch nach drinnen abzuwenden, kann auch in der Penthouse-Wohnung viele Besonderheiten entdecken. Friede sammelt Ostfriesisches, und zwar nicht nur eine einzige Besonderheit. „Meine Leidenschaft sind die Knippkes“, sagt sie. 60 Stück der gestrickten Perlen-Portmonaies mit ostfrieschen Silberbügeln liegen in einer extra angefertigten Vitrinen-Lade.

Sammeln ist Friederike Junkhoffs Leidenschaft: 60 Knippkes mit ostfriesischen Silberbügeln hat sie schon zusammen. Foto: Ortgies
Sammeln ist Friederike Junkhoffs Leidenschaft: 60 Knippkes mit ostfriesischen Silberbügeln hat sie schon zusammen. Foto: Ortgies

Außerdem stehen irgendwie überall Messing-Stövchen in Regalen, diverse originale Tee-Services, vieles auf Antik-Märkten ergattert. Augenblicklich etwas versteckt dazu viele Hühner-, Gänse- und Taubeneier, zart bemalt mit der ostfriesischen Rose, auf der Rückseite jeweils eine Widmung vom Nachbarn. „Die sind von Bernhard bemalt, jedes Jahr zu Ostern hat er mir ein neues geschenkt.“ Sattsehen ist hier oben auf Schreyers Hoek wirklich nicht möglich.

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