Wieder alle Kliniken abgemeldet  Warum der Notstand auf Ostfrieslands Intensivstationen?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 07.11.2023 14:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wenn zu wenig Krankenhaus-Personal verfügbar ist, müssen Intensivbetten leer bleiben. Symbolfoto: Güttler/dpa
Wenn zu wenig Krankenhaus-Personal verfügbar ist, müssen Intensivbetten leer bleiben. Symbolfoto: Güttler/dpa
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In der Nacht zum Montag und zum Dienstag waren schon wieder alle ostfriesischen Intensivstationen gleichzeitig abgemeldet. Dabei haben sich noch nicht mal alle Kliniken zum Kapazitäts-Notstand der Vorwoche erklärt.

Ostfriesland - In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatten alle ostfriesischen Krankenhäuser ihre Intensivstationen für die Notfallversorgung abgemeldet – und obendrein sämtliche Intermediate-Care-Stationen (IMC-Stationen), welche die nächste Versorgungsstufe unterhalb der Intensivstationen darstellen. Sie alle konnten demnach gleichzeitig keine neuen Notfall-Patienten aufnehmen. Unsere Redaktion hatte alle Klinik-Unternehmen nach den Ursachen gefragt und um eine Antwort bis Donnerstag um 16 Uhr gebeten.

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Intensivmedizinischer Notstand in Ostfriesland
02.11.2023
7. November, 11.14 Uhr: Alle Krankenhäuser im Zuständigkeitsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland hatten ihre Intensivstationen für die Notfallversorgung abgemeldet – gleichzeitg. Screenshot: OZ
7. November, 11.14 Uhr: Alle Krankenhäuser im Zuständigkeitsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland hatten ihre Intensivstationen für die Notfallversorgung abgemeldet – gleichzeitg. Screenshot: OZ

Seither sind vier Tage vergangenen - und die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich und Emden hat immer noch nicht geantwortet. Derweil waren in der Nacht von Sonntag auf Montag sowie von Montag auf Dienstag wieder alle ostfriesischen Intensiv- und IMC-Stationen gleichzeitig abgemeldet – und bis zum Sonntagabend sah es am Wochenende im niedersächsischen Ivena-Portal nicht viel besser aus.

Warum hat das Krankenhaus Wittmund seine Intensivstation abgemeldet?

Das Wittmunder Krankenhaus hat die kleinste Intensivstation in Ostfriesland. Sie verfügt über nur acht Betten. Und die waren voll, wie Geschäftsführer Kai Schasse mitgeteilt hat. Schon im Sommer hatte er darüber informiert, dass „häufigster Abmeldegrund fehlende Bettenkapazitäten seien“. Auf diese Antwort hat er nun teilweise wieder verwiesen. Demnach verzeichnet er auf der Intensivstation weiterhin „eine Vollauslastung“, da kaum mehr eine Steigerung bei der Bettenbelegung möglich sei. Dementsprechend kurz und unmissverständlich fiel seine Antwort auf die Frage aus, ob es absehbar sei, dass die Ivena-Abmeldungen – insbesondere auf der Intensivstation – weniger werden: „Nein.“

7. November, am Morgen: Auch die Emder Klinik hatte – wie alle anderen Krankenhäuser in Ostfriesland – ihre Intensivstation für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
7. November, am Morgen: Auch die Emder Klinik hatte – wie alle anderen Krankenhäuser in Ostfriesland – ihre Intensivstation für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ

Unsere Redaktion hat gefragt: „Mussten Sie im Oktober 2023 und zum Auftakt des Monats November 2023 im Bereich von Notaufnahme oder Intensivstation triagieren? Falls ja: Inwiefern und in welchem Ausmaß?“ Geschäftsführer Schasse antwortete: „In unserer Notaufnahme wird seit 2019 grundsätzlich jeder Patient triagiert. Auf unserer Intensivstation gab es im angefragten Zeitraum keine Triage.“

