Minister-Erlass zeigt Wirkung Aurich verbietet Rinder-Transport nach Marokko
„Der grausame Weg in die Hölle“: So umschreiben Tierschützer Rinder-Transporte in Risikoländer. Aurich gilt als Drehscheibe. Doch nun untersagt der Landkreis einen Transport nach Marokko.
Aurich/Hannover - Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium schränkt den Transport lebender Rinder in Nicht-EU-Länder ein. Das wirkt sich unmittelbar auf den Landkreis Aurich aus: Ein für Mitte Dezember geplanter Transport von rund 300 Rindern nach Marokko wird nicht genehmigt. Das teilte Landkreis-Pressesprecher Rainer Müller-Gummels am Montag auf Anfrage mit.
Aurich gilt als Drehscheibe für umstrittene Rinder-Transporte in Risikoländer. Tierschützer weisen immer wieder darauf hin, dass die Rinder außerhalb der EU-Grenzen Qualen erwarteten. Sie müssten hungern und dursten, würden misshandelt und vor der Schlachtung nicht betäubt.
Tierschützer fordern mehr
Das Landwirtschaftsministerium reagiert nun auf die anhaltende Kritik. „Tierschutzwidrige Zustände sollen unterbunden werden“, heißt es in einer Pressemitteilung aus Hannover. Per Untersagungs-Erlass hat Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne) vergangene Woche die Veterinärämter aufgefordert, „ab sofort Transporte von Rindern nach Ägypten, Algerien, Aserbaidschan, Irak, Iran, Jemen, Jordanien, Kasachstan, Kirgistan, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien, Tadschikistan, Tunesien, Turkmenistan und Usbekistan zu untersagen“. In diesen Ländern würden Rinder, auch wenn sie eigentlich für die Zucht eingesetzt seien, „in absehbarer Zeit ohne Betäubung geschlachtet“. Dies führe zu lang anhaltenden Schmerzen und Leiden für die Tiere.
Ostfriesische Tierschützer sind nur bedingt zufrieden mit diesem Erlass. Diedrich Kleen von der Tierschutzpartei, Ratsherr aus Wiesmoor, sagt: „Leider ist in der Länderliste die Türkei nicht aufgeführt.“ Es sei davon auszugehen, dass dieses Land nun verstärkt angefahren werde, so Kleen. „Die Türkei muss zwingend mit auf die Liste, denn dort werden immer wieder auch Schächtungen und grausame Tierquälereien dokumentiert. Ich hoffe, dass hier nachgebessert wird.“
„Blut an euren Händen“
Auch Manfred Hagemann von den „Ostfriesen gegen Tierleid“ ist nicht nach Feiern zumute. „Das haben wir uns abgewöhnt, zu früh zu feiern“, sagt der pensionierte Biologielehrer aus Emden. Es sei zwar erfreulich, dass die Politik nun versuche, die Transporte zu unterbinden. „Die Politik merkt, dass die Bevölkerung diese Tierquälerei nicht mehr gleichgültig hinnimmt.“ Aber, so Hagemann weiter: „Die Milchwirtschaft wird sich das nicht gefallen lassen.“ Er rechne mit Klagen. Außerdem werde die Branche Schlupflöcher suchen und dann über andere EU-Länder Rinder in Risikostaaten exportieren.
Hagemann hatte mit anderen Tierschützern im April eine Demonstration gegen Tiertransporte organisiert. In Aurich forderten rund 200 Menschen einen sofortigen Stopp. Die Demonstranten zeigten Plakate und Transparente mit teils martialischen Sprüchen wie „Der grausame Weg in die Hölle“, „Blut an euren Händen“ und „Ihr habt den Tieren den Krieg erklärt“. Ein Jahr zuvor, im April 2022, hatte es in Aurich eine noch größere Demo gegeben.
Landrat weist Kritik zurück
Die Kritik galt zum einen dem Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST). Der Zucht- und Absatzgenossenschaft mit Sitz in Leer gehören rund 1400 familiengeführte Betriebe an. Der VOST exportiert von Aurich aus jährlich rund 7500 Rinder in Länder außerhalb der EU.
Zum anderen kritisierten die Tierschützer die Auricher Kreisverwaltung, die die Transporte genehmigt. Landrat Olaf Meinen (parteilos) hatte die Kritik wiederholt zurückgewiesen. Der Landkreis Aurich sei gesetzlich verpflichtet, Tiertransporte zu genehmigen, sofern alle tierschutzrechtlichen Voraussetzungen erfüllt seien. Er habe keinen Ermessensspielraum, so Meinen. Nur der Gesetzgeber könne entscheiden, „ob Tiertransporte stattfinden dürfen oder nicht“.
Zu viele Kälber durch Milchproduktion
Tierschützer Hagemann nimmt auch Verbraucher in die Pflicht. Wer Tiere schützen wolle, müsse sich rein pflanzlich ernähren, sagt der Veganer. Bei der Milchproduktion fielen Kälber in Massen an, „und die verschwinden ja nicht“. Der Überschuss an Tieren sei der Grund für den massenhaften Export.
VOST-Geschäftsführer Dr. Cord-Hinnerk Thies war am Montag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. In früheren Gesprächen mit der Redaktion hatte er immer wieder erklärt, dass die Branche zu Unrecht an den Pranger gestellt werde. Die Exporteure selbst hätten sich hohe Standards für den Transport und dessen lückenlose Dokumentation auferlegt. Sie hätten ein eigenes Interesse daran, dass Tiere gesund und wohlbehalten ankommen.