Osnabrück Eugen Drewermann: „Krieg ist der Terror der Mächtigen, die es sich leisten können“
Eugen Drewermann gilt als Deutschlands umstrittenster Theologe. 2005 ist er aus der Kirche ausgetreten, zuletzt wurde er für seine Äußerungen zu Corona, Russland und Israel kritisiert. Im Interview legt der suspendierte Priester nach – und spricht zugleich über Positionen, die er rückblickend bereut.
Frage: Herr Drewermann, in einem Ihrer aktuellen Youtube-Videos heißt es: „Nur Gewaltfreiheit kann jetzt Frieden schaffen“. Wie stellen Sie sich das in der Praxis vor – was sollen Israel, die Ukraine und wir Deutsche aus Ihrer Sicht machen?
Antwort: Was die Ukraine und den Konflikt mit Russland betrifft, so hatten wir aus der Hand der Russen 1989 nicht nur das Angebot, sondern den Plan, Gesamteuropa zu entwaffnen und die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und humanitären Mittel zur Lösung der Probleme einzusetzen, die die Welt wirklich hat. Diesem Angebot von 1989 aus den Händen Gorbatschows verdanken wir, die Deutschen, unsere Wiedervereinigung. Wir hätten da nur weitermachen müssen. Frieden kommt durch weniger Waffen oder überhaupt keine Waffen mehr, durch den ernsthaften Willen zum Frieden.
Antwort: Stattdessen haben wir erlebt, dass Amerika den Frieden zwischen Deutschen und Russen, zwischen Westeuropa und Osteuropa fürchtet, denn es wäre das Ende der Option nach dem vermeintlich gewonnenen Kalten Krieg, aufzutreten als Herr der Welt. Wer Macht will, wer sich durchsetzen will, wer die Welt beherrschen will, kann Frieden nicht gebrauchen, denn er ist ihm gefährlich. Was eine außerordentliche Chance für den Frieden war, ist von Amerika nur begriffen worden als Schwäche der Russen, die wir ausnutzen müssen. Wir sollten jetzt nicht so tun, als wären wir die Unschuldigen in dem, was in der Ukraine passiert.
Frage: Und wie denken Sie über den Krieg in Israel?
Antwort: Wenn Netanjahu schon den Anschlag der Hamas vergleicht mit 9/11, müsste er die Frage des Dalai Lama [Anm. d. Red.: Gemeint ist die Frage nach den Ursachen für den Terrorismus.] auf sich selber beziehen: Was machen wir mit den Arabern falsch, wenn sie uns, seitdem es den Staat Israel gibt, seit 1948, hassen? Wie könnten wir, wenn schon die Leute im Gazastreifen leben, das sind über zwei Millionen Menschen, ihnen vernünftig Trinkwasser garantieren, Nahrungsmittel, Wirtschaftskontakte – statt ein Gefängnis daraus machen, indem alles blockiert wird, immer wieder bombardiert wird und jetzt in aller Härte geht die Bodenoffensive voran. Wie viel Tausend Tote werden das sein? Schon zählt man über 8000 [nach Angaben der Hamas, Anm. d. Red.]. Das ist jetzt schon das Achtfache von dem, was man der Hamas anlastet. Das eine ist schrecklich und ist eine Aggression, die keinen Frieden will und kann. Aber man muss begreifen, wenn man ein Verbrechen festmacht, was dahin geführt hat. Und dann wird man sehr bald die eigene Mitschuld daran erkennen und nacharbeiten müssen.
Frage: Die Hamas hat sich als Ziel gesetzt, Israel zu vernichten. Denken Sie, dass da wirklich eine Lösung ohne Gewalt möglich ist?
Antwort: Das ist völliger Unsinn, aber es wird so zitiert und es ist gut, dass Sie danach fragen. Die Hamas kann Israel nicht vernichten, dafür ist sie absolut zu schwach. Das ist eine Art von Rederei zum Beeindrucken. Zur Überraschung der Hamas selber: Die Sicherheitszäune konnten gebrochen werden, das hatten die kaum erwartet. Was dann passiert, ist ein Verbrechen nach dem anderen. Aber es ist keine Gefahr für Israel als Bestand. Es ist Terror. Es ist verbrecherisch. Man darf so nicht handeln, alles d’accord. Aber wenn jetzt Herr Netanjahu kommt und erklärt: „Das sind keine Menschen, das sind Tiere, Raubtiere, und wir werden etwas zeigen, woran man in Generationen noch denken wird.“ Was hat man dann für ein Programm? Ich sag’s jetzt ganz simpel: Was wir Terror nennen, ist der Krieg, den die Schwachen führen. Und das macht die Hamas in völliger Unterlegenheit. Aber Krieg ist der Terror der Mächtigen, die es sich leisten können. Welch ein Verbrechen wiegt denn schwerer und welch eines müssten wir verhindern?