An dieser Stelle zur Erläuterung: Der Begriff der Triage ist während der Corona-Pandemie ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das französische Wort steht für die Auswahl beziehungsweise das Sortieren und das Sichten. „Die Sichtung, auch Triage genannt, ist ein Instrument, um bei einem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten (MANV) möglichst viele Patienten zu retten“, erklärt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf seiner Internetseite. „Triage bedeutet Ersteinschätzung“, schreibt die Berliner Charité auf ihrer Internetseite. „Eine medizinische Fachkraft beurteilt nach einem standardisierten Vorgehen die Dringlichkeit der Behandlung.“

Warum hat das Borromäus-Hospital Leer seine Stationen abgemeldet?

„Die Abmeldungen sind das Resultat von kurzfristigen Personalausfällen durch Krankheit“, berichtete das Leeraner Borromäus-Hospital. „Es kann nur die Anzahl von Betten betrieben werden, die vom Personal auch abgedeckt werden können.“ Der Gesetzgeber mache mit der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung genaue Vorgaben: „Diese Verordnung ermöglicht es Krankenhäusern nicht mehr, flexibel Personal dort einzusetzen, wo es dringend gebraucht wird.“

Dennoch sei „die Patientenversorgung zu keiner Zeit gefährdet“ gewesen, so das „Borro“. Das einzige kirchliche Krankenhaus in Ostfriesland hatte seine Intensivstation und seine Intermediate-Care-Station für die Notfallversorgung abgemeldet. Damit wird den Rettungsdiensten signalisiert, dass keine entsprechenden Notfälle mehr aufgenommen werden können.

7. November 11.16Uhr: Alle Kliniken mit Intermediate-Care-Station im Zuständigkeitsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland hatten ihre Intermediate-Care-Stationen für die Notfallversorgung abgemeldet – zeitgleich zur Abmeldung der Intensivstationen. Screenshot: OZ
7. November 11.16Uhr: Alle Kliniken mit Intermediate-Care-Station im Zuständigkeitsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland hatten ihre Intermediate-Care-Stationen für die Notfallversorgung abgemeldet – zeitgleich zur Abmeldung der Intensivstationen. Screenshot: OZ

Auf Anfrage unserer Redaktion zur gleichzeitigen Abmeldung aller intensivmedizinischen Stationen in Ostfriesland teilte das Hospital mit: „Auch die Notfallversorgung in der Region bleibt gewährleistet.“ Sofern die Leitstelle „eine Zuweisung trotz Abmeldung vornehmen muss“, betreue eine Pflegekraft „vorübergehend mehr Patienten, als im Pflegeschlüssel vorgegeben sind“.

Eine nachhaltige Verbesserung der Intensivkapazitäten ist offenbar auch an dem Leeraner Krankenhaus nicht in Sicht: „Durch die aktuellen systematischen Gegebenheiten kann es auch zukünftig vorkommen, dass einzelne Teilbereiche kurzzeitig von der stationären Versorgung abgemeldet werden müssen.“ Hinzu kämen aktuell „gehäuft Personalausfälle durch Krankheiten, wie Corona oder grippale Infekte“.

Warum hat das Klinikum Leer seine Intensivstation abgemeldet?

„Eine Abmeldung der Intensivstation am 01.11.23 ist nachvollziehbar durch kurzfristigen Personalausfall in der Nacht- und der darauffolgenden Frühschicht bedingt“, erklärte das Klinikum Leer. „Es mussten jedoch keine Patienten abgewiesen werden.“

Ob die Leitstelle – aufgrund abgemeldeter Intensivstationen in ganz Ostfriesland – eine Zuweisung trotz Abmeldung vorgenommen habe, „ist uns nicht bekannt“, schreibt das Klinikum. „Für diesen Fall würde es zu einer Triagierung der Intensivpatienten kommen beziehungsweise es werden dann auch vorübergehend mehr Patienten je Pflegekraft versorgt, als die sogenannte Pflegepersonaluntergrenze mit 1:2 beziehungsweise 1:3 im Tag- beziehungsweise Nachtdienst vorschreibt.“

