Lake Charles / Louisiana  Mit CO2-Staubsaugern die Erde abkühlen: Kann das klappen?

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 06.12.2023 11:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der CO2-Staubsauger „Orca“ auf Island. In den USA wird eine fünf Mal größere Anlage gebaut, um CO2 aus der Atmosphäre zu saugen. Foto: Climeworks
Der CO2-Staubsauger „Orca“ auf Island. In den USA wird eine fünf Mal größere Anlage gebaut, um CO2 aus der Atmosphäre zu saugen. Foto: Climeworks
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Im Süden der USA werden die bislang größten CO2-Staubsauger gebaut. Bis zu 30 Millionen Tonnen Treibhausgas soll eine der Anlagen bald jedes Jahr aus der Luft ziehen und so die Erderwärmung aufhalten. Die Macher vor Ort erklären, was die angebliche Wunderwaffe gegen den Klimawandel kann.

Ist das so genannte Direct Air Capture (DAC) ein genialer Plan zur Rettung der Erde? Oder sind CO2-Staubsauger fatale Nebelkerzen der Öl- und Gas-Industrie, um ihr schmutziges Geschäft zu retten? Beim Klimagipfel COP28 in Dubai wollen Förderländer die CO2-Entnahme als Instrument gegen den Temperaturanstieg etablieren. Kritiker sind entsetzt.

In Texas und in Louisiana werden in den kommenden Jahren die weltweit größten Anlagen gebaut, um Treibhausgas aus der Umgebungsluft zu saugen und im Untergrund zu speichern. US-Präsident Joe Biden steckt Milliarden in den Aufbau der neuen Industrie.

Wir waren vor Ort und beantworten die wichtigsten Fragen:

In der Atmosphäre ist zu viel Treibhausgas, deswegen wird die Erde wärmer. Beim Direct Air Capture (DAC, gesprochen DÄCK), wird der Umgebungsluft durch Filter CO2 entzogen, verflüssigt, ins Erdreich gepumpt und dort auf ewig gespeichert.

Es geht also nicht um die Minderung neuer Treibhausgasemissionen: Bereits in die Atmosphäre gelangtes Treibhausgas soll zurückgeholt und gebunkert werden, so dass die CO2-Konzentration sinkt und der Treibhausgaseffekt umgekehrt wird. Der Klima-Ökonom Ottmar Edenhofer hat dafür den Begriff „planetare Müllabfuhr“ kreiert.

Die CO2-Konzentration ist seit der industriellen Revolution dramatisch gestiegen, aber mit 0,04 Volumenprozent – physikalisch betrachtet – weiter extrem gering. Um eine Tonne Treibhausgas herauszuholen, müssen mindestens zwei Millionen Kubikmeter Luft gefiltert werden. Das ist aufwendig, energieintensiv und teuer.

Als CO2-Staubsauger werden umgangssprachlich DAC-Maschinen bezeichnet. Die berühmteste heißt „Orca“ und wird von der Schweizer Firma Climworks auf Island betrieben. „Orca“ saugt die Luft mit Ventilatoren an. Dann wird sie über Kollektoren mit Amin-beschichteten Granulaten geführt, an denen die CO2-Moleküle kleben bleiben. Das eingesammelte CO2 wird in Basalt-Schichten geleitet, in denen es zu Stein wird.

„Orca“ hat eine Saugkapazität von 4.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Bald soll die Kapazität mit neuen Kollektoren auf 40.000 Tonnen verzehnfacht werden. Der weltweite CO2-Ausstoß beträgt derzeit 36.800.000.000 Tonnen.

Die US-Regierung hat vor wenigen Wochen die ersten 1,2 von insgesamt 3,5 Milliarden Dollar für Direct Air Capture für zwei Projekte in Louisiana und Texas freigegeben. Den ersten Zuschlag erhielt die private, aber nicht gewinnorientierte Tech-Organisation Battelle.

„Wir setzen auf einen Baustart 2025, um spätestens 2029 eine Million Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft zu holen und im Erdreich hier zu speichern“, sagt Shawn Bennett. Der Manager von Battelle wird mit dem Geld aus Washington vor der Chemie- und Gas-Stadt Lake Charles in Louisiana im Süden der USA einen DAC-Standort hochziehen.

In wenigen Tagen wird Bennett mit Anwohnern erstmals über die geplante Anlage sprechen, die so groß wie drei Fußballfelder werden wird. Wir treffen ihn auf einem Sofa in einem Stadtrand-Hotel von Lake Charles.

Die Voraussetzungen in der dünn besiedelten, sonnenreichen Region seien optimal, sagt der Manager. Mit Solar- und Windkraftanlagen soll die benötigte Energie erzeugt und in den Böden das aufgesaugte CO2 deponiert werden. „Wir bringen eine komplett neue Industrie in die Region.“

Einzelheiten sind noch geheim, Bennett verrät nur so viel: Die Anlage wird aus mehreren Modulen gebaut, kann also erweitert werden. Und Battelle hat die DAC-Pioniere von Climeworks und das amerikanische DAC-Startup Heirloom an Bord geholt, das schon in Kalifornien einen kleineren CO2-Staubsauger hingestellt hat. Beide Partner seien „Weltklasse“.