Frage: Für Ihre umstrittenen Positionen haben Sie im Laufe Ihrer Karriere oft Aufmerksamkeit bekommen. Genießen Sie es, im Mittelpunkt zu stehen, oder sehen Sie es als ein notwendiges Übel?
Antwort: Wenn ich eine Rede halte, wenn ich ein Buch schreibe, möchte ich, dass zugehört wird und gelesen wird, gar keine Frage. Aber ich empfinde die Herstellung von Öffentlichkeit als programmatisches Ziel als identisch mit Selbstverrat. Wenn ich etwas nur sagen würde, damit möglichst viele Leute kämen, etwas schriebe, um Bestseller zu produzieren, hätte ich die Wahrheit aufgegeben. Das ist eine absolute Gefahr.
Frage: Sie sagen also, dass Sie nie eine Position vertreten haben, nur um Gehör zu finden?
Antwort: Das mit der Aufmerksamkeit begann mit Büchern, die über Psychoanalyse und Religion handelten. Ich habe das nie geschrieben, um in den Mittelpunkt zu rücken, sondern um Menschen zu helfen, sich selber besser zu verstehen und die Menschen an ihrer Seite. Ich wollte der Kirche helfen, die immanenten Neurosen ihrer Sexualmoral, ihrer Machtbeanspruchung, ihrer patriarchalen Ausrichtung, ihres falschen Verständnisses von Gehorsam zugunsten von mehr Mündigkeit, mehr Freiheit, mehr Individualität, zu dem, was Jesus eigentlich wollte nach meiner Meinung – hilfsbereit seelischen Erkrankungen gegenübertreten zu können – zu öffnen. Das war mein Anliegen. Ich wollte nicht in die Presse kommen.
Frage: Gibt es Positionen, die Sie rückblickend bereuen?
Antwort: Es gibt eine Menge Dinge, die ich bereuen könnte, weil ich damals so geglaubt habe, wie ich geglaubt habe. Ich hatte eine Zeit lang in Paderborn als kommissarischer Verwalter der Studentengemeinde zu wirken und ich habe die Theologie so, wie ich sie gelernt hatte, auch in der Studentengemeinde versucht durchzusetzen und damit einer Reihe Menschen bitter Unrecht getan. Das habe ich damals aber nicht begriffen. Ich glaubte, der Wahrheit zu dienen, so wie ich sie sah. Man kann innerhalb von 50 Jahren auch dazu lernen – habe ich getan und an manchen Stellen gemusst. Zum Thema Krieg und Frieden bleibe ich bei dem, was ich gewusst habe, als ich 16 war. Und weigere mich zu lernen, dass man Willy Brandt und Egon Bahr nicht mehr erwähnen darf, weil Russland keinen Frieden kann, weil Russland immer gefährlich ist, weil Russland ganz Europa bedroht. Und dann ist Brandt gefährlich, Egon Bahr gefährlich, ein Irrtum, es war ein Fehler, sich mit Russland versöhnt haben zu wollen, die Leute dürfen nicht mehr erwähnt werden. Das ist Herr Scholz heute. Da lerne ich überhaupt nicht dabei, sondern da werde ich wütend, wenn ich den Rückfall von fast 70 Jahren in die Fünfzigerzeit der Adenauer-Ära voll repräsentiert finde als Zeitenwende.
Frage: Zur rechten Querdenkerszene wurde Ihnen eine Nähe unterstellt. Wie stehen Sie zur AfD?
Antwort: Ich habe nie was zu tun gehabt mit der AfD. Mit der AfD kann ich schon nicht sein, denn die will eine starke nationale Armee. Ich glaube, Sie haben verstanden, dass das genau das Gegenteil ist von dem, was ich sage. Man erzählt von Sokrates, als er 399 v. Chr. hingerichtet wurde, weil er angeblich die Jugend verdirbt – könnte ich mir auch zuziehen, den Vorwurf – und an die Götter nicht glaubt – das habe ich auch erlebt von der katholischen Kirche, ich sei nicht gläubig. Wissend, dass Sokrates beides tut: Er erzieht die Jugend zum Denken und er glaubt an die Götter mehr als das Tribunal in Athen.