Stammzellen gespendet Carolin Prünie wird zur Lebensretterin
Völlig unerwartet kam für die 18 Jahre alte Carolin Prünie aus Neurhede der Anruf, dass sie als Stammzellspenderin infrage kommt. So hat sie den Eingriff erlebt.
Neurhede - Carolin Prünie aus Neurhede hat ein Leben gerettet. Maßgeblichen Anteil daran hat Lara Behrens aus Aschendorf. Die beiden 18-jährigen Schülerinnen vom Mariengymnasium Papenburg verbindet eine besondere Geschichte. Im vergangenen Jahr ereilt Lara Behrens eine Hiobsbotschaft. Ihr Freund ist an Leukämie erkrankt. Ein Schock. „Zunächst war nicht klar, ob ihm eine Stammzellenspende helfen könnte“, erzählt die 18-Jährige. Behrens möchte aber unbedingt etwas tun. Über ihre Tante knüpft die angehende Abiturientin Kontakt zu deren Nachbarin Christa Lindenberg. Sie ist zweite Vorsitzende von Leukin. Der Verein mit Sitz in Rhauderfehn organisiert und finanziert seit 25 Jahren Typisierungsaktionen für potenzielle Stammzellenspender, mit denen sich Blutkrebs bezwingen lässt und somit Leben gerettet werden können. „Alle zwölf Minuten erkrankt in Deutschland ein Mensch an Blutkrebs“, sagt Lindenberg. Weltweit passiert es Leukin zufolge alle 27 Sekunden. Der Verein arbeitet eng mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) zusammen.
Passender Spender wie ein Sechser im Lotto
Im Austausch zwischen Lara Behrens und Leukin reift der Entschluss, eine Typisierungsaktion am Mariengymnasium auf die Beine zu stellen. Behrens ist nicht so vermessen zu glauben, dass sich dabei ein mögliches „Match“ für ihren Freund findet. Auch die 18-Jährige weiß, dass ein Erfolg bei der Suche nach dem sogenannten genetischen Zwilling dem berühmten Sechser im Lotto gleichkommt. Aber sie weiß auch: Je mehr Menschen sich registrieren lassen, desto mehr Leben können gerettet werden. Zusammen mit Leukin, der Schule und bis zu 20 Mitschülerinnen organisiert Behrens die Aktion, die am 21. Dezember 2022 im Mariengymnasium stattfindet. In einem Zeitraum von vier Unterrichtsstunden können sich Menschen ab 17 Jahren in den Physikräumen der Schule typisieren lassen. Außer Schülerinnen kommen Eltern, Freunde und Geschwister.
Carolin Prünie mit der Situation „überfordert“
Am Ende der Aktion umfasst die Liste der Registrierungen fast 90 Namen, darunter ein ganz besonderer. Das aber stellt sich erst mehr als ein halbes Jahr später heraus. Lara Behrens‘ Mitschülerin Carolin Prünie befindet sich gerade auf einer Studienfahrt in Prag, als sie Anruf und E-Mail der DKMS erreicht. Der Neurhederin wird mitgeteilt, dass sie in einem konkreten Fall als Spenderin infrage komme. „Ich war mit der Situation ein bisschen überfordert“, räumt die 18-Jährige ein. Und doch ist für sie klar, dass sie die Situation annimmt – frei nach dem Motto: Wer A sagt, muss auch B sagen. Was folgt, sind eine Reihe von (gesundheitlichen) Fragen, ein Hausarztbesuch zur Blutabnahme sowie eine Voruntersuchung in einer Klinik in Köln. Dort findet im Oktober schließlich auch die Entnahme von Stammzellen statt.
Zuvor muss sich Prünie selbst vier Tage lang ein Medikament spritzen, das die Zellproduktion anregt und dafür sorgt, dass möglichst viele aus dem Becken in die Blutbahn strömen. Als Nebenwirkungen stellen sich Kopf- und Beckenschmerzen ein, „aber nichts, was man nicht aushalten könnte“, betont Prünie. Die Stammzellen werden „peripher“ entnommen. Vereinfacht beschrieben bedeutet dies, dass das Blut über jeweils einen Zugang in beide Armvenen durch eine Apparatur läuft, in der die Stammzellen herausgefiltert werden. Das Ganze habe etwa sechs Stunden gedauert und sei keine große Sache gewesen, berichtet Prünie. Die Reisekosten übernimmt die DKMS. Etwa sechs Wochen später bekommt sie die Nachricht, dass ein Mann aus England ihre Spende erhalten habe und es ihm so weit gut gehe. Ungefähr in einem halben Jahr erfahre sie, wie nachhaltig die Genesung des etwa 30-Jährigen sei. Wenn von beiden Seiten gewünscht, kann in zwei Jahren eine persönliche Kontaktaufnahme stattfinden.
Carolin Prünie sagt auf Nachfrage, dass es ein „gutes Gefühl“ sei, ein Leben zu retten. Und der Aufwand sei nicht so groß, dass man ihn nicht leisten könne. „Ich würde es wieder tun.“ Christa Lindenberg überreicht der 18-Jährigen zum Dank einen „Leukin-Engel“ als Symbol für die Lebensrettung.
Christa Lindenberg: Das Emsland ist Leukin-Land
Leukin hat im nordwestdeutschen Raum nach eigenen Angaben bislang mehr als 280 Typisierungsaktionen durchgeführt. Dabei seien über 1000 „Lebensretter“ gefunden worden. Die Leukin-Region gelte als das besttypisierte Gebiet in Deutschland, sagt Lindenberg. „Auch das Emsland ist Leukin-Land.“ Der Verein, der auf rund 100 ehrenamtliche Helfer zurückgreifen könne, finanziere sich ausschließlich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Benefizaktionen. Eine Typisierung koste 40 Euro, sagt Lindenberg. Einen großen Schub bekam die Registrierung zuletzt durch einen Aufruf des TV-Duos Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf im Zusammenhang mit einer Schatzsuche. „Man kann gar nicht oft genug betonen, wie einfach es ist“, so Lindenberg.
Berufsbildende Schulen Papenburg aktiv
Sie erklärt, dass Leukin gezielt Schulen im Visier habe. Je jünger die Stammzellenspender, desto besser. In Papenburg sind die Berufsbildenden Schulen besonders häufig aktiv. Das Mariengymnasium war dank der Initiative von Lara Behrens zum ersten Mal dabei. „Aber mit Sicherheit nicht zum letzten Mal“, verspricht Oberstufen-Koordinatorin Kathrin Schlarmann. Sie sieht durch die Aktion auch die Schulgemeinschaft gestärkt. Und noch eine gute Nachricht: Auch der Freund von Lara Behrens hat inzwischen eine Stammzelltransplantation erhalten. „Ihm geht es gut“, sagt die 18-Jährige. Die Therapie sei beendet, die Nachsorge bleibe. Im August hat er eine Ausbildung begonnen.