Osnabrück Wiederentdeckt: Warum Chaim Soutine der Künstler unserer Zeit ist
Mit einem Mal ist er unglaublich aktuell: Chaim Soutine galt lange als Geheimtipp der Kunst. Jetzt spiegeln seine Bilder die Verunsicherung unserer Zeit. Was für eine Wiederentdeckung.
Schön ist er noch in seinem Tod, der Fasan, der langgestreckt auf dem weißen Tuch liegt. Das Tier schillert in den schönsten Farben. Unklar bleibt nur, was da schillert – das Federkleid oder das Innere des bereits aufgebrochenen Körpers. Chaim Soutine malt den Fasan so, dass er zu einem Fest der Malerei avanciert und zu einem Symbol des Leidens. Ekstase und Trauer: Bei Soutine sind sie eins.
Chaim Soutine? Der Name des Malers, der 1893 im heutigen Belarus zur Welt kommt und 1943 in Paris stirbt, mag nicht in aller Munde sein. Die Augen von Experten bringt er aber immer schon zum Leuchten. Ein Künstler für Künstler: Das ist der Begriff für jene Maler, die vor allem Kennern etwas sagen. Bei Soutine ändert sich das gerade. Er avanciert zu einem Künstler des Krisengefühls.
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt 60 Gemälde jenes Künstlers, dessen Leben sich auch als Märchen aus den tausendundeinen Nächten der Kunst erzählen ließe. Wer hätte gedacht, dass aus dem armen Jungen aus einem Dorf bei Minsk ein Kunststar werden würde? Als junger Mann, der nur Jiddisch spricht, wirkt Soutine in Paris verloren – bis Albert Barnes, der steinreiche amerikanische Kunstsammler 1922 auf einen Schlag 50 seiner Bilder kauft. Aus dem Niemand wird über Nacht ein Name.
Er ist es heute wieder und das nicht nur, weil er zum Kanon der Kunst der Moderne gehört. Denn Soutines Bilder zeigen nicht einfach die Welt, sie zeigen, wie die Welt bebt und schüttert, wie sie vibriert und entgleitet. Bei Soutine gibt es kein normales Leben, es gibt immer nur die Sekunde vor der Apokalypse. Schauen die Menschen jetzt so genau auf die Bilder dieses Malers, weil sie sich in seinem Lebensgefühl einhundert Jahre später nur zu gut wiedererkennen?
Sicher, Chaim Soutine ließe sich rubrizieren, mit Begriffen wie Expressionismus bis Farbmalerei. Aber die Begriffe führen gerade bei diesem Künstler nicht weiter. Soutine ist Soutine: Das gilt bei diesem Maler, der wie wenige andere seine ganz eigene Signatur ist. Jedes seiner Bilder weist jene aufgerissene, schrundige Oberfläche auf, die jedes Mal wie ein Fanal der Verletzlichkeit wirkt. Das Leben ist niemals heil, kann es nicht sein. Das ist Soutines Botschaft.
Er macht sie konkret – in Porträts von furchtsam schauenden subalternen Hotelangestellten und Bäckergesellen, in Landschaften, die aus dem Bild zu rutschen scheinen, mit Ansichten von Dörfern, die aussehen, als würden sie gerade von einem Hurrikan durchgeschüttelt. Das ganze Jahrhundert mit Krieg und Völkermord, Diktaturen und Vertreibung, es stürmt durch Soutines nur auf den ersten Blick still abseitige Bildwelt.
Der Künstler bleibt ein Außenseiter, ganz gleich, wo er gerade ist. Der Mann mit dem verschlossenen Gesicht schließt in Paris immerhin mit dem Künstlerkollegen Amedeo Modigliani Freundschaft, studiert im Louvre Bilder von El Greco und Tintoretto. Extreme ziehen ihn an. Kein Wunder. Chaim Soutine gehört im 20. Jahrhundert zu jenen Künstlern, die auf ihre Zeit wie ein Seismograph reagieren. Als Migrant, als Außenseiter hat er ein Gespür für jene Unsicherheiten, die eine ganze Ära kennzeichnen. Soutine bleibt der Unbehauste. Als er 1943 an den Folgen einer Operation stirbt, muss er schon den Judenstern als Zeichen der Stigmatisierung tragen.
Die Präsentation in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mag merkwürdig spannungslos erscheinen. Die Bilder strahlen gleichwohl jene Energie aus, die viele weitere Künstler beeinflusst haben. Seit der Retrospektive 1950 im New Yorker Museum of Modern Art wirkt Soutines Kunst weiter, auf Künstler wie Willem de Kooning, Francis Bacon oder Georg Baselitz. Jetzt sind Soutines Bilder wieder hochaktuell – als Zeichen einer Zeit tiefer Beunruhigungen.
Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Chaim Soutine. Gegen den Strom. Bis 14. Januar 2024. Di.-So., 11-18 Uhr.