Osnabrück  „Bielefeld ist keine Kulturstadt“: Kunstsammler gibt 1200 Bilder ab

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 05.12.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Einst hatte er große Pläne mit seiner Sammlung: Der Kunstsammler Hermann-Josef Bunte 2014 in der Kunsthalle Bielefeld. Foto: picture-alliance/dpa
Einst hatte er große Pläne mit seiner Sammlung: Der Kunstsammler Hermann-Josef Bunte 2014 in der Kunsthalle Bielefeld. Foto: picture-alliance/dpa
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Ein Museum für die eigene Sammlung: Davon träumte Hermann-Josef Bunte. Nach Zerwürfnissen um das Bielefelder Stenner-Zentrum zieht er den Schlussstrich: Buntes Bilder kommen unter den Hammer.

Zwei kauernde Gestalten, dazwischen eine Frauenfigur, die sich aus dem Chaos neuer Hoffnung entgegenstreckt: Das Bild trägt den Titel „Auferstehung“. Für Hermann-Josef Bunte wird es hingegen eine persönliche Niederlage sein, wenn das Gemälde am 9. Dezember 2023 im Kunsthaus Ketterer in München versteigert werden wird.

Mit 80.000 bis 120.000 Euro haben die Auktionsexperten das großformatige Gemälde von Hermann Stenner aus dem Jahr 1914 taxiert. Es war nicht nur ein Hauptwerk der in Fachkreisen weithin bekannten Sammlung Bunte, sondern auch Unterpfand und Leitbild kulturpolitischer Hoffnungen. Buntes Kollektion sollte ein eigenes Museum bekommen – so die Hoffnung des Sammlers.

„Ich habe für meine Sammlung leider keine bleibende Heimat finden können und muss sie deshalb auflösen“, sagt Hermann-Josef Bunte jetzt im Gespräch. 2019 hörte sich das noch anders an. Das neue Kunstforum Hermann Stenner in der ehemaligen Handwerkskammer Bielefelds sollte die Kollektion aufnehmen. Im Mittelpunkt stand dabei der gebürtige Bielefelder Hermann Stenner, der im Ersten Weltkrieg mit gerade einmal 23 Jahren sein Leben verlor, ein früh verloschener Komet der Kunst der Moderne.

Jetzt steht das Lebenswerk des Sammlers zum Verkauf. In mehreren Tranchen kommen Buntes Bilder bis zum Sommer 2024 unter den Hammer. Hermann Stenner, Ida Kerkovius, Oskar Schlemmer, Conrad Felixmüller, Peter August Böckstiegel und andere – Hermann-Josef Bunte gibt rund 1200 Kunstwerke ab, die in München und in Berlin im Auktionshaus Lehr angeboten werden sollen. Ein Schatz für Vermarkter. „Museale Qualität von größter Seltenheit“: Das Auktionshaus Ketterer preist Bilder an, die andere Sammler und auch Museumsleute interessieren dürften.

Hermann-Josef Bunte hat viele dieser heute als Schätze angesehenen Bilder überhaupt erst richtig ans Licht gebracht. Vor allem in den jungen Hermann Stenner hat er sich vor Jahrzehnten regelrecht verguckt. Bunte erwarb mehrere hundert Bilder dieses Künstlers, dessen Bildschöpfungen an die Werke von August Macke oder Franz Marc, kurz, an die Kunst des Blauen Reiter erinnern. Jetzt trennt er sich, wie er sagt, „schweren Herzens“ – und mit einer gehörigen Portion Groll.

Der gilt der Bielefelder Kulturpolitik. Vor einem Jahrzehnt verlegten Bunte und seine Frau ihren Lebensmittelpunkt nach Ostwestfalen. Der ehemalige Hamburger Jura-Professor, der aus der Familie der Papenburger Bauunternehmung Bunte stammt, wollte seinem Lebenswerk als Sammler dauerhafte Form geben. Im Kunstforum Hermann Stenner sollten die Bilder gezeigt werden.

Trotz zweier Verträge gab es bald Differenzen zwischen dem Sammler, der Stiftung Goldbeck, die das Kunstforum betreibt, und Leiterin Christiane Heuwinkel. „Es gab unterschiedliche Vorstellungen über die Ausrichtung des Programms“, erläutert Heuwinkel auf Anfrage. Wenige Monate nach der Gründung des Kunstforums 2019 stieg Bunte jedenfalls wieder aus, kündigte seine Leihverträge. „Bielefeld ist keine Kulturstadt“, kommentiert Hermann-Josef Bunte rückblickend den Zwist.

Er könne die Sammlung nicht mehr betreuen, sagt der Sammler nun. Deshalb trennt er sich. Mehrere Schenkungen aus seinem Bestand gehen an die Kunsthalle Bielefeld, die Hölzel-Stiftung, das Kunstmuseum in Ahlen und die Brücke-Stiftung. Aus dem Erlös der Auktionen will er gemeinnützige Einrichtungen bedenken – und sich von Bielefeld als Wohnort trennen.

Die Sammlung Bunte ist nicht die erste Kollektion, die Bielefeld verliert. In den letzten Jahren hatte etwa auch Egidio Marzona der Stadt den Rücken gekehrt und seine Fluxus-Sammlung nach Berlin gegeben. 2025 wird auch für das Kunstforum Hermann Stenner selbst Schluss sein. Die Stiftung Goldbeck hat nach Christiane Heuwinkels Worten ihre Aufwendungen für das Forum überdacht. Jetzt soll das Haus an die Kunsthalle Bielefeld angegliedert werden.

Hermann-Josef Bunte hat das Kapitel bereits geschlossen. „Als die beiden Lastwagen des Auktionshauses mit meinen Bildern abgefahren sind, habe ich beides gespürt: Wehmut und Erleichterung“.  

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