Mehr als 700 Artikel angelegt  Der Mann hinter ostfriesischen Wikipedia-Einträgen

| | 06.12.2023 08:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mehr als 700 Artikel hat Matthias Süßen in der Wikipedia angelegt. Foto: Silja Klepp
Mehr als 700 Artikel hat Matthias Süßen in der Wikipedia angelegt. Foto: Silja Klepp
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Dass er für seine Arbeit mit ostfriesischen Wikipedia-Artikeln mal ausgezeichnet werden würde, hätte Matthias Süßen nicht gedacht. Über Wikipedianer, Quellenkritik und ostfriesische Kultur.

Südbrookmerland/Kiel - Am 23. August 2005 um genau 1.03 Uhr in der Nacht erstellte der gebürtige Ostfriese Matthias Süßen seinen ersten Wikipedia-Artikel. Über nichts anderes als den Brokmerbrief. Das ist laut aktueller Wikipedia-Version die „ausführlichste friesische Rechtsquelle“. Süßen beschrieb den Brokmerbrief im Jahr 2005 noch als „das im 13. Jahrhundert niedergeschriebene Gesetzbuch der brocmanni, der Einwohner des bis zum Ende des 12. Jahrhunderts urbar gemachten Siedlungsgebietes des westlich von Aurich gelegenen ostfriesischen Brokmerlandes (Brookmerland)“.

Ost-Friesland“, also Ostfriesland und Friesland, sei die „Landschaftsgegend in Niedersachsen“, die „das Gebiet zwischen Wilhelmshaven im Osten, der Nordsee im Norden, Emden im Westen und reicht im Süden bis nach Jever (?)“. Der Wikipedianer – so nennen sich die Menschen, die in der Wikipedia mitschreiben – war sich anscheinend nicht ganz sicher, bis wohin „Ost-Friesland“ eigentlich reicht. Auch interessant: Dass Ostfriesland wegen der Ostfriesenwitze bekannt sei, war fünf Monate eher auf Wikipedia zu lesen als der Fakt, dass Ostfriesen überdurchschnittlich viel Tee trinken.

Wikipedia startet Anfang der 2000er Jahre

Wikipedia entdeckt hatte Matthias Süßen, geboren in Südbrookmerland, bereits zum Start im Jahr 2001. Irgendwann fing der hauptberufliche Journalist und Dozent dann an, selbst an dem Projekt mitzuschreiben – „einfach aus dem Spaß heraus“. Aus dem „Spaß-Projekt“ wurden dann mehr als 700 eigens angelegte Artikel. Nach eigener Aussage habe er an allen 3375 ostfriesischen Artikeln mitgewirkt – und sei es nur ein gesetztes Komma gewesen. Der 48-Jährige schreibe fast ausschließlich zu ostfriesischen Themen. Selten komme es vor, dass der hauptberufliche Journalist über Kiel schreibt, wo er seit sieben Jahren mit seiner Familie lebt. Kiel und Schleswig-Holstein werden dafür mit mehr Fotos versorgt.

Die Mitarbeit in der ostfriesischen Wikipedia sei für Matthias Süßen eine Brücke nach Ostfriesland. „Wenn ich über ostfriesische Themen schreibe, dann bin ich gefühlt so ein bisschen in Ostfriesland“, sagt der gebürtige Südbrookmerlander. Ein großes Herzensprojekt des Wikipedianers ist der Artikel zur ostfriesischen Küche. Die Recherche des Weihnachtsprojektes aus 2015 sei extrem schwierig gewesen. Rausgekommen sei ein Artikel über die Geschichte der Küche, der ostfriesischen Spezialitäten und des kulinarischen Brauchtums – vom Doornkaat-Denkmal in Norden über Stutenkerle bis zur Teekultur.

Viele Artikel machen viel Arbeit

„Am meisten Spaß macht es natürlich, neue Artikel zu schreiben.“ Aber: Die vielen Artikel müssen auch aktuell gehalten werden. Das sei bei historischen Artikeln wie dem Brokmerbrief einfacher. Stehe aber beispielsweise eine Wahl an, müssen alle Artikel der ostfriesischen Gemeinden, Städte und Landkreise aktualisiert werden. „Bei der letzten Kommunalwahl habe ich bei 80 oder 90 Artikeln die Wahlergebnisse übermittelt“, sagt Süßen. Und: „Bei jedem neuen Artikel, den ich anlege, denke ich mir: ‚Meine Güte, den muss ich dann auch aktuell halten‘.“

Helfen würde, wenn sich mehr Menschen in der Wikipedia engagieren, so Süßen. „Grundsätzlich funktioniert das auch komplett unangemeldet“, erklärt der Journalist. Man müsse nur auf dem entsprechenden Artikel auf den kleinen Stift oben rechts klicken und schon öffne sich das Bearbeitungstool. Aus „Vandalismus-Gründen“ werden Bearbeitungen von unangemeldeten Nutzern aber genauer überprüft. Die Autorin hat das direkt ausprobiert und einen Satz im Artikel zum Brokmerbrief grammatikalisch angepasst – am nächsten Tag war die Änderung von einem Nutzer gesichtet und online zu sehen. Die Artikel über Ostfriesland habe sich Süßen zudem in einer Übersichtsliste abgespeichert – und bekomme so alle Änderungen mit.

Ist Wikipedia eine gute Quelle?

Kritik an Wikipedia gibt es einige. So ist es in Schulen und Universitäten nicht gerne gesehen, wenn nicht sogar verboten, Wikipedia als Quelle zu nutzen. „Eine gesunde Portion Medienkritik ist immer angebracht“, sagt Matthias Süßen. Fehler finde man zudem in jeder Enzyklopädie. Das bestätigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2005: Wissenschaftler fanden in 50 zufällig ausgewählten Wikipedia-Artikeln 163 Fehler und in Einträgen der Encyclopædia Britannica 123. Gute Artikel erkennt man laut Süßen daran, dass sie gut belegt sind. Die Quelle sollte man auch nochmal gegenchecken. Aber: „Wikipedia ist ein guter Einstieg in die Recherche“, so Süßen.

Für seine ehrenamtliche Arbeit wurde der 48-Jährige im Mai mit der Ubbo-Emmius-Medaille der Ostfriesischen Landschaft ausgezeichnet. „Als mich der Direktor der Landschaft anrief und mir sagte, dass mir die Medaille verliehen werden sollte, war ich extrem baff“, sagt Süßen. Die Ostfriesische Landschaft verleiht diese Medaille an Ostfriesen als Anerkennung für besonders herausragende Verdienste um Ostfriesland.

Matthias Süßen (rechts) erhielt die Ubbo-Emmius-Medaille von Landschaftspräsident Rico Mecklenburg im Mai dieses Jahres. Fotos: Jürgens
Matthias Süßen (rechts) erhielt die Ubbo-Emmius-Medaille von Landschaftspräsident Rico Mecklenburg im Mai dieses Jahres. Fotos: Jürgens

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