Ablenkung oder Hilfsmittel Niederlande verbieten Handys an Schulen – eine gute Idee?
Das Nachbarland will Handys aus dem Unterricht verbannen. Ist die niederländische Idee ein Vorbild für uns?
Niederlande/Rheiderland - Den Notizblock hochgehalten und den Kinobesuch über WhatsApp abmachen oder unterm Tisch TikToks gucken: In den Niederlanden sollen Handys und Co. bald aus den Klassenzimmern verbannt werden. Ab dem 1. Januar 2024 ist die Nutzung von Handy, Tablet oder Smartwatch in den Sekundarschulen nicht mehr erlaubt, schreibt die niederländische Regierung, die Rijksoverheid, in einer ihrer Mitteilungen.
Was und warum
Darum geht es: Im Nachbarland sollen Schülerinnen und Schüler bald keine Handys mehr mit in den Unterricht nehmen.
Vor allem interessant für: Familien mit Kindern
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, ob es vielleicht eine Idee ist, die auch an den Schulen im nahen Rheiderland hilfreich sein könnte. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Ab dem neuen Schuljahr 2024/2025 solle das dann unter anderem auch für Grundschulen gelten. Wenige Autominuten liegen zum Beispiel zwischen OBS Houwingaham in Bad Neuschanz und der Grundschule in Wymeer. Lohnt sich ein Blick über die nahe Grenze in Sachen Handy-Handhabe? Als Grund führt die Regierung an, dass es immer „mehr Hinweise“ darauf gebe, dass Handys in der Klasse schädlich seien, die Schüler könnten sich weniger konzentrieren und ihre Leistung leide. Gerade wenn sie die sozialen Medien nutzten. Ausnahme: Wenn Handys für den Inhalt des Unterrichts notwendig seien, zum Beispiel in einer Lektion über Medienkompetenz. Schülerinnen und Schüler, die auf ihr Telefon angewiesen seien, könnten es ebenso benutzen, zum Beispiel aus medizinischen Gründen oder wegen einer Behinderung.
Verbote sind da, um umgangen zu werden
Ein solches Handy-Verbot hat nicht nur Befürworter. „Schwierig“, findet das Sozialpädagoge Werner Hoffmann. Er leitet das Jugendbüro in Bunde. „Es ist spannend, diese Entwicklung zu sehen, wenn man bedenkt, dass man eigentlich sehr bestrebt ist, die Digitalisierung in die Schulen zu bekommen, dazu gehören eben auch Endgeräte“, sagt er. Besonders die Umsetzung eines Verbotes von Handys in der Schule werfe Fragen auf: „Wie soll das dann umgesetzt werden? Mit einem Türsteher, der niemanden mit Handy reinlässt und sie einkassiert?“, fragt er.
Es sei fast unmöglich, einen solchen Kampf zu gewinnen. „Jeder kennt es aus seiner Kindheit und Jugend. Verbote sind eher dazu da, um umgangen zu werden. Außerdem macht man, wenn man ein solches Gesetz erlässt, die Lehrerinnen und Lehrer zu den Spaßbremsen, die das durchsetzen müssen“, sagt er. „Nichtsdestotrotz kann es den Unterricht natürlich stark stören, wenn die Schülerinnen und Schüler sich mit ihren Handys beschäftigen, es ständig vibriert oder klingelt oder womöglich ungewollte Aufnahmen gemacht werden“, sagt er.
Der fiese Lehrer nimmt das Handy weg
Was also tun? Anstatt den Verzicht aufs Handy zu einer Strafe zu machen, die durch einen vermeintlich despotischen Lehrer durchgedrückt werden müsse, gebe es „tolle pädagogische Konzepte“, so Hoffmann. „Beispielsweise eine Ladestation für die Handys, in die alle ihre Geräte zum Anfang der Schulstunde legen können und in denen die Geräte aufgeladen wieder herausgenommen werden können, wenn es so weit ist“, sagt er. Am besten wäre es, wenn die Schüler solche Holzregale mit ihren Lehrkräften selber bauen würden. „Man bespricht dann am besten vorher, erklärt, warum die Geräte da hinein sollen und wichtig ist, dass das für jeden gilt. Ich denke, 99 Prozent der Jugendlichen und Kinder hätten kein Problem damit, ihr Handy aufgeladen aus ihrem eigenen Fach zurück zu kriegen“, sagt Hoffmann.
Die Geräte würden so nicht verbannt oder verteufelt: „Wir haben 2023, da ist es kaum zeitgemäß, Endgeräte zu verbieten. Eltern geben ihren Kindern die Handys, damit sie sie bei Unterrichtsausfall oder Ähnlichem erreichen können und das ist auch in Ordnung“, meint er. „Ja, es ging früher auch ohne, aber es ging auch lange ohne Sicherheitsgurte“, fügt er hinzu.
Niederlande nicht die einzigen
Anders sieht man das derzeit in Großbritannien: Die konservative britische Regierung will den Schülerinnen und Schülern die Nutzung von Handys komplett verbieten, auch in den Pausen, wie im Oktober berichtet worden ist. Zumindest an Grundschulen sollten Handys komplett verboten werden, forderte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin und CDU-Bundesvize Karin Prien Mitte August.
Der deutsche Lehrerverband hingegen lehnt Pläne wie in Großbritannien ab. „Ein absolutes Handyverbot für alle Altersgruppen und den gesamten Schulbereich kann man nicht durchsetzen“, sagte Verbandspräsident Stefan Düll der Deutschen Presse-Agentur. Viele Eltern wollten, dass ihre Kinder sich für kurzfristige Absprachen melden können. Zwar sei das Störungspotenzial durch Smartphones natürlich groß, so Düll. Doch habe es auch in der analogen Zeit viel Ablenkung gegeben. Schülerinnen und Schüler hätten Arbeitsaufgaben für andere Fächer gelöst, Briefchen geschrieben oder andere private Dinge erledigt. „Die Gedanken sind frei, die kann niemand kontrollieren“, sagte Düll.
Wichtiger sei ein „Ansatz des emanzipierten Schülers“. Man müsse sich gemeinsam Gedanken machen, wie man mit digitalen Geräten in der Schule umgehe. „Ein flächendeckendes Komplettverbot führt nur zu Umgehung und in der Folge zur Drangsalierung junger Menschen“, sagte Düll. Auch gegen digitales Mobbing helfe ein Handyverbot kaum. „Wer mobben will, macht dann nachmittags weiter. Das können Lehrkräfte nicht kontrollieren.“ Online-Mobbing müsse für sich behandelt und besprochen werden, um dann gezielt dagegen vorzugehen.
Mit Material von dpa