Personalabbau Bei VW soll es am Mittwoch krachen
Die Unruhe in der Belegschaft von Volkswagen wächst – auch in Emden. Die Mitarbeiter wollen wissen, wie es für sie weitergeht. An diesem Mittwoch werden Entscheidungen erwartet.
Emden/Wolfsburg - Bei Volkswagen hängt seit Wochen der Haussegen schief. An diesem Mittwoch, wenn in Wolfsburg, Braunschweig und Salzgitter Betriebsversammlungen anstehen, soll der VW-Marken-Vorstand in die Pflicht genommen werden, Einzelheiten zum sogenannten Ergebnisverbesserungsprogramm preiszugeben. Es geht um Milliarden-Einsparungen beim Personal.
„Da wird mächtig Tacheles geredet werden“, kündigte der Emder Betriebsratschef Manfred Wulff im Gespräch mit unserer Redaktion an. „Wir haben unsere klaren Haltelinien. Und das sind unsere Tarifverträge.“ Gleichzeitig räumte Wulff aber auch ein, „Pakete schnüren zu müssen“, um wettbewerbsfähiger zu werden. Hintergrund der Probleme bei der Marke Volkswagen sind Absatzprobleme bei den Elektroautos.
Wie hoch werden die Einschnitte beim Personal?
Am Montag vor einer Woche hatte Marken-Vorstand Thomas Schäfer VW als nicht mehr wettbewerbsfähig bezeichnet. „Ohne spürbare Einschnitte geht es nicht. Wir müssen ran an die kritischen Themen, auch beim Personal“, hatte er vor 2000 Vertrauensleuten gesagt. Bis 2026 sollen zehn Milliarden Euro eingespart und die Umsatzrendite von zuletzt 3,4 auf 6,5 Prozent angehoben werden. Offen ist jetzt, wie hart es kommt.
In Emden werden aktuell der ID.4, der ID.7 und der Passat produziert. Die Mitarbeiter der sogenannten Elektrowelt haben nach Auskunft von Betriebsrat Wulff bereits an diesem Donnerstag ihren letzten Arbeitstag des Jahres. Dann geht es in die Weihnachtsferien. Der Verbrenner soll noch bis kurz vor Weihnachten weiter montiert werden. In der dritten Kalenderwoche des neuen Jahres könnte die Produktion dann wieder anlaufen.
Wie sieht eine sozialverträgliche Lösung aus?
Auch Personalvorstand Gunnar Kilian hatte am Montag vor einer Woche vor den Vertrauensleuten angekündigt: „Wir müssen die demografische Kurve konsequent als Vorteil begreifen, Altersteilzeit und Ruhestandsregelungen in den kommenden Jahren maximal nutzen.“ Zugleich machte er deutlich, dass Einsparungen beim Personal unvermeidlich seien. „Wir müssen unsere Kosten senken und mit weniger Personal auskommen, um ein zukunftsfester Arbeitgeber zu bleiben.“ Konzernchef Oliver Blume hatte zuvor im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ angekündigt, dass es bei dem geplanten Sparprogramm auch um eine Reduzierung des Personals gehen werde, die aber sozialverträglich erfolgen solle.
Über die Ausgestaltung wird seit Oktober mit dem Betriebsrat verhandelt. „Alle notwendigen Maßnahmen liegen auf dem Tisch“, sagte Marken-Vorstand Schäfer. „Jetzt müssen wir die Eckpunkte der Vereinbarung gemeinsam mit der Arbeitnehmerseite bis Jahresende unter Dach und Fach bringen.“
Was kommt nach dem Einstellungsstopp?
Als Sofortmaßnahme hatte VW Anfang November für die wichtigsten Standorte bereits einen Einstellungsstopp verhängt – auch für den Standort Emden. „Das allein reicht aber nicht“, sagte Kilian. Es gehe aber nicht nur um Einschnitte bei der Belegschaft. „Das Effizienz-Programm setzt nicht allein auf Personalmaßnahmen. Der Großteil der 10 Milliarden in der Marke VW wird über andere Maßnahmen erbracht.“
Betriebsratschefin Daniela Cavallo bekräftigte auf der Versammlung die von ihr bereits zuvor genannten roten Linien: „Kein Abrücken von unseren Tarifverträgen und der Beschäftigungssicherung bis 2029!“ Betriebsbedingte Kündigungen sind bis zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen.
Was geschieht mit den hohen Gewinnen?
Dabei haben die weltweit führenden Autobauer zuletzt ihre Umsätze und Gewinne kräftig gesteigert. Im dritten Quartal des Jahres stiegen die Umsätze der 16 größten Autokonzerne im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11 Prozent auf 504 Milliarden Euro, die Gewinne vor Zinsen und Steuern (Ebit) legten um 35 Prozent auf 39 Milliarden Euro zu, wie aus einer Analyse des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY) hervorgeht. Ein wichtiger Grund waren laut EY Währungseffekte in Japan, wo der schwache Yen den japanischen Autobauern ein Gewinnplus von 103 Prozent bescherte.
Die Profitabilität - gemessen an der Ebit-Marge, die das operative Ergebnis ins Verhältnis zum Umsatz setzt - legte von 7,2 auf 8,6 Prozent leicht zu. Am profitabelsten ist demnach der deutsche Autobauer Mercedes-Benz mit einer Marge von 13 Prozent. Gefolgt von Toyota mit 12,6 Prozent und BMW (11,3 Prozent). Volkswagen landete mit 6,2 Prozent auf den hinteren Plätzen.
Profitieren die Kunden von der Krise?
Dennoch laufe es für die weltweite Autoindustrie längst nicht mehr rund, sagte der Autoexperte und Leiter der Mobilitätssparte Westeuropa bei EY, Constantin Gall: „Das kommende Jahr wird deutlich herausfordernder.“ Die Nachfrage nach Neuwagen schwächele, der Hochlauf der Elektromobilität stocke, der Preisdruck nehme zu. Probleme bei Einführung neuer Modelle belasteten die Profitabilität, weil der Umsatz fehle und Entwicklungskosten höher als geplant seien.
Immer mehr Hersteller reagieren dem Experten zufolge mit Rabatten, günstigen Finanzierungsangeboten und Sondermodellen. Das belaste aber oft die Marge. Entsprechend wollen laut Gall viele Konzerne ihre Kosten senken. „Inzwischen regiert wieder der Rotstift, denn viele Autokonzerne leiden unter einer überbordenden internen Bürokratie und zu komplexen Abläufen – was hohe Summen verschlingt und die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt“, sagte Gall. Der Umstieg auf die Elektromobilität werde für die Branche zur entscheidenden Bewährungsprobe. „Aktuell nehmen allerdings die Sorgen zu, dass die Kunden den ambitionierten Umbau der Mobilität hin zu Elektromobilität nicht mitgehen“, sagte der EY-Experte. Der Markt werde zwar mit neuen E-Autos geflutet, doch die Kunden zeigten sich zurückhaltender als erwartet.
Mit Material von DPA