Alte Munition in Nord- und Ostsee Die Gefahr lauert am Meeresgrund
Bomben, Torpedos, Granaten, Munition: Gefährliche Kriegshinterlassenschaften wurden einfach im Meer versenkt. Die Altlasten werden jetzt untersucht. Wo ist es heute besonders gefährlich?
Wangerooge/Bremerhaven - Alarm auf Minsener Oog: Die unbewohnte Insel östlich von Wangerooge wurde im Sommer wegen einer Bombenentschärfung teilweise gesperrt. Solche Vorgänge kenne man, berichtet Dr. Gregor Scheiffahrt von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Dass gefährliche Kriegshinterlassenschaften aus dem Meer aus Sicherheitsgründen nicht mehr ans Festland transportiert werden können, komme regelmäßig vor.
Nicht weit von Minsener Oog liegt in der Jade-Mündung ein großes Versenkungsgebiet für Munitionsaltlasten aus dem Zweiten Weltkrieg. Weitere solcher „Müllhalden“ befinden sich in der Nordsee unter anderem bei Helgoland und vor Sylt. Bremerhaven und die Wesermündung blieben verschont, an der Elbmündung vor Cuxhaven ist in Karten ebenfalls ein Versenkungsgebiet eingezeichnet. Vor Norderney befindet sich demnach eine belastete Fläche. Wird ein Offshore-Windpark ins Meer gepflanzt, ist Kampfmittelbeseitigung immer ein Thema. Sicher ist sicher.
Weißer Phosphor am Strand
Aus den Augen, aus dem Sinn: Heute rächt sich diese ignorante Haltung aus Kriegs- und Nachkriegszeiten. Die Munition liegt im Weg, der Zahn der Zeit nagt an ihr, die Hülsen rosten durch, Giftstoffe belasten die Meeresumgebung, unter anderem mit TNT, Quecksilber oder Blei. Tickende Zeitbomben. In deutschen Küstengewässern der Nord- und Ostsee sollen mindestens 1,6 Millionen Tonnen Munition aus den beiden Weltkriegen versenkt worden sein, 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee und 300.000 Tonnen in der Ostsee.
Was der schwere Sturm im Oktober dort angerichtet hat, wissen Dr. Jens Greinert und seine Kollegen bisher nicht. Greinert arbeitet am Geomar in Kiel, dort laufen die Fäden für die unterschiedlichsten Forschungsprojekte zum Thema Munition im Meer zusammen. „Es kann sein, dass Material umgelagert wurde“, sagt Greinert. Spätestens im kommenden Jahr planen sie nachzuschauen.
Ostsee ist am besten untersucht
An Ostsee-Stränden wird immer noch weißer Phosphor aus Brandbomben des Zweiten Weltkriegs angespült. Er sieht Bernstein zum Verwechseln ähnlich. Der Kontakt kann zu schweren Verbrennungen führen. Welche Gefahr von Wracks für die Nordsee ausgeht, hat ein europäisches Forschungsprojekt, koordiniert vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, gezeigt. Im Bauch von versenkten Kreuzern oder anderen Marineschiffen sind Munitionsaltlasten zu finden. Die Forscher haben Wracks zwischen Belgien und Dänemark untersucht.
Am besten untersucht ist übrigens die Ostsee. Das ausgedehnte Versenkungsgebiet Kolberger Heide vor der Kieler Bucht wurde auch von Forschern des in Bremerhaven ansässigen Thünen-Instituts für Fischereiökologie regelmäßig mit dem Forschungsschiff angelaufen. In diesem Sperrgebiet liegen etwa 35.000 Tonnen Seeminen und Torpedos in zehn bis 20 Metern Wassertiefe in Sichtweite zum Strand. Die Forscher fanden beim Speisefisch Kliesche (ein Plattfisch), der am Meeresboden lebt und dadurch den Sprengstoffen potenziell ausgesetzt ist, eine erhöhte Zahl an Lebertumoren. Die Gehalte an TNT-Abbauprodukten sind auffällig.
Bund zahlt für Räumungen
In der Ostsee soll auch mit einer von der Politik in Berlin geförderten Räumung von Altmunition begonnen werden. Dafür wurden erstmals 100 Millionen Euro im Bundeshaushalt eingestellt. Die Ostsee ist einfacher zu bearbeiten als die Nordsee. Die Datenlage ist größer, die Munition liegt offen auf dem Meeresgrund und wird nicht mit Sediment überdeckt wie in der Nordsee, die Ostsee ist weniger rau und kleiner. Im nächsten Jahr findet dort eine erste Testräumung statt. Außerdem geht es um eine Zerlegungs- und Vernichtungsmöglichkeit auf See, sagt Greinert, also um eine Bergeplattform.
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus.
Auch in der Nordsee geht es weiter. Die Bremerhavener arbeiten in Teilprojekten mit. Dr. Matthias Brenner vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) hat Proben aus der Jade-Mündung mitgebracht. Bei Dr. Jörn Scharsack und Dr. Ulrike Kammann werden im Thünen-Institut für Fischereiökologie Fische untersucht. Eine der wichtigsten Aufgaben von Forschern wie Brenner, Scharsack und Kammann wird sein, Parameter zu finden, mit denen sich die Gefährlichkeit von Munitionsfunden einstufen und beobachten lässt. Anders ausgedrückt: Es gilt, ein Umweltmonitoring zu entwickeln: Wo ist der Zustand so schlecht, dass sofort geräumt werden muss, wo kann eine Bergung noch warten.
Auch das europäische Programm „North Sea Wrecks“ wird mit neuem Namen und Ziel fortgesetzt. Brenner: „Wir werden die Wracks weiter untersuchen und hoffentlich auch neue Schiffe anfahren.“ Außerdem geht es um den Einsatz autonomer Technologie – Crawler zum Beispiel, die über den Meeresboden fahren und Wasserproben untersuchen.