Osnabrück Diamantenschädel im Bunker: Schale Glitzerkunst in Kriegszeiten
So zynisch kann Kunst sein: Damien Hirsts Diamanten-Schädel hat immer schon irritiert. Jetzt ist er wieder zu sehen - in einer Zeit, in der Kriege für unermessliches Leid sorgen. Ist das nicht obszön?
Ach, wie morbide! Er bleckt so apart die Zähne, dieser Schädel. Und wie die 8601 Diamanten auf seiner blanken Schale lupenrein um die Wette glitzern! Damien Hirsts mit lauter Klunkern besetzter Abguss eines menschlichen Schädels kann jetzt in München bestaunt werden.
Jahrelang ruhte er in der Dunkelheit eines Magazins. Nun blitzt und blinkt er wieder im Licht. Jeder Besucher hat zehn Minuten, um in wohligem Schauder zu baden. Eine Sensation? Ja, aber eine reichlich obszöne, wie ich finde.
Faulige Morbidität und gar nicht so schnöder Mammon – das Kunstwerk „For the Love of God“ des britischen Künstlers Damien Hirst bringt das perfekt zusammen. Lust und Verfall, Leben und Tod, Kunst und Ewigkeit: Kunstexperten spielen virtuos auf der Klaviatur der Begriffe, wenn es darum geht, dieser, nun ja, Skulptur tieferen Sinn zu unterlegen.
Dabei steht ihr Sinn darin auf, perfektes Objekt für einen völlig überdrehten Markt zu sein. Hat die Herstellung des Objekts 14 Millionen Pfund gekostet, eine Million mehr oder weniger? Was macht das schon für einen Unterschied.
Damien Hirst gilt als Rebell. Vor allem aber ist er schlau und abgebrüht. Für über 100 Millionen versteigerte er seine Kunstwerke 2008 direkt aus dem Atelier – am Tag der Pleite von Lehman Brothers, dem Auslöser der Finanzkrise. Geschickter Ritt auf der Konjunkturwelle? Ja, und zugleich grenzenloser Zynismus.
Warum zeigt das Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA) in München Damien Hirsts Diamanten-Schädel ausgerechnet jetzt? Hätte er nicht im Depot bleiben können, ja müssen? Ich kann mir nicht helfen, aber das unsägliche Leid der Menschen in Israel, in Gaza, in der Ukraine nimmt mir tagtäglich den Atem – und die Ruhe, mich auf eine Kunst einzulassen, die mit dem Tod ihr morbides Spielchen spielt.
Schön ist ein Leben, wenn es Kunst gibt, die es erklärt und steigert. Schade nur, dass Kunst diese Erwartung immer häufiger enttäuscht. Täuscht mich mein Eindruck? Ich finde, dass viele Werke der zeitgenössischen Kunst schal und schwach sind, der Kunstbetrieb selbst zunehmend in seiner eigenen Blase gefangen ist.
Damien Hirsts Totenschädel sehe ich als Musterbeispiel einer Kunst als Hype um extrem viel Geld. Sicher, Damien Hirst war so clever, mit dem Kunstmarkt virtuos zu spielen, seine ungeschriebenen Gesetze zu demaskieren. Aber reicht das, um Kunst dauerhaft interessant zu machen? Ich finde nicht.
Das MUCA ist in einem ehemaligen Bunker eingerichtet worden. Dort glitzert der Diamantenschädel im Souterrain nun vor sich hin. Die Kunst in der Gruft: Was für ein deprimierendes Bild.