Anders als Climworks setzt Heirloom bei der Treibhausgas-Entnahme auf Kalkstein, einen CO2-Schwamm, wobei die natürlichen Prozesse von mehreren Jahren auf wenige Tage beschleunigt werden. Battelle will beide Ansätze kombinieren. „Gemeinsam werden wir hier das erste kommerzielle DAC-Hub hinstellen, um diese monumentale Aufgabe zu schaffen “, sagt Bennett.

Neben dem am Gemeinwohl orientierten Battelle hat der US-Ölgigant Occidental (Oxy) mit seiner Tochter 1PointFive den Zuschlag für ein noch gigantischeres Projekt erhalten: Auf einem 40 Hektar großen Stück Land auf der King Ranch im Süden von Texas will Oxy mehrere CO2-Staubsauger aufstellen, die einmal zusammen bis zu 30 Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre ziehen sollen, pro Jahr.

Zu einem Gespräch vor Ort über die konkreten Pläne war Oxy trotz mehrmaliger Nachfrage nicht bereit. Auf einer Pressekonferenz Ende August lobte Konzernchefin Vicki Hollub die US-Regierung dafür, das Land zur Führungsnation bei der CO2-Entnahme zu machen und zu zeigen, dass man mit DAC Geld verdienen UND einen relevanten Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.

Geld verdienen und das Klima schützen, klingt das nicht zu schön? Kritiker wie Ex-US-Vizepräsident Al Gore werfen den DAC-Verfechtern Täuschung vor: Statt die CO2-Konzentration zu senken, also Negativ-Emissionen zu erzeugen und die Erde abzukühlen, gehe es ihnen darum, weiter Kohle, Gas und Öl verkaufen und verfeuern zu können. Nach dem Motto: Was man hinterher einfängt, kann man vorher ausstoßen.

„Widerspruch! Wir haben nichts mit irgendeiner Gas- oder Öl-Firma zu schaffen“, sagt Bennett von Battelle. „Wir müssen die Emissionen rasch stoppen, damit die Folgen des Klimawandels begrenzt bleiben. Und mit DAC müssen wir das ‚zu viel‘ an CO2 aus der Atmosphäre zurückholen.“

Das ist die Edenhofer-Idee der planetaren Müllabfuhr. Der Weltklimarat IPCC erwähnt DAC erstmals in einem Bericht 2018. Das Instrument soll eingesetzt werden, um ein „Überschießen“ der Temperaturen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu verhindern, aber erst NACHDEM die Emissionen auf das absolute Mindestmaß gesenkt worden sind: Die CO2-Altlasten rausholen, anstatt neue Emissionen auszugleichen.

Der Öl-Multi Oxy weicht der Diskussion aus. Der Verdacht liegt nahe, auf der King Ranch in Texas werde mit viel Geld vom US-Steuerzahler ein Werkzeug entwickelt, um eben doch das fossile Geschäft fortzuführen. Nicht nur das von Oxy, sondern weltweit.

Der Gastgeber des Klimagipfels in Dubai, Scheich Al Dschaber, ist ein erklärter Fan der „neuen Technologien“, um die Emissionen „zu senken“, aber nicht zu stoppen. Und er will offenbar auf dem Gipfel in seinem Land Direct Air Capture zur Wunderwaffe erklären lassen, um das fossile Geschäft klimaneutrel zu machen. Saudi-Arabien stellte sich am Dienstag in Dubai offen gegen ein Aus für Kohle, Gas und Öl.

Bei Klimaforschern sorgt das für Entsetzen. Es sei „hoch riskant“ und „gefährlich“, dass viele Länder „in einem unrealistischen Ausmaß“ auf die neuen Technologien setzten, sagte Edenhofer kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion. Mit Direct Air Capture werde niemals auch nur ansatzweise genug CO2 eingefangen werden können, um bei bleibendem Treibhausgas-Ausstoß auch nur einen minimalen Effekt fürs Klima zu erzielen.

Auch Deutschlands Klimaschutzbeauftragte Jennifer Morgen warnt vor „Scheinlösungen“: Es gebe schlicht viel zu wenig Platz, um ausreichend gebundenes CO2 in der Erde zu bunkern.

Aber der Appell an die USA, zu verhindern, dass die Gas- und Öl-Exporteure die neuen Technologien „als Feigenblatt für ein Weiter-so nutzen“, verpufft. Joe Biden ist erst gar nicht nach Dubai geflogen. Die von den Europäern erhoffte Vereinbarung, aus den fossilen Energien auszusteigen, war bis zum Donnerstag auf dem Gipfel nicht in Sicht. Schließlich werden auch in den USA noch Rekordsummen in den Ausbau der Gas- und Ölförderung investiert.

Von Battelle-Manager Bennett kommt noch mal Widerspruch. Er glaubt an das enorme Potenzial, mit der Technik immer mehr Treibhausgas einzusammeln. Und an die weltweite Dynamik, die Biden mit seinen Finanzspritzen für Direct Air Capture in Gang gebracht habe.

„Wenn uns jemand vor drei Jahren gesagt hätte, wir werden bald gigantische CO2-Staubsauger in Louisiana aufstellen, hätten wir ihn ausgelacht“, sagt Bennett. „Und jetzt sind wir schon so weit!“

Bennet zieht einen Vergleich zum iPhone, das niemand kommen sah und das nun allgegenwärtig ist. „Du bekommst nicht viele Chancen im Leben, bei etwas ganz vorne dabei zu sein. Wir fühlen uns so. Es ist unglaublich.“

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