Diskussion um Arbeitszeit  Das halten ostfriesische Arbeitgeber von Vier-Tage-Woche

Martin Alberts
|
Von Martin Alberts
| 22.11.2023 09:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei einer Mai-Kundgebung in Erfurt wird auf einem Schild die Vier-Tage-Woche gefordert. Foto: Reichel/ZB/DPA
Bei einer Mai-Kundgebung in Erfurt wird auf einem Schild die Vier-Tage-Woche gefordert. Foto: Reichel/ZB/DPA
Artikel teilen:

Für viele klingt es wie ein Traum: Vier Tage pro Woche arbeiten – und das bei gleichem Lohn. Unternehmer sehen die Idee kritisch. Was spricht für eine verkürzte Arbeitszeit, was dagegen?

Emden/Düsseldorf/Berlin - Eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich? Für viele Arbeitnehmer ist diese Vorstellung verlockend. So gaben in einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus dem Mai dieses Jahres 81 Prozent der befragten Beschäftigten an, sie würden ihre Wochenarbeitszeit gerne auf vier Tage reduzieren. 73 Prozent würden das allerdings nur dann wollen, wenn ihre Bezahlung so hoch bleibt wie bisher. Bei ostfriesischen Unternehmen stoßen solche Wünsche hingegen auf wenig Zustimmung: „Wir haben festgestellt, dass wir eine schleichende Abkehr vom Leistungsgedanken haben“, sagte Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands für Ostfriesland und Papenburg, zur generellen Lage der deutschen Wirtschaft. Verlässlichkeit und Leistung würden längst nicht mehr so wertgeschätzt und hochgehalten, wie es einmal gewesen sei.

Dabei gibt es durchaus auch von Unternehmerseite Interesse an einer Vier-Tage-Woche: Ab Februar kommenden Jahres testen in Deutschland 50 Firmen in einem Pilotprojekt für sechs Monate das verkürzte Arbeitszeitmodell. Hierbei werden sie fachlich begleitet, wie die Berliner Beratungsagentur Intraprenör schreibt, die das Projekt koordiniert. Sie verweist auf ihrer Internetseite auf die positiven Effekte einer Vier-Tage-Woche, die sich bei Studien in anderen Ländern gezeigt hätten – etwa eine steigende Zufriedenheit der Beschäftigten, eine stärkere Bindung an das Unternehmen und eine höhere Produktivität. In Großbritannien beteiligten sich so etwa 61 Arbeitgeber an dem Pilotprojekt, von denen 56 nach der Testphase die Vier-Tage-Woche beibehalten wollten, wie Medien berichteten. In Deutschland werden Ergebnisse des Projekts laut Intraprenör für Oktober kommenden Jahres erwartet.

Arbeitgeberverband: Vier-Tage-Woche nur Lösung für einzelne Unternehmen

Der Arbeitgeberverband in Ostfriesland sperrt sich nicht komplett gegen die Vier-Tage-Woche: Wenn einzelne Unternehmen die Arbeitszeit verkürzen wollten, so könnten sie dies tun, meinte Doden. Man solle das Modell aber nicht politisch verordnen und „als Glocke über Deutschland legen“, sagte der Verbandschef. Dodens Stellvertreter Jörg Thoma ergänzte, die Vier-Tage-Woche könne eine Lösung für einzelne Arbeitgeber sein – etwa, um in Zeiten des Fachkräftemangels neues Personal anzulocken –, sie sei aber „kein Modell der Zukunft“.

Auf der Arbeitnehmerseite sieht man das – verständlicherweise – anders: Yvonne Lott vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, die auch für die Umfrage aus dem Frühjahr mitverantwortlich war, und Melanie Frerichs vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) verweisen in einem Kommentar auf die historische Dimension in der Debatte rund um die Vier-Tage-Woche: „In der aktuellen Diskussion wird (...) oft vergessen, dass Arbeitszeit und Arbeitszeitstandards in der Geschichte stets im Wandel begriffen waren.“ So habe auch die Fünf-Tage-Woche erst für die Beschäftigten erkämpft werden müssen. „Auch die heutigen Produktivitätsfortschritte durch digitale Technologien können und müssen für mehr Zeitwohlstand im Sinne einer Vier-Tage-Woche mit 32 Arbeitsstunden genutzt werden“, schreiben die beiden Autorinnen weiter.

IG Metall: Kürzere Arbeitszeit steigert die Produktivität

Frank Wessels, Vorsitzender des ostfriesischen Arbeitgeberverbands und Geschäftsführer der Emder Schlepp-Betriebs GmbH, warnte hingegen vor negativen Folgen für alle Bürger durch eine Verkürzung der Arbeitszeit: „Welches Produkt auch immer – es wird teurer, wenn nur vier Tage gearbeitet wird bei vollem Lohnausgleich.“ An vielen Stellen fehle es jetzt bereits an Personal, sagte Thoma. Wenn nur noch vier Tage pro Woche gearbeitet werde, stelle sich die Frage: Wer soll dann noch produzieren? Diese Sorge hat man bei der IG Metall, die in den laufenden Tarifverhandlungen für die nordwestdeutsche sowie die ostdeutsche Stahlindustrie eine Vier-Tage-Woche fordert, nicht: „Die wegfallende Arbeitszeit kann laut Studien kompensiert werden“, heißt es von der Gewerkschaft. „Zum einen steigt bei kürzeren Arbeitszeiten die Produktivität, da Beschäftigte mit kürzeren Arbeitszeiten einfach ermüdungsfreier, konzentrierter und effizienter arbeiten. Zum anderen sind Betriebe mit kürzeren und flexibleren Arbeitszeiten attraktiver für Beschäftigte.“

Auch IG-Metall-Verhandlungsführer Knut Giesler bekräftigte dies kürzlich in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Jede Arbeitszeitverkürzung ist mit einer erhöhten Produktivität einhergegangen; schon allein deshalb, weil die technische Entwicklung für einen Produktivitätsschub sorgt“, sagte er. Die Arbeitgeber in der Stahlindustrie wiesen die Forderung der Gewerkschaft zum Auftakt der Tarifrunde jedoch kategorisch zurück. Ob es für die Beschäftigten in der Branche eine Chance auf die Vier-Tage-Woche gibt, zeigt sich ab diesem Donnerstag – dann wollen die Verhandlungspartner sich wieder zusammensetzen.

Ähnliche Artikel