Istanbul  Israel oder die Hamas – wen die Nachbarstaaten unterstützen

Thomas Seibert
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Von Thomas Seibert
| 05.11.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Sowohl Israel als auch die Hamas sind auf Verbündete im Nahen Osten angewiesen. Foto: imago images/Christian Ohde
Sowohl Israel als auch die Hamas sind auf Verbündete im Nahen Osten angewiesen. Foto: imago images/Christian Ohde
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Im Krieg stehen sich Israel und die Hamas nicht alleine gegenüber. Eine entscheidende Rolle spielen die Verbündeten. Auf wessen Seite stehen die Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten, Katar, Jordanien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate? Ein Überblick.

Als die Hamas-Kämpfer am Morgen des 7. Oktober aus dem Gaza-Streifen nach Israel eindrangen, erwischten sie nicht nur die israelische Armee auf dem falschen Fuß, sondern auch etliche Staaten des Nahen Ostens. Diese hatten den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern bis dahin ignoriert, um bessere Beziehungen zum jüdischen Staat aufzubauen.

Jetzt bestimmt der Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern wieder die internationale Tagesordnung. Vier Wochen nach dem Hamas-Angriff haben sich die Regierungen in der Region auf die neue Lage eingestellt.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die seit drei Jahren ein Friedensabkommen mit Israel haben, gehörten unmittelbar nach dem Angriff der Hamas zu den schärfsten Kritikern der Palästinensergruppe in der arabischen Welt. Die Emirate warfen der Hamas vor, unschuldige israelische Zivilisten ermordet zu haben. Die Hamas gehört zur Bewegung der Muslim-Bruderschaft, die von den VAE als Terrororganisation eingestuft wird. Als die israelischen Gegenangriffe begannen, richteten die VAE ihre Kritik aber auch gegen Israel, weil die Stimmung im eigenen Land und in der arabischen Welt wegen der israelischen Luftangriffe auf Gaza umschlug.

Nicht zuletzt mit Blick auf ihre Gastgeberrolle beim Klima-Gipfel GOP28 ab dem 30. November wollen die VAE alles daran setzen, eine Ausbreitung des Gaza-Krieges auf die Golf-Region – etwa in Form von Raketenangriffen pro-iranischer Gruppen auf US-Stützpunkte – zu verhindern. Trotz ihrer Kritik am Vorgehen der israelischen Armee in Gaza halten die VAE zudem an ihrem Bündnis mit Israel fest, weil sie sich davon langfristig politische und wirtschaftliche Vorteile versprechen. 

Anders als die VAE ist das Emirat Katar ein langjähriger Partner der Hamas, deren Führung die meiste Zeit in Doha lebt. Katar unterstützt die Muslim-Bruderschaft und die Hamas mit Geld und medial: Der katarische Nachrichtensender Al-Dschasira ist in der ganzen arabischen Welt populär. Das Emirat versucht seit dem ersten Tag des neuen Konfliktes, seine engen Kontakte zur Hamas und zur Hamas-Schutzmacht Iran für eine Vermittlungsmission zu nutzen.

Katar hat zwar keinen Friedensvertrag mit Israel, ist aber seit Jahren mit dem jüdischen Staat im Gespräch und zählt zudem zu den engsten Partnern der USA im Nahen Osten; Katar ist Standort der größten amerikanischen Militärbasis in der Region. Inzwischen kann der Vermittler Katar einige Erfolge vorweisen. Dazu gehört die Freilassung einiger Hamas-Geiseln und eine Vereinbarung, die es Ausländern und Schwerverletzten ermöglicht, den umkämpften Gaza-Streifen zu verlassen. 

Auch Ägypten kann sowohl mit der Hamas als auch mit Israel reden. Als direkter Nachbar des Gaza-Streifens und als erste arabische Nation, die mit Israel Frieden schloss, ist Ägypten der traditionelle Vermittler im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Auch diesmal war Kairo an den Gesprächen über den freien Abzug der Ausländer aus Gaza beteiligt und organisiert über den Grenzübergang Rafah internationale Hilfslieferungen in den Gaza-Streifen hinein. Ägypten befürchtet, dass der Krieg eine Fluchtwelle von hunderttausenden Palästinensern aus Gaza auf die ägyptische Halbinsel Sinai spülen könnte. Medienberichte, wonach Israel das Ziel verfolgt, möglichst viele Palästinenser aus dem Gaza-Streifen zu vertreiben, verstärken diese Befürchtungen noch.

