Prignitz/Hamburg  Trotz Stammzellenspende: Warum ein Blutkrebserkrankter weiter um sein Leben kämpfen muss

Gina Werthe
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Von Gina Werthe
| 15.11.2023 19:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Daniel Gerike mit seiner Tochter Frida. Foto: Privat
Daniel Gerike mit seiner Tochter Frida. Foto: Privat
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Im ersten Moment wirkt es wie in einem Märchen: Der an Blutkrebs erkrankte Daniel Gerike fand seinen genetischen Zwilling, konnte bereits die Stammzellenspende erhalten. Doch der nächste Schicksalsschlag wartete auf die Familie.

Daniel Gerike hat Blutkrebs. Anfang Oktober erhielten er und seine Familie die Nachricht, dass er eine Stammzellenspende benötigt. Wochenlang hatten seine Freunde und Familie zur Registrierung bei der DKMS in seiner Heimat – der Prignitz – und in Hamburg, wo er jetzt mit seiner Familie lebt, aufgerufen. Über 1000 Menschen ließen sich für den Familienvater testen. Er und seine Familie wussten: Es ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

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Doch plötzlich sollte sich alles ändern. Daniel Gerike hat tatsächlich seinen genetischen Zwilling gefunden – in seiner Schwester. „Während schon die ganzen Registrierungsaktionen liefen, wurde mit den Tests im Verwandtenkreis angefangen“, erläutert seine Frau Jennifer Gerike. Die Wahrscheinlichkeit, dass Geschwister als Spender infrage kommen, liege eigentlich nur bei 30 Prozent. Hinzu kam, dass die Probe seiner Schwester verunreinigt war und erneut genommen werden musste.

Ende Oktober kam dann das Ergebnis, das alle aufatmen lassen sollte. Die Schwester von Daniel Gerike sei zu 100 Prozent das perfekte Match. „Das ist unheimlich selten. Wir konnten es gar nicht fassen. Normalerweise liegt die Übereinstimmung zwischen 50 und 80 Prozent“, sagt Jennifer Gerike. „Es ist, als hätte Daniel eine Lebensversicherung um sich herum.“

Dann ging alles ganz schnell. Seine Schwester bereitete sich auf die Spende vor. Anfang November konnten ihre Stammzellen über einen Venenkateter transplantiert werden, erinnert sich seine Frau zurück.

Aber trotz aller Freude: Das Bangen ist damit nicht zu Ende. Im Gegenteil. Die Ärzte warnten vor möglichen Komplikationen, empfahlen, die Registrierungsaktionen weiterlaufen zu lassen, falls ein „Plan B“ nötig ist. Und sie sollten recht behalten.

„Daniel liegt derzeit im künstlichen Koma“, sagt uns seine Frau am Telefon. Sie klingt müde, erschöpft, besorgt. Das ständige Auf und Ab zehrt an ihren Kräften. „Wir wussten, dass es kein Spaziergang wird.“ Die von den Ärzten vorhergesagten Komplikationen traten ein. Daniels Immunsystem war durch die Chemo angeschlagen, auf null heruntergefahren. Durch einen Infekt entwickelte sich eine Lungenentzündung. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Um seinem Körper die Ruhe geben zu können, die Stammzellen anzunehmen, entschieden die Ärzte, ihn am Sonntag ins Koma zu versetzen.

Jennifer Gerike versucht, weiterhin positiv zu denken, für ihre beiden Töchter da zu sein, den Alltag, so gut es geht, zu bewältigen. „Wir haben jetzt mit der Stammzellenspende eine Chance. Die Ärzte zeigen sich neutral. Die Überlebenschancen sind dadurch zwar immer noch nicht übermäßig hoch, aber ohne die Spende hätte Daniel das nicht überlebt.“

Ob der Körper die Stammzellen annimmt, zeige sich erst zwischen zwei bis vier Wochen nach der Transplantation. „Es sind schon ein paar weiße Blutkörperchen nachgewiesen worden. Es passiert also etwas in seinem Körper, aber für eine Prognose ist es noch zu früh“, erklärt Jennifer Gerike. Ihr Mann scheine sich langsam zu stabilisieren, wann er aber wieder aufwacht, wisse sie noch nicht.

Es ist eine Achterbahn der Gefühle. Nicht nur für Jennifer, sondern auch für ihre Kinder. „Ich habe zu ihnen gesagt, Papa schläft gerade wie Dornröschen. Im August war er schon einmal für ein paar Tage im Koma, sie kennen es schon.“

Dennoch: „Als ich es den beiden gesagt habe, war die Große ganz still. Sie ist schon zehn Jahre alt, sie macht sich ihre eigenen Gedanken, bevor sie mit jemandem spricht. Die Kleine hat ganz dolle geweint. Sie vermisst ihren Papa. Die Kinder dürfen nicht zu ihm. Deswegen waren die früheren Videotelefonate mit ihm so wichtig. Gerade abends, wenn er sie immer ins Bett gebracht hat, ist es am schlimmsten. Er fehlt uns sehr. Doch ich glaube daran, dass er wieder aufwacht.“

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