Geht’s noch – ohne Internet? Arzttermin buchen – einfach abgehängt ohne Internet
Eine Bunderin fühlt sich am Telefon schroff abgebügelt, einen Arzt-Termin bekam sie nicht. Weil sie kein Internet hat, sagt sie. Viele fühlten sich abgehängt – stimmt das?
Bunde - Ihr Auge schmerzte schlimm. Deswegen suchte eine Bunderin Hilfe. Wollte eine Diagnose. Ihr Weg führte sie zu mehreren Praxen und Kliniken. „Es geht auch gar nicht nur um meinen Fall“, sagt sie. „Aber ich wurde so schroff am Telefon abgebügelt. Es wurde auf Internetadressen hingewiesen. Ich habe aber kein Internet und möchte das auch nicht. Bevor ich schildern konnte, was ich wollte, wurde einfach aufgelegt.“ Ihren Bekannten sei schon Ähnliches passiert, sagt sie. „Man bekommt das Gefühl, man soll nicht mehr anrufen. Dass das nicht gewollt ist und alles online gehen soll“, schildert sie.
Was und warum
Darum geht es: Arzttermin offline? Eine Bunderin wollte übers Telefon Hilfe für ihr schmerzendes Auge bekommen. Sie sagt, sie und viele Bekannte seien in vielen Situationen abgehängt, weil sie keinen Internetzugang haben oder wollen.
Vor allem interessant für: die, die Zugang zum Internet haben und die, die es nicht tun
Deshalb berichten wir: Die Leserin meldete sich bei der Redaktion. Das Problem könnte viele betreffen. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Wir wollten wissen, ob das Gefühl der Bunderin trügt. Zunächst haben wir also bei der Kassenärztlichen Vereinigung nachgefragt.
Gibt es Regelungen dazu, welche Kommunikationskanäle eine Arztpraxis bieten sollte?
„Nein – verbindliche Regelungen gibt es nicht“, erklärt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN). Kassenärztinnen und Kassenärzte mit vollem Versorgungsauftrag seien nur verpflichtet, an ihrem Vertragsarztsitz mindestens 25 Stunden wöchentlich Sprechstunde zu halten und für die ärztliche Versorgung der Versicherten zur Verfügung zu stehen. Das nennt man „Präsenzpflicht“. Aber: „Es besteht keine Verpflichtung, auf jeden Fall per Telefon, Fax oder E-Mail erreichbar zu sein.“
Gibt es Zahlen dazu, wie viele Praxen oder Kliniken mittlerweile auch online erreichbar sind – oder nur noch?
Nein. „Konkrete Zahlen gibt es nicht. Die Digitalisierung in der Arztpraxis ist in Deutschland zwar schon weit fortgeschritten, aber sie ist noch im Gang und keineswegs abgeschlossen“, erklärt Haffke. „Nach wie vor lassen viele digitale Anwendungen in Arztpraxen, die in anderen europäischen Ländern längst selbstverständlich sind, noch auf sich warten. So auch die Online-Terminvergabe.“ Der Trend zeige aber eindeutig nach oben. „Die Online-Terminbuchung ist für viele Arztpraxen inzwischen ein Standard.“ Ob es Praxen gibt, die nur online Termine vergeben, entziehe sich aber der Kenntnis der KVN.
Online-Buchung von Terminen: Was bringt das?
Die Nachfrage nach einer Online Terminvergabe durch Arztpraxen steige aber. „Für die Online-Terminbuchung spricht, dass Patientinnen und Patienten ihre Termine außerhalb der Öffnungszeiten der Praxen eigenständig buchen können.“ Die Terminfindung werde so eine wesentlich niedrigere Hürde. „Freie Termine werden direkt angezeigt und sind mit nur wenigen Klicks gebucht.“ Das bedeute: Keine langen Telefonate, keine Verständnisfehler und keine Warteschleife. „Patientinnen und Patienten erhalten nach der Bestätigung ihrer Terminanfrage sofort eine Bestätigung per E-Mail und eine automatische Erinnerung an den bevorstehenden Termin. So können Terminausfälle stark reduziert werden.“ Online gebuchte Termine kosten alle Beteiligte weniger Zeit. Gewonnene Zeit, die das Praxispersonal bzw. Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel für die Betreuung zusätzlicher Patientinnen und Patienten einsetzen können.
Und wo liegt das Problem?
Der Hase liegt allerdings bei genau den Patientinnen und Patienten im Pfeffer, denen es so geht wie der Bunderin, die sich bei der Redaktion meldete: „Nachteile haben alle Patientinnen und Patienten, die keinen Internetzugang haben – oft ältere.“ Und noch etwas: „Wenn Patientinnen und Patienten ihre Termine online buchen, geht der persönliche Kontakt am Telefon verloren, der vor allem bei neuen Patientinnen und Patienten vor ihrem ersten Besuch in der Praxis geschätzt wird“, sagt Haffke.
Es könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass Patientinnen und Patienten sich bei Datum oder Uhrzeit irren oder einfach mit der Technik nicht gut zurechtkommen: „Praxen muss bewusst sein, dass man ein Stück Verantwortung an den Patienten/die Patientin abgibt, wenn man sich für die Möglichkeit der Online-Terminbuchung entscheidet.“ Wenig technik-affine Patientinnen und Patienten könnten davon sogar abgeschreckt werden. „Aus diesem Grund sollte auf der Website immer auch eine telefonische Kontaktmöglichkeit zu finden sein, an die sich PatientInnen bei Fragen wenden können.“ Es gebe zwar nicht oft Beschwerden von Personen, die keinen Internetzugang haben und sich benachteiligt fühlten, aber: „Es gibt aber vereinzelte Beschwerden.“