Berlin  „Ich bitte Sie, wieder zum Thema zu kommen“: Rainer Bock im Interview

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 09.12.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
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In der ARD-Serie „Die Saat – Tödliche Macht“ zieht Rainer Bock als Agrar-Lobbyist die Fäden. Privat kommt er selbst aus der Umweltbewegung. Wie war es, für die Figur die Seiten zu wechseln? Darüber wollten wir mit Rainer Bock reden. Ganz leicht war es nicht.

Als junger Mann lebte Rainer Bock in einem Protestdorf der Anti-AKW-Bewegung. Für die ARD-Serie „Die Saat“ hat er sich nun in die andere Seite eingefühlt und einen Strippenzieher im Dienste von Agrarmilliardären gespielt. Ein Interview.

Frage: Herr Bock, in den 80ern hatten Sie in Kiel ein Kleinkunst-Café. Wie, dachten Sie damals, würde Ihre Schauspielzukunft aussehen? Und was ist jetzt anders?

Antwort: Die 70er Jahre waren für mich ziemlich durchwachsen. Nach der Schule wusste ich gar nicht, was ich will. Ich hatte sogar eine kleine Spieler-Karriere – zwei Jahre, würde ich sagen, war ich richtig süchtig. Davon bin ich losgekommen, aus eigenem Willen, ohne Therapie und auch ohne mich vorher ins tiefste Unglück zu stürzen. Dann habe ich mich eine ganze Weile politisch an der Anti-AKW-Bewegung beteiligt. Und als das beendet war, habe ich 1979 gemeinsam mit einem Freund in Kiel das Café Lucy eröffnet – benannt nach meiner damaligen Katze.

Frage: Was gab es in dem Kunst-Café zu sehen?

Antwort: Der Begriff Kunst-Café ist fast schon überzockt. Vier- oder fünfmal im Jahr hatten wir Lesungen oder es kam jemand mit der akustischen Gitarre. Regelmäßig waren vor allem unsere Fotoausstellungen. Hinter dem Tresen waren wir zwar zwei lustige Vögel; auf der Bühne stand ich aber nicht.

Frage: Und wie ging’s dann zum Theater?

Antwort: Im Café hatten wir Stammgäste vom Stadttheater; und die haben mich angefixt. Eigentlich habe ich das für unerreichbar gehalten – trotzdem bin ich auf eine Schauspielschule gegangen. Auf eine private. Da ist man eher geneigt, viele Schüler aufzunehmen, selbst untalentierte. In meinem Fall schien das aber nicht der Fall zu sein. Und dann ging es los: Vom Stadttheater Kiel zum Schleswig-Holsteinischen Landestheater. Dann habe ich in Heidelberg vorgesprochen. Da habe ich einen tollen Regisseur kennengelernt: Hans-Ulrich Becker. Mit dem bin ich von Heidelberg über Mannheim und Stuttgart bis nach München gegangen. Vom Drehen war da immer noch nicht die Rede. Ich war ein Theatermensch und habe meine Erkundungsreisen durch die Weltliteratur genossen.

Frage: Im Kino waren Sie als Arzt, General, Bürgermeister und Fregattenkapitän zu sehen. Wie hat Ihr bunter Werdegang Sie zu den Stützen der Gesellschaft geführt?

Antwort: Kann das sein, dass das ein sehr subjektiver Eindruck Ihrerseits ist?

Frage: Ganz sicher sogar. Sonst sitzt hier ja keiner.

Antwort: Ich wollte Ihnen damit die Allgemeingültigkeit Ihrer Aussage absprechen. Wenn Sie mein Portfolio genau angucken, sehen Sie: Es ist auch von anderen Rollen durchwirkt. Wenn ich oft Rollen angeboten bekomme, die autoritäre Züge haben – falls Sie darauf anspielen – dann hat es was mit meinem Coming out im „Weißen Band“ von Michael Haneke zu tun – wobei ich versucht habe, auch dieser Figur eine gewisse Ambivalenz zu verleihen. Was hier vielleicht nicht so stark möglich war wie bei anderen Figuren. Sie war sehr hart und streng geschrieben.

Frage: Allerdings. Es war ein Landarzt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der die Geliebte erniedrigt und, wenn ich mich richtig erinnere, seine Tochter missbraucht.

Antwort: Mit einer solchen Rolle ist die Fantasie der Leute, die Schauspieler besetzen, erstmal geprägt. Am Theater musst du aber eine große Bandbreite haben. Und darum habe ich mich auch beim Film bemüht.

Frage: In „Die Saat” spielen Sie einen Top-Lobbyisten – den exakten Antagonisten aller Ideale Ihrer Anti-AKW-Jugend. Entsteht eine Empathie für diesen Typus, wenn man ihn spielt? Oder war es eher eine Recherche am Feind?

