Serie „So lebt Ostfriesland“  Helga Howe aus Westoverledingen findet blind durch den Alltag

Lukas Münch
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Von Lukas Münch
| 08.12.2023 12:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Blindenhund Unox hilft seinem blinden Frauchen Helga Howe durch die Welt. Foto: OTV/Fäustel.
Blindenhund Unox hilft seinem blinden Frauchen Helga Howe durch die Welt. Foto: OTV/Fäustel.
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Wir stellen Ihnen im Advent verschiedene Wohnformen vor. Diesmal steht Helga Howe aus Völlenerkönigsfehn im Mittelpunkt. Sie erzählt, wie das Leben mit Blindenhund klappt.

Westoverledingen - Extrem laut erklingt die Türklingel von Helga Howe aus Völlenerkönigsfehn. Der schrille, laute Ton soll sicherstellen, dass die blinde Frau auch von jedem Ort in ihrem Haus rechtzeitig an die Haustür kommt. Sie öffnet rasch – keine lange Wartezeit für Besucher. In ihrem Eigenheim hat sie die volle Orientierung. Schaffen kann Howe das nur, indem sie ihr Haus wirklich ordentlich hält. Das fällt auf: Nichts liegt herum, jedes Teil hat seinen Platz, alles steht am rechten Fleck. Das sei extrem wichtig im Leben einer blinden Person, sagt die Frau, die sich auch im Blindenverband in Leer engagiert. Für einen gewissen Chaosgrad sorgen andere Bewohner des Hauses, nicht ihr Ehemann, aber dafür ihre drei Hunde.

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Mit einem Blindenhund an der Seite | So lebt Ostfriesland
07.12.2023

Unox, Alma und Cooper sind ihre vierbeinigen Weggefährten. Unox ist ein geschulter Blindenhund, die anderen beiden allerdings nicht. Alma ist ein Golden Retriever-Labrador-Mix und ist schon betagt, die anderen beiden sind gerade einmal zwei Jahre alt und sind beide reine Labradore. Ihr Unox ist noch ziemlich am Anfang seiner „Karriere“, er ist schon als Blindenhund ausgezeichnet, müsse aber noch einiges dazulernen, sagt Howe. Das sei ein ständiger Prozess. Kein Vergleich zu seinem Vorgänger Nepumuk. „Wir nannten ihn Prinz Valium. Manchmal wusste ich gar nicht, ob er überhaupt noch da war. War er aber immer. Er war einfach nur unglaublich ruhig“, sagt Howe.

Unox ist knapp zwei Jahre alt. Foto: OTV/Fäustel
Unox ist knapp zwei Jahre alt. Foto: OTV/Fäustel

Technische Geräte sprechen mit ihr

Einen andere wichtige Rolle nehmen technische Geräte und Hilfsmittel in Helga Howes Leben ein. „Alexa, bereite Kaffee zu“, ruft Helga Howe in den Raum hinein und schon fängt das Gerät an für sie zu arbeiten. Die vollautomatische Kaffeemaschine etwa spricht mit ihr und lässt sich auf Zuruf bedienen.

Fast egal, worauf Howe drückt, es spricht mit ihr. „Jetzt hat meine Waschmaschine keine Verbindung mehr“, sagt Howe. Durch Alexa von Amazon, einem virtuellen Sprachassistenten des Versandunternehmens, ist alles miteinander vernetzt, oder eben manchmal auch nicht.

Helga Howe ist trotz Blindheit fix unterwegs

Klingelt das Telefon, dann klingelt es laut und untermalt von einer sonoren Männerstimme, die den Anrufer beziehungsweise die Nummer durchsagt. „Wenn ich Zuhause bin, dann kann ich das gar nicht überhören“, scherzt sie. Als der Paketbote klingelt, ist sie mindestens so schnell an der Tür, wie Menschen ohne Seheinschränkung. „Nein, ich warne da niemanden vor oder informiere die Leute, dass ich blind bin. Wieso denn? Ich bin doch schneller an der Tür als so manch anderer“, sagt Howe. In ihrem Haus gibt es keinerlei Stolperfallen. Das ermöglicht ihr Rekordzeiten, wenn die Post kommt. „Im Haus sind die Hunde eigentlich überhaupt keine Hilfe, da komme ich ganz alleine zurecht“, sagt sie. Nur wenn sie nach draußen ginge, dann sei sie auf Unox‘ Hilfe angewiesen.

„Es ist 12 Uhr und 15 Minuten“, tönt es laut mit einem Warnton und einer eindringlichen Männerstimme versehen. Da Helga Howe trotz ihrer Blindheit weiterhin als Physiotherapeutin um die Ecke arbeitet, ist es wichtig, dass sie Zeiträume genau angesagt bekommt. Für Außenstehende durchaus irritierend dies im Viertelstundentakt vehement mitgeteilt zu bekommen. Sowieso: Die Geräuschkulisse im gesamten Haus ist für erstmalige Besucher erst einmal gewöhnungsbedürftig. Es käme nicht selten vor, dass die Kaffeemaschine, nebenan die Waschmaschine und weitere Geräte gleichzeitig liefen. Zusätzlich klingelt die Tür oder das Telefon. „Das ist der normale Wahnsinn“, sagt Howe. Sie ist schon durch und durch daran gewöhnt.

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