Istanbul  Kritik am Gastgeber der COP28: Welche Strategie verfolgen die Vereinigte Arabische Emirate?

Thomas Seibert
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Von Thomas Seibert
| 29.11.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Weltklimakonferenz COP28 findet dieses Jahr vom 30. November bis zum 12. Dezember in Dubai statt. Foto: imago images/ZUMA Wire/Beata Zawrzel
Die Weltklimakonferenz COP28 findet dieses Jahr vom 30. November bis zum 12. Dezember in Dubai statt. Foto: imago images/ZUMA Wire/Beata Zawrzel
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Die Golfstaaten dürften sich auch bei der COP28 gegen den verbindlichen Ausstieg aus Öl und Gas stemmen. Trotzdem müssten Länder wie die VAE in die internationale Klimapolitik eingebunden werden. Doch die Kritik am Gastgeber wächst.

Von Papst Franziskus bis König Charles, von Olaf Scholz bis Bill Gates: Die internationale Politik- und Wirtschaftselite trifft sich ab Donnerstag bei der Weltklimakonferenz in Dubai. Angesichts steigender Temperaturen, Dürren und Überschwemmungen sucht die Welt nach Wegen, um den CO2-Ausstoß zu verringern, bevor es zu spät ist. Gastgeber der 28. Klimakonferenz – kurz COP28 genannt – ist ausgerechnet der Ölstaat Vereinigte Arabische Emirate (VAE). Geleitet wird das knapp zweiwöchige Treffen vom Chef des staatlichen VAE-Ölunternehmens Adnoc, Sultan Ahmed al-Jaber. Damit werde der Bock zum Gärtner gemacht, sagen Kritiker. In der führenden Rolle der VAE bei der Konferenz liegen aber auch Chancen.

Er werde in Dubai für einen Klima-Konsens werben, kündigte Jaber in einem Grußwort für die Konferenz an. Im Mittelpunkt stehen für ihn „pragmatische“ Schritte. Damit meint der 50-jährige vor allem: kein schneller Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. Zwar sei eine langsame Umorientierung unausweichlich, sagte der Öl-Chef dem US-Magazin „Time“. Doch für einen Abschied von Öl und Gas sei die Welt noch nicht bereit.

Als siebtgrößter Ölproduzent der Welt handeln die VAE entsprechend. Sie wollen 150 Milliarden Dollar in den Ausbau ihrer Öl- und Gasindustrie investieren. Nach einem Bericht der britischen BBC sahen Gesprächsunterlagen für Konferenz-Präsident Jaber für Treffen mit Vertretern von 27 Teilnehmerstaaten am Rande der Klimakonferenz vor, dass Jaber als Adnoc-Chef in den Unterredungen neue Öl- und Gasgeschäfte für den Staatskonzern anbahnen sollte. Die Veranstalter der Konferenz wiesen den Bericht zurück.

Angesichts solcher Meldungen befürchten Aktivisten bei der COP28 das Schlimmste. Greenpeace zeigte sich „zutiefst besorgt“ über Jabers Ernennung zum Konferenz-Präsidenten. Anhänger von Öl und Gas hätten die Klimakonferenzen „gekapert“, schimpfte Teresa Anderson von der Gruppe ActionAid. Die von Klima-Instituten betriebene Internetseite „Climate Action Tracker“ sieht einige gute Ansätze bei den VAE, beklagt aber, der geplante Ausbau der Ölindustrie widerspreche den Klimazielen des Landes.

Schon bei der Weltklimakonferenz in Ägypten im vorigen Jahr scheiterte der Versuch, das Ende der fossilen Energieträger verbindlich festzuschreiben. Kurz vor der COP28 endete auch eine Konferenz über Plastikmüll in Kenia ohne Einigung. Umweltgruppen machten die Ölindustrie und ölproduzierende Staaten dafür verantwortlich.

Kritik gibt es auch am autokratischen Regierungssystem der VAE. Die Beschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit in den Emiraten lassen nach Einschätzung von Amnesty International daran zweifeln, dass in Dubai frei und ohne Einschüchterung diskutiert werden könne. Das Magazin „Politico“ berichtete, die VAE hätten Journalisten in Dubai mit einem Verhaltenskodex verbieten wollen, die Herrscher der Emirate mit ihrer Berichterstattung zu „beleidigen“. Der Maulkorb sei inzwischen wieder zurückgezogen worden.

Für die Emirate wiegen die Vorteile der Gastgeber-Rolle der Konferenz schwerer als die Kritik an den Golf-Arabern, sagt Tobias Zumbrägel, Experte für Klimapolitik und Umweltschutz in der arabischen Welt. „Man kann als Gastgeber massiv Einfluss nehmen und mitgestalten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Methode mehr bringt, als wenn man das ganze Problem einfach ignoriert, wie die Golf-Araber das noch vor Jahrzehnten getan haben“, sagte Zumbrägel, Wissenschaftler am Geographischen Institut der Universität Heidelberg, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die COP28 sei eine Chance für die Emirate, ihr Image zu verbessern, sagt Zumbrägel: „weg vom Bild des Ölstaats als Bremser und hin zu einem Staat an der Speerspitze der Klimapolitik“. Nach Einschätzung von Zumbrägel verfolgen die VAE eine Doppelstrategie. Auf der einen Seite machten die Emirate mit Prestigeprojekten wie großen Solaranlagen und der Produktion von sauberem Wasserstoff auf sich aufmerksam, lösten sich langsam von Öl und Gas und könnten wegen der sinkenden Kosten der Erneuerbaren zu Hause grüne Energie verbrauchen, was mehr Öl für den Export übriglasse. Auf der anderen Seite wollten die VAE nicht auf Öl und Gas verzichten und setzten sich dafür ein, eher die schädlichen Emissionen zu reduzieren, als den Einsatz der fossilen Brennstoffe so schnell wie möglich zu beenden. Dabei seien Technologien wie die zur Abscheidung von CO2 noch längst nicht ausgereift.

Bei diesem Kurs liegen die VAE mit anderen Öl- und Gasproduzenten am Golf wie Saudi-Arabien auf einer Linie. Sie alle wollen weniger abhängig von Öl und Gas sein, Geld in saubere Energien investieren und dabei ihre Interessen sichern: an den fossilen Energien verdienen, solange es geht. Deshalb dürften sich die Golfstaaten auch bei der COP28 gegen verbindliche Festlegungen auf einen Ausstieg aus Öl und Gas stemmen und stattdessen für ein langsames Auslaufen der Fossilen plädieren.

Dennoch ist es nach Meinung von Zumbrägel besser, Länder wie die VAE in die Klimapolitik einzubinden, als sie außen vor zu lassen. „Wir brauchen die großen Öl- und Gasländer auf unserer Seite“, sagte er. Immerhin würden am Golf Milliardensummen in klimafreundliche Technologien investiert. „Das ist besser, als wenn diese Staaten den Klimawandel einfach leugnen würden.“

Weiterlesen: Jennifer Morgan: Einigung auf Aus für Kohle, Gas und Öl ist möglich!

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