Diskussion um Aktionsplan EU-Abgeordnete aus Niedersachsen sendet positives Signal an Nordseefischer
Es ist noch immer unklar, ob die Fischer in Ostfriesland nach 2030 überhaupt noch eine Perspektive haben. Wie ist der Stand der Dinge in Brüssel und wie geht es weiter?
Greetsiel/Brüssel – Die Angst der Fischer vor der Zukunft nimmt weiter zu. Während auf EU-Ebene darüber diskutiert wird, inwiefern man die bodenberührende Fischerei in Schutzgebieten ab 2030 einschränken oder gar verbieten sollte, spüren die Fischer an der Nordseeküste schon jetzt deutlich die Folgen der Diskussionen in Brüssel. „Wir wissen noch immer nicht, wie es ab 2030 weitergehen soll für uns“, sagt Gerold Conradi. Der Ostfriese war jahrelang als Krabbenfischer auf der Nordsee unterwegs und engagiert sich nun als zweiter Vorsitzender des Landesfischereiverbands Weser-Ems für die Belange seiner Berufskollegen.
Was den Fischern fehlt, ist eine Perspektive, so Conradi. Eine Aussicht darauf, ob sich etwa Investitionen am eigenen Kutter lohnen oder ob junge Mensch überhaupt noch dem traditionellen Handwerk des Krabbenfischens nachgehen sollten. Conradi berichtet davon, wie sich viele Banken wegen der Diskussion um den Aktionsplan der EU zögerlich zeigen, was etwa Kredite für Neuanschaffungen oder größere Reparaturarbeiten betrifft. Auch die Suche nach Auszubildenen gestalte sich schwierig. „Unsere Schiffe und Betriebe haben an Wert verloren“, sagt Conradi.
Das sieht der Aktionsplan der EU vor
Der für Umwelt und Fischerei zuständige EU-Kommissar Virginijus Sinkevičius (Litauen) hatte Ende Februar 2023 einen Aktionsplan auf den Weg gebracht, wie Fischerei nachhaltiger gestaltet und die Meeresböden besser geschützt werden können. Unter anderem sieht er vor, dass die Mitgliedsstaaten nationale Maßnahmen ergreifen, „um die mobile Grundfischerei in allen Meeresschutzgebieten bis spätestens 2030 schrittweise einzustellen“. Auf diese Weise soll auch die Fischerei ihren Beitrag zur Klimaneutralität bis 2050 leisten.
Mobile Grundfischerei mit Grundschleppnetzen wird auch von den Krabbenfischern aus Greetsiel, Neuharlingersiel, Büsum und Co. betrieben. Außerdem stehen Nordsee und Wattenmeer zu großen Teilen unter Schutz. Entsprechend hatte der Aktionsplan in den Küstenregionen eine Welle der Verunsicherung und des Protests ausgelöst, viele Fischer sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Bei und nach ihrem Protest bekamen die Fischer Unterstützung von Lokal-, Landes- und Bundespolitikern. Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) sagte etwa, dass er es für den falschen Weg halte, die Grundschleppnetzfischerei grundsätzlich zu verbieten. Stattdessen müsse man daran arbeiten, die vorhandenen Fangmethoden noch nachhaltiger zu gestalten.
Das sagt die EU-Abgeordnete Lena Düpont
„Ich würde sagen, die Betroffenheit formt da die Position“, sagt Lena Düpont. Die Niedersächsin ist Abgeordnete im EU-Parlament und dort für die CDU unter anderem für die Themen Landwirtschaft und Innenpolitik zuständig. Unterstützung für die Belange der Fischer komme in der EU vor allem von den Ländern, die an der Küste liegen und wo es entsprechende Wirtschaftszweige gebe. Neben Deutschland sind das zum Beispiel die Niederlande oder Dänemark.
Generell zeigt sich Düpont auf Nachfrage dieser Zeitung aber optimistisch. „Wir haben in der aktuellen Diskussion immer dafür gekämpft, dass gerade die Fischer an der Nordsee weiterhin auch ihrer Tätigkeit, ihrem Job nachgehen können“, sagt sie. Durch den Austausch mit ihren Kollegen aus den zuständigen Fachausschüssen habe sie den Eindruck, „dass wir da auf einem ganz guten Weg sind“ und, „dass wir eigentlich ganz gute Perspektiven schaffen können – auch über 2030 hinaus“. Ihre konservative Fraktion wolle an ihrer Linie festhalten und sich auch weiterhin für die Fischer an der Nordsee einsetzen. Wie die Unterstützung konkret aussehen soll? Darauf bekommen die Betroffenen bislang keine Antwort. Die Verhandlungen im Kreis der 27 Mitgliedstaaten um einen Kompromiss dauern weiter an.
Ostfriesische Fischer „müssen am Ball bleiben“
Gerold Conradi und seine Kollegen wollen und können sich aber nicht auf die Versicherungen verlassen. Zwar wurden die Methoden der deutschen Nordseefischer seit Aufkommen der Diskussion Anfang des Jahres mehrfach als nachhaltig ausgewiesen – erst Anfang November wurde das MSC-Zertifikat für nachhaltige Fischerei verlängert und im Mai wies eine Studie des bundeseigenen Thünen-Instituts „keine statistisch signifikante Häufung von Effekten durch fischereiliche Störung“ in der Nordsee aus. Gleichzeitig nehmen die Forderungen nach mehr Meeresschutz zu. Der Umweltverband Nabu forderte im November etwa, dass sogar noch weitere Gebiete ausgewiesen werden sollen, die frei von Fischerei, Schifffahrt und Rohstoffabbau gestellt sein sollen. Es wäre ein weiterer Schlag für die norddeutschen Krabbenfischer.
Conradi und seine Kollegen verfolgen daher weiter nervös die Diskussionen um den Aktionsplan. Bis Ende März 2024 sollen die EU-Mitgliedsstaaten ihren entsprechenden Beitrag zur Umsetzung vorlegen. „Wir müssen also am Ball bleiben“, sagt Conradi. Die Stimme der Fischer, sie dürfte in den nächsten Wochen und Monaten also noch lauter werden.
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