Amsterdam  Gretas Moral: Wenn der Zweck nicht mehr die Mittel heiligt 

Miriam Scharlibbe
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Von Miriam Scharlibbe
| 15.11.2023 13:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Alles begann mit einem Pappschild, mit dem Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament protestierte. Innerhalb weniger Monate wurde daraus eine weltweite Klimabewegung geboren. Foto: dpa
Alles begann mit einem Pappschild, mit dem Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament protestierte. Innerhalb weniger Monate wurde daraus eine weltweite Klimabewegung geboren. Foto: dpa
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„Eine Welt“: Über Klimaaktivisten ist viel gestritten worden in den vergangenen Jahren. Ihre Methoden wurden kritisiert, ihre Motivation angezweifelt, aber zumindest beim großen Ziel war sich die schweigende Mehrheit einig: die Klimakrise aufzuhalten und die Erde zu retten, kann ja so falsch nicht sein. Mit neuen politischen Tendenzen und verstörenden Äußerungen der wohl bekanntesten Klimaaktivistin Greta Thunberg zerstört sich die noch junge Sache jetzt vielleicht selbst.

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir Menschen lieben Party und Protest, wollen die Erde retten und trotzdem online shoppen. Dabei setzen wir den Planeten in Brand. Die Klimakrise ist DAS Thema unserer Zeit. Miriam Scharlibbe legt den Finger in die Wunde und schaut dorthin, wo es wehtut: in den Spiegel. Sie kritisiert Verschwendung und Verwerfungen des Kapitalismus, Gedankenlosigkeit und mangelnde Nachhaltigkeit – und hadert dabei ständig mit sich selbst.

Vor fünf Jahren war die Welt noch in Ordnung. Wir hatten zwar schon eine Ahnung davon, dass wir nicht ganz so sorgsam mit unserem Planeten umgehen, aber die Klimakrise war noch etwas für Wissenschaftler und Grünen-Politiker. Corona war ein Bier und der Nahostkonflikt für viele Menschen vor allem ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch. Und bei einer Sache konnten wir uns wirklich sicher sein: „diese jungen Leute“ interessieren sich sowieso nicht für Politik.

Dann setzte sich ein junges Mädchen mit einem Pappschild vor das schwedische Parlament und innerhalb weniger Monate wurde eine weltweite Klimabewegung geboren. Aus heutiger Perspektive ist es kaum zu glauben, wie sehr eine Debatte über das Schulschwänzen Familien, Lehrern und Politikern damals Kopfschmerzen bereitet hat. Denn inzwischen wissen wir: Es gibt neuere, radikalere Aktivisten, die für die vermeintlich gute Sache einiges riskieren.

Sie kleben sich auf Kreuzungen fest, hängen von Brücken und überwinden Flughafenzäune. Im Vergleich zur selbsternannten „Letzten Generation” oder „Extinction Rebellion” wirkt die von Great Thunberg initiierte Bewegung „Fridays for Future” beinahe brav. Tatsächlich ist es aber der weit verbreitete Irrglaube, dass der (gute) Zweck die Mittel heiligt, der in uns heimliche Sympathien für „diese auf einmal erstaunlich politischen jungen Leute” wachsen ließ. Natürlich ist es verwerflich, Gesetze zu brechen, aber wir alle wachsen mit Heldengeschichten auf, die uns vermitteln, dass „das Böse” auch nicht nach den Regeln spielt. Wenn wir gewinnen wollen, so der Subtext, müssen wir mutig sein und die Grenzen des Erlaubten ausdehnen.    

Und wenn die Heldin dann auch noch eine damals 15-jährige hochintelligente Schülerin ist, die so gar nicht dem Bild eines typischen Teenagers entsprechen will, ist es nachvollziehbar, dass die neue Klimabewegung auch ältere Generationen in ihren Bann zieht. Und spätestens mit dem Auftreten der Klimakleber auf der öffentlichen Bühne waren die Rollen dann klar verteilt: 

Langweilige Aktivisten = Bündnisgrüne

Böse Aktivisten = Klimakleber

Gute Aktivisten = Gretas Moraltruppe

Das Bild drohte allerdings schon im Mai 2021 einen Riss zu bekommen, als Thunberg Positionen der Autorin Naomi Klein verbreitete, die einen umfassenden Boykott Israels forderte. Nach Kritik stellte Thunberg daraufhin klar, sie sei „nicht gegen Israel oder Palästina“ und es sei unnötig zu betonen, dass sie gegen jede Form von Gewalt und Unterdrückung sei. Zwei Jahre später, nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas auf Israel, fällt Thunberg erneut mit entsprechenden Äußerungen auf.

Gerade erst sagte Thunberg bei einer Demo in Amsterdam, die Klimaschutzbewegung habe die Pflicht, „auf die Stimmen jener zu hören, die unterdrückt sind und die für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen“. Thunberg skandierte mit einem schwarz-weißen Palästinensertuch um den Hals mehrfach: „No climate justice on occupied land“ („Auf besetztem Land gibt es keine Klimagerechtigkeit“) und spielte damit offenbar auf palästinensische Gebiete an.

Einen niederländischen Aktivisten brachte dies so in Rage, dass er die Bühne stürmte und Thunberg das Mikrofon entriss. Er sei schließlich gekommen, um für das Klima zu demonstrieren, nicht um politische Botschaften zu hören. Das ist natürlich in sich unlogisch, ist die ganze Klimabewegung doch hochpolitisch. Gemeint waren hier aber sicher politische Äußerungen, die zumindest auf den ersten Blick nichts mit Klimaschutz zu tun haben. 

Es ist auch nicht die erste verbale Entgleisung Thunbergs dieser Art in den vergangenen Tagen. Aus dem 15-jährigen Mädchen ist eine erwachsene Frau geworden, die reflektiert genug sein sollte, um die Wirkung ihrer Botschaften zu erkennen. So wie sie selbst seit fünf Jahren öffentlich versucht, Politiker zur Verantwortung zu ziehen, sollte auch sie sich zu der ihrigen bekennen. Thunbergs Beispiel zeigt einmal mehr, dass die Mittel nicht egal sind, so nobel der Zweck auch sein mag.

Der Krieg in Nahost mag kompliziert sein, umso wichtiger ist eine genaue und bedachte Wortwahl. Darin liegt tatsächlich eine Gemeinsamkeit zur Klimakrise. Die Überschrift „Klimagerechtigkeit” aber rechtfertigt keine Sachbeschädigung oder die Gefährdung von Menschenleben – und sie entschuldigt keinen Antisemitismus.

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