7. November, am Morgen: Auch die Emder Intermediate-Care-Station war für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ
7. November, am Morgen: Auch die Emder Intermediate-Care-Station war für die Notfallversorgung abgemeldet. Screenshot: OZ

Weiter teilte das Klinikum mit: „Eine durchgehende generelle Triagierung der Patienten findet immer im Bereich der Notfallaufnahmestation statt.“ Und zur aktuellen Lage: „In den letzten Wochen sind bedingt durch grippale Infekte und auch durch Corona nennenswerte Personalausfälle zu verzeichnen. Dazu kommen die Herbstferien, die zu einem erhöhten Urlaubsniveau führen.“

In welchem Umfang die Intensivstation von Januar bis Oktober für die Notfallversorgung abgemeldet war, wertet das Klinikum offensichtlich nicht aus: „Auswertungen von Abmeldezeiten liegen uns nicht vor.“

Auch am Morgen des 6. November hatten alle ostfriesischen Krankenhäuser gleichzeitig ihre Intensiv- und Intermediate-Care-Stationen für die Notfallversorgung abgemeldet. Hier: die Intensivstationen im Zuständigkeitsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland. Screenshot: OZ
Auch am Morgen des 6. November hatten alle ostfriesischen Krankenhäuser gleichzeitig ihre Intensiv- und Intermediate-Care-Stationen für die Notfallversorgung abgemeldet. Hier: die Intensivstationen im Zuständigkeitsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland. Screenshot: OZ

Bereits vor zwei Jahren hat unsere Redaktion eine Anfrage an die Mainis IT-Service GmbH in Offenbach gerichtet, welche das Ivena-Portal realisiert hat. Deren Geschäftsführender Gesellschafter erklärte damals: „Da wir nur der Hersteller von IVENA eHealth sind, dürfen wir leider keine Daten ohne Zustimmung der betroffenen Kunden herausgeben.“ In der Echtzeit-Ansicht von www.ivena-niedersachsen.de seien Daten mühelos ablesbar. „Aber ein Export vergangener Daten kann nur von den zuständigen Behörden und den jeweiligen Krankenhäusern vorgenommen werden“, schrieb der Mainis-Chef.

Was waren die Abmeldegründe der Kliniken Aurich und Emden?

Die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH hat als einzige Krankenhaus-Gesellschaft in Ostfriesland die Anfrage unserer Redaktion zum intensivmedizinischen Notstand in der Region vom 1. November um 23 Uhr noch nicht beantwortet (Stand: 6. November, 17.47 Uhr). Dieses Klinik-Unternehmen gehört dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden – und damit den dortigen Bürgern.

Unsere Redaktion bleibt dran – und hat die Trägergesellschaft am Montagabend an die Anfrage erinnert und die Mail in Kopie an den Auricher Landrat Olaf Meinen und den Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff geschickt. Der Klinikverbund hat sich in den vergangenen Monaten nämlich wiederholt geweigert, Pressefragen zu beantworten.

Wie wirkte sich intensivmedizinischer Notstand auf Notfall-Rettung aus?

Unsere Redaktion hat auch Rettungsdienste und Rettungsleitstellen in Ostfriesland gefragt, wie sich die gleichzeitige Abmeldung aller Intensivstationen und Intermediate-Care-Stationen in der Region ausgewirkt hat. Die Antworten des DRK-Rettungsdienstes im Landkreis Leer und des Rettungsdienstes im Landkreis Wittmund stehen noch aus. Außerdem waren Nachfragen zu den Antworten der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland und des Emder Rettungsdienstes beziehungsweise der dortigen Rettungsleitstelle erforderlich. Wir werden in Kürze berichten.

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