Antwort: Zwischen meiner Beschäftigung mit der Anti-AKW-Bewegung und dieser Rolle liegen 40 Jahre. Das muss nicht heißen, dass man alte Ideale verleugnet. Aber jetzt bin ich Schauspieler und als solcher muss ich mich mit jedweder Charakteristik auseinandersetzen können. Ein Lobbyist ist nicht per se ein schlechter Mensch. Mit dieser Schwarzweißmalerei habe ich ohnehin meine Schwierigkeiten.

Frage: Im Presseheft zur Serie stellen Sie selbst den Bezug zu Ihrer Zeit in der Anti-AKW-Bewegung her. Haben Sie Lust, da noch mal einzutauchen?

Antwort: Nein – ich unterstütze inhaltlich diverse Organisationen, die sich mit Umweltaktivismus auseinandersetzen, von Greenpeace bis zu den Grünen – trotz aller Widersprüche, die damit zusammenhängen. Für Aktivismus bin ich zu alt; da sind die jungen Menschen aufgerufen.

Frage: Gerade bei der Atomkraft trennen sich zwei Generationen der Umweltbewegung. Den Alten ist der Atomausstieg wichtig, die Jungen achten auf die fossilen Energien.

Antwort: Wissen Sie, ich wollte eigentlich über diese Serie sprechen. Ein Satz dazu, dann bitte ich Sie, wieder zum Thema zu kommen. Ich habe nicht so eine ganz große Lust, ausschließlich politische Themen zu beackern. Also: Was ich an der Diskussion um Atomkraftwerke merkwürdig finde: Wenn man bedenkt, dass sechs Prozent unseres Energiebedarfs aus der Atomkraft gewonnen wurden – dann ist die Diskussion doch absurd.

Frage: Ist eine Serie wie „Die Saat“, in der es um die Monopolisierung von Ressourcen geht, auch ein politisches Statement?

Antwort: Das ist eine wichtige Arbeit, absolut. Das ist inhaltlich richtig und sehr gut recherchiert. Was in „Die Saat” verhandelt wird, gehört auf die Tagesordnung, auch mit unseren Möglichkeiten der Unterhaltung.

Frage: Haben Sie die Hoffnung, dass eine Serie etwas verändern kann?

Antwort: Ja, was kann Kunst verändern? Ich weiß es nicht. Ich sage mir immer: Wenn ich nur einen erwische, der nach einem Theaterstück oder Film ein wenig anders auf die Dinge blickt, dann habe ich was erreicht. Löst unsere Serie eine antikapitalistische Revolution aus? Das sicher nicht.

Frage: Gibt es Kollegen oder Projekte, die Sie selbst so beeindruckt haben, dass Sie anders auf die Dinge blicken?

Antwort: Das gibt es natürlich immer wieder. Zwei greife ich raus: In Amerika die Serie „Better Call Saul“ zu drehen, war ein ganz, ganz großes Erlebnis – sowohl in der Arbeitsweise wie auch mit den Kollegen. Das Zweite ist die Begegnung mit Philip Seymour Hoffman, mit dem ich „A Most Wanted Man“ drehen durfte. Das ist ein Kollege, den ich sehr bewundert habe und der viel zu früh gestorben ist. Bei der Premiere haben wir alle geweint. Man darf gar nicht darüber nachdenken, was er noch alles hätte machen können.

Rainer Bock als Werner Ziegler in der US-Serie „Better Call Saul“:

Frage: „Better Call Saul“ ist die Rolle, mit der Sie in Zeitungsartikeln den Lesern jetzt immer vorgestellt werden. Hatte die Serie eine vergleichbare Wirkung für Sie wie 2009 „Das weiße Band“?

Antwort: So funktioniert die mediale Aufmerksamkeit einfach. Wenn ein deutscher Schauspieler in einer amerikanischen Serie spielt, wird das aufgegriffen. Die Arbeit war für mich etwas Besonderes, schon, weil ich noch nie Amerika gedreht hatte. Ich hatte das Land nie betreten. Nun waren wir drei Monate in New Mexico und das war ein tolles Erlebnis. Letztendlich haben Sie aber recht: Mein filmisches Coming out war „Das weiße Band“. Ich bin ihm mein Leben lang dankbar, dass Michael Haneke mich besetzt hat. Der Film wurde weltweit gesehen, gerade in der Branche. Ich habe es auch nicht ganz verkackt. Also hat es Türen geöffnet.

Frage: Sind Sie einverstanden damit, dass dieses „Coming out“ spät in Ihrem Leben kam? Oder denken Sie manchmal: Wie schön wäre es doch gewesen, schon mit 25 Jahren in den USA zu drehen?

Antwort: Um Gottes willen, das wäre ja schrecklich. Das wäre ein Lebensresumee, das von Verzweiflung und Frustration geprägt wäre. So wie mein Leben, auch mein Arbeitsleben, gelaufen ist, so war es toll. Es ist großartig, dass ich diese Erfahrungen machen konnte. Und dass ich sie weiterhin mache. Nach unserem Interview höre ich ja nicht auf.

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