Liverpool Dank Künstlicher Intelligenz: So klingt der „letzte Song“ der Beatles
Mehr als 50 Jahre nach ihrer Trennung haben die verbliebenen Mitglieder der Beatles einen neuen Song veröffentlicht. „Now and Then“ ist ein Zeugnis für die Vorteile, die der technische Fortschritt mit sich bringt.
Zwei große Kreise der Musikgeschichte scheinen sich in diesem Jahr endgültig zu schließen. Während die Rolling Stones kürzlich ihr wohl letztes Album „Hackney Diamonds“ veröffentlichten, erschien am Donnerstag die Beatles-Single „Now and Then“ – nach Angaben der verbliebenen Mitglieder Paul McCartney und Ringo Starr der letzte Song der legendären Fab Four.
John Lennon hatte das Lied Ende der 1970er Jahre in seiner Wohnung im Dakota Building in New York City geschrieben. Nur wenige Jahre später sollte er vor genau jenem Ort von einem geistig verwirrten Fan erschossen werden. Nach seinem Tod verschwand das Demo erst einmal in der Versenkung. 1994 (24 Jahre nach der Trennung der Beatles) übergab Lennons Witwe Yoko Ono schließlich zwei Musikkassetten aus dem Nachlass ihres Mannes an Paul McCartney.
Darauf waren unter anderem die Songs „Free as a Bird“, „Real Love“ und „Now and Then“ enthalten. Während die restlichen drei Ex-Beatles-Mitglieder Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison mit der Fertigstellung der ersten beiden Lieder wenig Mühe hatten, schienen sie an „Now and Then“ regelrecht zu verzweifeln, wie in dem Kurzfilm zur Veröffentlichung von „Now and Then“ gut zu beobachten ist.
Sehen Sie in dem nachfolgenden Video den Kurzfilm zum letzten Song der Beatles „Now and Then“:
Zu schlecht war die Qualität der Aufnahme, zu unzureichend die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit. Schließlich war es George Harrison, der frustriert aufgab und das Tonstudio verließ. Seine Witwe Olivia erinnerte sich: „Damals, 1995, nachdem er mehrere Tage im Studio an dem Track gearbeitet hatte, hatte George das Gefühl, dass die technischen Probleme mit dem Demo unüberwindbar waren, und kam zu dem Schluss, dass es nicht möglich war, das Lied auf einem ausreichend hohen Niveau fertigzustellen.“
Die Arbeiten an „Now and Then“ ruhten hiernach wieder, dennoch gab es immer wieder Gerüchte, wonach Paul McCartney den verlorenen Song endlich vollenden wolle. Daran änderte auch der Tod von George Harrison nichts, der 2001 an Lungenkrebs verstarb. Doch erst mit der Verfügbarkeit der Künstlichen Intelligenz schien McCartney seinem Ziel endlich näher zu kommen.
Im Sommer dieses Jahres erklärte der Musiker gegenüber BBC Radio 4: „All das ist irgendwie beängstigend, aber aufregend, weil es die Zukunft ist. Wir waren in der Lage, Johns Stimme aus einem kleinen Stück Kassette zu befreien, das Johns Stimme und ein Klavier enthielt. Wir konnten sie mithilfe Künstlicher Intelligenz trennen.“ Doch wie klingt „Now and Then“?
Die Fertigstellung des Songs beschrieben sowohl Paul McCartney als auch Ringo Starr als hochemotional – und als Beatles-Fan lässt sich das durchaus nachvollziehen. John Lennon ist seit fast 43 Jahren tot, seine Stimme erscheint auf der Aufnahme lebendig und doch weit entfernt, was dem Lied die nötige Melancholie gibt.
Hören Sie hier die neue Single der Beatles „Now and Then“:
Zu Beginn zählt Paul McCartney an, bevor ein Klavier und leise Streicher einsetzen. Lennons Stimme, die schon immer gut zu melancholischen Songs passte, trägt durch den gesamten Song – trotz der aufwendigen Nachbearbeitung. Und ja, es ist ein wenig, als wären die Beatles niemals (oder zumindest nur kurz) weggewesen.
McCartneys Bass brummt zurückhaltend und doch prägnant, Ringo Starr beweist ein weiteres Mal, dass schlichtes Schlagzeugspiel nichts schlechtes sein muss. Sogar ein kleines Gitarrensolo, das der frustrierte George Harrison Mitte der 1990er für die Fertigstellung eingespielt hatte, hat es in den Song geschafft.
„Now and Then“ ist ein Beispiel dafür, dass Künstliche Intelligenz sinnvoll und bereichernd eingesetzt werden kann (ein Gegenbeweis liefert wiederum ein Video auf YouTube, in dem Johnny Cash „Barbie Girl“ von Aqua singt). „Als John starb, wussten wir, dass es wirklich vorbei war“, erinnert sich Paul McCartney im Kurzfilm zu „Now and Then“ an den Tod seines Freundes und Bandkollegen. Der technische Fortschritt zeigt, dass es dabei nicht immer bleiben muss. Fest steht jedoch, dass die Musik der Beatles auch ohne Künstliche Intelligenz für immer weiter leben wird – und die der Rolling Stones auch.