Flensburg  Wer schreit, hat Unrecht: Kein Generationenkonflikt beim Klimaschutz

Miriam Scharlibbe
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Von Miriam Scharlibbe
| 05.12.2023 19:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Beim globalen Klimastreik von Fridays for Future Hamburg sind mehrere Generationen vertreten. Foto: Franziska Spiecker
Beim globalen Klimastreik von Fridays for Future Hamburg sind mehrere Generationen vertreten. Foto: Franziska Spiecker
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Auf den Straßen der Republik sind es vor allem die jungen Menschen, die auf den Klimawandel aufmerksam machen. Ihr Protest ist vor allem eins: laut. Eine aktuelle Studie zeigt nun allerdings, älteren Menschen ist Klimaschutz sogar wichtiger, als jungen.

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir Menschen lieben Party und Protest, wollen die Erde retten und trotzdem online shoppen. Dabei setzen wir den Planeten in Brand. Die Klimakrise ist DAS Thema unserer Zeit. Miriam Scharlibbe legt den Finger in die Wunde und schaut dorthin, wo es wehtut: in den Spiegel. Sie kritisiert Verschwendung und Verwerfungen des Kapitalismus, Gedankenlosigkeit und mangelnde Nachhaltigkeit – und hadert dabei ständig mit sich selbst.

Durch die Aktionen der „Letzten Generation”, Demonstrationen von Fridays for Future und die mediale Präsenz junger Aktivistinnen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer ist in den vergangene Monaten vielerorts der Eindruck entstanden, dass Klimaschutz in erster Linie ein Thema junger Menschen sei.

Verstärkt wird dieses Narrativ durch die dezidierten Vorwürfe der jungen Männer und Frauen, sie seien die vielleicht letzte Generation auf einem Planeten, wie wir ihn kennen. Zu verantworten hätten dies ihre Eltern und Großeltern, die zuerst die Umwelt zerstört und sich dann nicht um die Folgen für die Jugend geschert hätten. 

Dieses Bild ist so einfach wie falsch. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine repräsentative Umfrage der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich mit Einstellungen im Bereich Klimaschutz und klimafreundlichem Verhalten in der deutschen Bevölkerung befasst. Ein zentrales Ergebnis: Allen Altersgruppen ist der Klimaschutz wichtig oder sogar sehr wichtig.

Schaut man genauer hin, gibt es jedoch Unterschiede: Während 38 Prozent der 16- bis 25-Jährigen es als sehr wichtig erachten, das Klima zu schützen, sind es bei der Altersgruppe der ab 55-Jährigen sogar 44 Prozent und mehr. Ähnlich sieht es aus, wenn nicht nach „Klimaschutz“, sondern nach „Natur- und Umweltschutz“ gefragt wird.

39 Prozent der Älteren finden es sehr wichtig, sich um Umwelt und Natur zu kümmern. Bei den 16- bis 25-Jährigen liegt dieser Wert zwar ähnlich hoch bei 35 Prozent, die Werte für die 26- bis 35-Jährigen und 36- bis 45-Jährigen fallen hingegen mit 28 beziehungsweise 27 Prozent geringer aus.

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Die unterdurchschnittlichen Werte in den Altersgruppen dazwischen erklärt die Studie mit der besonderen Lebenssituation. Diese „Mittelalten“ befänden sich wegen Karriere und Familienplanung „in der Rushhour des Lebens und setzen entsprechend andere Prioritäten“.

Die Adenauer-Stiftung hat aber auch gefragt, wer große oder sehr große Angst vor dem Klimawandel hat. Und hier zeigen sich deutliche Unterschiede. Die Angst ist in Westdeutschland (71 Prozent) weiter verbreitet als im Osten (64 Prozent), sie ist in den Städten größer als in ländlichen Regionen - und sie ist unter Frauen (75 Prozent) häufiger verbreitet als bei Männern (63 Prozent).

Besonders sticht eine Gruppe heraus - und das sind die jungen Frauen. Von ihnen gaben 90 Prozent an, sehr große oder große Angst vor dem Klimawandel durch die globale Erwärmung zu haben. Hier könnte eine Ursache liegen, warum in der neuen Generation von Klimaktivisten vor allem Anführerinnen vorweg marschieren.

Auch im Verhalten zeigen sich laut der Umfrage Unterschiede. Die Aussage „Ich achte darauf, mich im Alltag umwelt- und klimafreundlich zu verhalten“ erhält unter den Befragten insgesamt eine hohe Zustimmung. Zweidrittel der 75-Jährigen stimmen voll und ganz zu. Bei den 16- bis 25-Jährigen sind es deutlich weniger, nicht einmal jeder vierte (22 Prozent) ist dieser Meinung. Insgesamt würden Ältere nach eigenen Angaben auch eher auf Flugreisen verzichten als Jüngere, die wiederum öfter das Auto vermeiden.

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Die Studie schließt daraus: Älteren ist Klima- und Umweltschutz insgesamt sogar wichtiger als jüngeren Menschen. Ein Generationenkonflikt zeige sich hier keinesfalls - zumindest nicht so, wie ihn die lautstarken Halbstarken beschreiben. Die hohe Zustimmung der über 75-Jährigen lasse vermuten, dass die Sozialisation in der Nachkriegszeit eine Rolle spiele, heißt es. Wegen der knappen materiellen und finanziellen Ressourcen sei Nachhaltigkeit damals ein Gebot der Stunde gewesen. Auch die Umweltbewegung der 1970er-Jahre könnte bis heute Einfluss haben. 

Beim Klimaschutz gilt also wie so oft, man sollte ein Buch nie nach dem Einwand bewerten. Die Werte und Erfahrungen der Vorgängergenerationen könnten - gepaart mit dem Enthusiasmus der Jungen - eine vielleicht viel größere Veränderungskraft entfalten, als das aktuelle Gegeneinander.

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