Jordanien ist durch den Krieg ebenfalls in eine schwierige Lage geraten. Viele der elf Millionen Jordanier haben palästinensische Vorfahren, zudem leben zwei Millionen palästinensische Flüchtlinge im Land. König Abdullah befürchtet, dass der Krieg und neue Vertreibungen sein Land destabilisieren könnten. Berichte, dass Israel vorhaben könnte, Palästinenser massenweise aus Gaza und dem Westjordanland in benachbarte Staaten abzuschieben, machen Jordanien nervös. Obwohl Jordanien seit 1994 einen Friedensvertrag mit Israel hat, verstärkt die Regierung in Amman deshalb ihre Kritik am jüdischen Staat. Zuletzt berief sie den jordanischen Botschafter aus Tel Aviv ab und verbot dem israelischen Botschafter die Rückkehr nach Amman. Jordanien wirft Israel vor, für eine humanitäre Katastrophe in Gaza verantwortlich zu sein.

Noch kritischer äußert sich die Führung der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seine zunächst neutrale Position aufgegeben und bezeichnet Israel inzwischen als Kriegsverbrecher. Auch dabei spielt die anti-israelische Stimmung in der Bevölkerung eine wichtige Rolle, ebenso wie die im März anstehenden Kommunalwahlen, die Erdogan gewinnen will. Trotz seiner rhetorischen Angriffe sieht sich Erdogan nach wie vor als potenzieller Vermittler. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass Israel ihm vertrauen würde.

Zur Lösung des Konflikts schlägt Erdogans Regierung eine internationale Friedenskonferenz vor. Eine dauerhafte Lösung des Konflikts könne es nur mit einer Zwei-Staaten-Lösung geben, argumentiert Ankara. Nach den türkischen Vorstellungen sollen internationale Garantiemächte – darunter die Türkei – über die Sicherheit von Israelis und Palästinensern wachen. 

Obwohl Saudi-Arabien als arabische Führungsmacht eine Schlüsselposition im Nahen Osten einnimmt, hat das Königreich öffentlich bisher keine großen Initiativen ergriffen. Riad hat weder formelle Beziehungen mit Israel, noch Einfluss auf die Hamas. Die saudische Regierung beschränkt sich auf Appelle und internationale Gremien. So hat sie für den 11. November ein Treffen der Arabischen Liga einberufen. Kronprinz Mohammed bin Salman will vor allem eine Ausweitung des Krieges verhindern; ein ausgedehnter Konflikt in der Region würde die Pläne des Prinzen für die Modernisierung des saudischen Staates gefährden. Schon jetzt feuern die pro-iranischen Huthi ihre Raketen über saudisches Staatsgebiet hinweg auf Israel. Deshalb sucht Saudi-Arabien die Nähe zu den USA, denn der militärische Schutzschirm der Amerikaner ist wichtig für die Verteidigung des Königreiches.

Als einzige große Regionalmacht im Nahen Osten steht Iran fest auf der Seite der Hamas. Teheran hat zwar dementiert, im Vorhinein über den Angriff auf Israel informiert gewesen zu sein. Die iranische Führung finanziert jedoch seit Jahren das Raketenprogramm der Hamas und freut sich seit dem 7. Oktober über die Demütigung, die Israel zugefügt wurde. Zudem bringt der Iran seine regionalen Verbündeten wie die Hisbollah im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen in Stellung. In Syrien rücken pro-iranische Kämpfer nach Medienberichten in Richtung der israelischen Grenze vor.

Dass der Iran, der die Vernichtung Israels anstrebt, den Gaza-Krieg für einen Großangriff auf den jüdischen Staat nutzen wird, ist dennoch nicht sicher. Die iranische Führung befürchtet für diesen Fall militärische Vergeltungsschläge von Israel oder den USA, die zusätzliche Flugzeugträger in die Region verlegt haben. Einen Krieg auf dem eigenen Territorium will die Islamische Republik unter allen Umständen vermeiden.

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