Osnabrück  30 Prozent Bio bis 2030 – (k)ein Segen für die Umwelt?

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 30.11.2023 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
2022 sank die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln nach Angaben des Umweltbundesamts im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent. Foto: dpa/Bernd Settnik
2022 sank die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln nach Angaben des Umweltbundesamts im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent. Foto: dpa/Bernd Settnik
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Vor wenigen Tagen hat Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir seine Bio-Strategie vorgestellt. Doch seine Ideen scheinen unrealistisch. Unter Forschern ist der Nutzen von Bio-Landwirtschaft ohnehin umstritten.

Sie wissen ja inzwischen: Ich stelle Ihnen in dieser Kolumne regelmäßig konstruktive Ansätze vor, die einen zukunftsweisenden Charakter haben und das Potenzial, die Probleme unserer Zeit anzugehen. Genau das hätte ich bis vor Kurzem auch über die ökologische Landwirtschaft gesagt. Bio-Lebensmittel sind gesund und gut für die Umwelt – dachte ich, und musste mich eines Besseren belehren lassen.

Vor wenigen Tagen hat Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir seine Bio-Strategie vorgestellt. Demnach soll der Ökolandbau bis 2030 von aktuell 11 Prozent auf 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands wachsen. Maßstab dafür sind die Normen der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau. Erklärtes Ziel ist es, die deutsche Landwirtschaft umwelt- und klimafreundlicher zu machen. Doch der Nutzen ist unter Forschern umstritten.

Während Karin Stein-Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg es grundsätzlich für „sehr sinnvoll“ hält, den Ökolandbau auszuweiten, nennt Teja Tscharntke, Leiter der Abteilung Agrarökologie an der Georg-August-Universität Göttingen, drei wichtige Probleme.

Das sagte er gegenüber dem Science Media Center. Auch Karin Stein-Bachinger sagt demnach: Nur „durch Reduktion der Lebensmittelabfälle und des Fleischkonsums“ käme es bei einer flächendeckenden Umstellung auf Ökolandbau nicht zu Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung. Den Anteil der Bio-Landwirtschaft auszuweiten, hilft also weder „per se“ noch „an sich“ beim Umweltschutz.

Es stellen sich aber auch ganz praktische Fragen: Die landwirtschaftliche Fläche, die ökologisch bewirtschaftet wird, ist in den letzten Jahren zwar stetig gewachsen. Zwischen 2010 und 2020 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich rund fünf Prozent dazu. Selbst wenn sich das Wachstum in diesem Tempo fortsetzen würde, würde das 30-Prozent-Ziel verfehlt. Und es sieht nicht danach aus.

Erstens hat die Bundesregierung – wie wir inzwischen wissen – weit weniger Geld für die Förderung der Agrarwende zur Verfügung, als Özdemir dachte. Zweitens ist die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln zuletzt eingebrochen. 2022 sank sie nach Angaben des Umweltbundesamts im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent. Offenbar konnten oder wollten viele Haushalte sich die meist teureren Bio-Produkte angesichts der Inflation nicht mehr leisten. Tscharntke bezweifelt, ob „durch eine Verdreifachung des Anbaus auf 30 Prozent so viel mehr Haushalte bereit oder in der Lage sind, diese Kosten zu tragen“.

Was bedeutet das für Özdemirs ehrgeizige Pläne? Sie sind unrealistisch, schon wenige Tage nachdem sie vorgestellt wurden – und eben leider kein konstruktiver Ansatz zur Lösung der Probleme in der Landwirtschaft. Schade!

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