Gutachten über Kreis Aurich Schüler gehen in die falschen Schulen
Die Räume sind top, aber falsch verteilt: Zu diesem Ergebnis kommt der Schulgutachter für den Landkreis Aurich. Eine außergewöhnliche Zahl kommt aus Wiesmoor.
Aurich - Für Schüler, Eltern und Lehrkräfte im Landkreis Aurich gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Es gibt genug Räume, die Ausstattung ist hervorragend. Die schlechte: Die Schüler gehen nicht dorthin, wo die Räume sind. Die Verteilung kommt nicht hin. Während manche Schulen aus allen Nähten platzen, haben andere mit Leerstand zu kämpfen. Überspitzt formuliert: Die Schüler gehen in die falschen Schulen. Diese Diagnose stellt der vom Landkreis beauftragte Schulgutachter Wolf Krämer-Mandeau von der Firma Biregio.
„Sie müssen aufpassen, dass die Verteilung zu Ihren Räumen passt“, sagte Krämer-Mandeau am Donnerstag dem Schulausschuss des Kreistags. „Da muss man auch schon mal Nein sagen.“ Man könne nicht auf der einen Seite neu bauen und auf der anderen Leerstände finanzieren.
„Wille zum Anpacken ist da“
Besonders groß ist das Ungleichgewicht in der Stadt Aurich. Während das Gymnasium Ulricianum und die Realschule über Raumnot klagen, hat die Integrierte Gesamtschule (IGS) viel Luft nach oben. Allerdings ist es sowohl dem Gymnasium als auch der Realschule zuletzt gelungen, den Zustrom zu bremsen. Und die IGS hat Chancen, die Schülerzahlen zu erhöhen. Das sagte Krämer-Mandeau im Gespräch mit der Redaktion. Sein subjektiver Eindruck sei, dass an der IGS der Wille zum Anpacken bestehe. Die Schulleitung wisse, dass „unglaublich viel zu tun“ sei.
Krämer-Mandeau riet davon ab, neben Aurich und Norden ein drittes Gymnasium im Landkreis Aurich einzurichten. „Ich würde empfehlen, die beiden Gymnasien optimal zu pflegen.“ Die Größe des Ulricianums wirke trotz der mehr als 1800 Schüler nicht erdrückend, da die Schule auf zwei Standorte (Innenstadt und Egels) verteilt sei. Es sei nicht ratsam, Eltern zurückzuweisen, die ihr Kind zum Gymnasium schicken wollen, betonte der Gutachter. Dies würde den Druck erhöhen, ein drittes Gymnasium zu gründen. „Die Eltern haben das Recht, ein Gymnasium anzuwählen.“
„Andere Wege zum Glücklichsein“
Eine Zahl hat den Gutachter staunen lassen: Bei einer Befragung der Eltern von Viertklässlern kam heraus, dass sich nur 43 Prozent für ihr Kind den Schulabschluss Abitur wünschen. Dieser Wert liege um rund 20 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. „Hier gibt es noch andere Wege zum Glücklichsein als das Abitur“, sagte Krämer-Mandeau. Gleichwohl sei es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, die tatsächliche Abiturientenquote zu erhöhen: von rund 27 auf rund 32 Prozent. Das liege knapp unter dem Bundesdurchschnitt.
Beeindruckt ist der Gutachter von einem Wert aus Wiesmoor: 97 Prozent der Eltern von Viertklässlern entscheiden sich dort für die Kooperative Gesamtschule (KGS) im Ort. Eine solche Akzeptanz suche bundesweit ihresgleichen, erklärte Krämer-Mandeau. Er sprach von einem „Premium-Produkt in Wiesmoor“.
Schülerzahlen steigen
Auch die demografische Entwicklung lässt aufhorchen: Insgesamt steigen in den kommenden Jahren die Schülerzahlen im Landkreis Aurich. Vor zehn Jahren habe es den Trend gegeben, aus Ostfriesland wegzuziehen, sagte Krämer-Mandeau, der die Schulentwicklungsplanung im Landkreis Aurich seit vielen Jahren begleitet. Mittlerweile ziehe es junge Menschen wieder hierher. Der Landkreis Aurich sei attraktiv. „Das ist eine wunderbare Entwicklung. Da kann man nur gratulieren.“ In Zahlen ausgedrückt: 2014 wurden im Landkreis Aurich rund 1500 Kinder geboren, 2022 rund 1700. „Das sind acht Klassen mehr“, sagte Krämer-Mandeau.
Ein Blick auf die gymnasialen Oberstufen im Landkreis zeigt Defizite an der IGS Krummhörn/Hinte und Marienhafe/Moorhusen (nur 45 beziehungsweise 50 Schüler). Für Krummhörn/Hinte empfiehlt der Schulgutachter die Konzentration auf nur einen Standort – was von CDU-Fraktionschef Sven Behrens umgehend kritisiert wurde.
Eltern weichen auf andere Förderschulen aus
Handlungsbedarf sieht der Gutachter auch bei den Förderschulen. Die Schließung der Förderschulen Lernen habe zu einem eklatanten Anstieg der Schülerzahlen in Förderschulen mit Schwerpunkt geistige Entwicklung geführt. Es gebe einen Ansturm auf die Standorte in Moordorf und Norden. Eltern, die ihr Kind mit Lernschwierigkeiten nicht in eine Regelschule schicken wollen, weichen nun auf diese Schulform aus.
Der Anteil von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt nach Angaben des Experten von Jahr zu Jahr – bundesweit. Beim Thema Inklusion sei Niedersachsen Vorreiter. Mehr als 60 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf würden an Regelschulen unterrichtet, mehr als in fast allen anderen Bundesländern. In Bayern beispielsweise sei es nur rund ein Drittel.