Demo in Wittmund  Antisemitismus treibt Dutzende auf die Straßen

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 09.11.2023 14:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Vor den Kundgebungen am Kreishaus zog der Demonstrationszug durch die Wittmunder Innenstadt. Foto: Oltmanns
Vor den Kundgebungen am Kreishaus zog der Demonstrationszug durch die Wittmunder Innenstadt. Foto: Oltmanns
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Der Judenhass in Deutschland habe mit dem Beginn der neuen Gewaltwelle in Nahost ein neues Niveau erreicht – sagt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung. Das treibt auch die Wittmunder um.

Wittmund - Der Krieg in Nahost hatte am Mittwochabend einen leisen Widerhall in der Wittmunder Innenstadt: Im feinen Nieselregen versammelten sich rund 80 Menschen vor dem Kreishaus, um für Frieden zu demonstrieren. Man wolle Solidarität zeigen mit den Menschen in Israel und Palästina, erklärte gleich zu Beginn Eberhard Hoffmann vom Kreisverband der Grünen und einer der Organisatoren der Veranstaltung. Tatsächlich steht ein breites Bündnis aus Politik, Kirchen und Sozialverbänden hinter der Demonstration.

Dazu gehören die Kreisverbände der Parteien oder Gruppierungen BfB, CDU, EBI, SPD und Grüne, die evangelischen und katholischen Kirchen im Landkreis Wittmund, die Awo, der Ökumenische Arbeitskreis Juden und Christen in Esens sowie der Wittmunder Jugendbeirat. Die Veranstaltung lief unter dem Namen „Gemeinsam für den Frieden – Gegen Terror, Hass und Antisemitismus“ und dauerte eine knappe Stunde. Nach einem Marsch durch die Wittmunder Innenstadt ging es zurück zum Kreishaus, wo unter anderem der Wittmunder Landrat Holger Heymann (SPD) eine kurze Rede hielt.

Antisemitismus

Zum Auftakt der Demonstration gab es aber erstmal Musik zu Gitarrenbegleitung: „Hevenu Shalom Alechem“, ein israelisches Lied, das die Sehnsucht nach Frieden ausdrückt. Auf hebräisch und etwas zaghaft mitgesungen von den versammelten Bürgern vor dem Kreishaus. Tatsächlich macht den Veranstaltern der Demonstration ein zunehmender Antisemitismus in Deutschland große Sorgen. „Juden und Jüdinnen in Deutschland haben Angst und es ist unsere Aufgabe, ihnen wieder Sicherheit zu geben“, erklärte Hoffmann. Mit der Demonstration stelle man sich auf die Seite der jüdischen Mitbürger.

Rund 80 Menschen nahmen an der Friedensdemonstration in Wittmund teil. Foto: Oltmanns
Rund 80 Menschen nahmen an der Friedensdemonstration in Wittmund teil. Foto: Oltmanns

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hatte sich gerade erst bestürzt geäußert: „Was wir seit dem 7. Oktober sehen, ist Judenhass auf einem in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr dagewesenen Niveau“, erklärte er am Dienstag in Berlin. Dabei verwies er auf mindestens 2000 Straftaten, die das Bundeskriminalamt seit dem 7. Oktober im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt gezählt habe – „viele davon bei vermeintlich propalästinensischen, in Wahrheit aber meistens antiisraelischen Demonstrationen“, so Klein. Am 7. Oktober hatte die Hamas die neue Welle der Gewalt mit einem Überfall auf Israel begonnen.

Was bringt das?

Nun kann man fragen, wie ein Marsch von 80 Menschen durch die Wittmunder Innenstadt Einfluss nehmen kann auf den Nahost-Konflikt. Eberhard Hoffmann kennt diese Frage und hat eine Antwort: „Keine Demo ist zu viel, jede einzelne zählt“, glaubt er. Das Wort Frieden könne man in dieser Zeit gar nicht oft genug in den Mund nehmen. Zudem verbinden die Organisatoren mit ihrem Marsch eine ganz offizielle Aufforderung: „Überall auf der Welt muss die Bundesregierung darauf drängen: Das Existenzrecht Israels ist nicht verhandelbar, Menschenrechte sind unteilbar, das Völkerrecht gilt universell, für jede und jeden!“

Landrat Heymann sah noch einen weiteren Nutzen in der Demonstration, den man wohl so umschreiben kann: Miteinander reden hilft auch. Dem Leiden der Zivilbevölkerung stehe man zwar ratlos gegenüber, aber es lasse einen ja nicht kalt, so Heymann. „Im Gegenteil: Wir sind emotional tief berührt, geschockt sogar, ein stückweit konsterniert und frustriert.“ Wie das auszuhalten sei? „Darüber reden hilft“, glaubt der Landrat. Es sei also gut, dass man zusammenkomme.

Die Demonstration in Wittmund war natürlich kein Einzelfall. Seit dem Überfall der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober gab es in Deutschland nach Angaben von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) 413 proisraelische Versammlungen. Denen stünden 450 propalästinensische Demonstrationen gegenüber, erklärte sie am Mittwoch in Berlin. Bei der Veranstaltung in Wittmund blieb übrigens alles ruhig, das bestätigte auch die Polizei im Nachgang.

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