Zerstörung nach Sturm in Kirmeer Wittmunder Tornado wütete mit bis zu 180 Stundenkilometern
Ende November wurden zwei Höfe in Kirmeer massiv beschädigt. Der Grund dafür wurde jetzt von Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes als ein Tornado der Stufe F1 eingeordnet.
Kirmeer - Er brauchte nur Sekunden, um einen immensen Schaden anzurichten: Dächer wurden abgedeckt, Nebengebäude wie Schuppen und Ställe teilweise stark beschädigt oder nahezu komplett zerstört. Am 24. November traf ein Tornado der Stufe F1 zwei Grundstücke in Kirmeer. Das hat die Tornadogruppe des Deutschen Wetterdienstes am Wochenende der Redaktion auf Nachfrage bestätigt. Damit ist klar, der Wirbelsturm wütete mit 118 bis zu 180 Stundenkilometern. Dieser Typus sei „nur sehr kurzlebig“, heißt es weiter. Verletzt wurde glücklicherweise niemand, sagt Günther Theesfeld. Er ist Ortsvorsteher von Leerhafe, wozu Kirmeer gehört. Er sagt, auch gut eine Woche nach dem Unglück sei das Thema allgegenwärtig im Dorf.
Alke Reck, der sich gemeinsam mit seiner schwangeren Frau und seiner Tochter während der Windhose im Inneren des Wohnhauses aufhielt, spricht von nur vier, fünf Sekunden, die das Szenario gedauert habe. Das reichte, um Holzlatten, Dachpfannen und andere Dinge überall auf dem Grundstück sowie den angrenzenden Wegen und einem hinter dem Haus gelegenen Feld zu verteilen. Zuvor hatten sich die Meteorologen der Tornadogruppe des Deutschen Wetterdienstes allerdings nicht festlegen wollen. Das Unglück in Kirmeer wurde als Verdachtsfall eingestuft. Die Bewohner der beiden Höfe, Familie Reck und ihr Nachbar Wilhelm Graalfs, waren nach dem extremen Sturm direkt von einer Windhose ausgegangen. Diese hatte sehr punktuell binnen Sekunden große Verwüstungen verursacht. Weitere Nachbarn blieben verschont.
Nicht der erste Tornado Ostfrieslands in 2023
Die Tornadogruppe des Wetterdienstes hatte zunächst die Möglichkeit einer Fallböe nicht ausgeschlossen. Die sei häufiger als ein Tornado, erklärt Jörg Deuber. Der Sachbearbeiter beim Deutschen Wetterdienst war langjähriger Wetterbeobachter in Emden – und hat damit die Ereignisse in Ostfriesland besonders im Blick. „Tornado und Fallböe unterscheiden sich am Ende in der zerstörerischen Wirkung nicht wirklich.“ Erst im Februar hatte ein Tornado, ebenfalls mittels der Fujita-Skala von Tetusuya Theodore Fujita im Nachgang von Meteorologen als F1 klassifiziert, in Hinte mindestens 14 Gebäude beschädigt. Beide bestätigten Tornados sind auf der Plattform tornadomap.org zu finden.
Deutlich heftiger waren die Schäden im August 2021 in der Gemeinde Großheide. Damals wütete ein Tornado der Klasse F2. „Ab F2 wird ein Tornado als stark bezeichnet“, ordnet die Tornadogruppe ein. Windgeschwindigkeiten von 181 bis 253 Stundenkilometern fegten vor allem über Berumerfehn hinweg. Zeitgleich war auch Juist (F1) betroffen.
Wann und wie ein Tornado entsteht
Wie solch ein Sturm entsteht, sei eine durchaus komplizierte Angelegenheit, meint Deuber. „Ein Tornado ist nichts anderes als ein sehr komprimiertes Luftdruckgebiet.“ Das Wetterphänomen trete auf, wenn kalte und trockene Luft auf wärmere, feuchte treffe. Bei einem Tornado entstehe ein typischer Tornado-„Rüssel“. Reicht der von den Gewitterwolken aus auf den Boden, verursacht er meist schwere Schäden. In Kirmeer waren es nur Sekunden: Laut der Kartierung auf tornadomap.org liegen alle Schäden in einem Bereich von etwa 20 bis 30 Metern Breite und 300 Metern Länge.
Laut Deutschem Wetterdienst gibt es pro Jahr in Deutschland zwischen 30 und 60 bestätigte Tornados sowie zwischen 120 und 150 Verdachtsfälle. „Gerade in Seenähe treten Tornados häufiger auf, da dort die Bedingungen für sogenannte Wasserhosen, eine Unterart der Tornados, recht günstig sind“, heißt es. Aber wie kann es sein, dass bei im Schnitt zuletzt nur 47 Tornados jährlich in Ostfriesland jetzt schon der zweite innerhalb eines Jahres nachgewiesen wurde? Während die Tornadogruppe mitteilt, ein Zusammenhang zwischen einer Zunahme von Tornados und dem Klimawandel lasse sich nicht nachweisen, geht Deuber sehr wohl davon aus, dass dieser besteht: Er vermutet, dass Ostfriesland künftig häufiger Extreme wie die Wirbelstürme erleben wird. Teils aufgrund der Erderwärmung und ihrer Folgen auf die Verteilung des Luftdrucks. Die Beobachtungen, die Deuber in den zurückliegenden Jahrzehnten gemacht hat, lassen zumindest für ihn keine Zweifel aufkommen: Die furchteinflößenden und zerstörerischen Extremwinde werden häufiger.