Berlin  „Wir brauchen noch viele Jahre Öl und Gas“ – wie Norwegen trotzdem die Klimawende schaffen will

Rena Lehmann
|
Von Rena Lehmann
| 28.10.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Norwegens Öl- und Energieminister hält einen baldigen Ausstieg aus der Gas- und Ölförderung für falsch. Das würde zu schwankenden Energiepreisen führen, die vor allem die kleinen Leute hart treffen. Foto: Naina Helen Jåma/NTB Kommunikasjon
Norwegens Öl- und Energieminister hält einen baldigen Ausstieg aus der Gas- und Ölförderung für falsch. Das würde zu schwankenden Energiepreisen führen, die vor allem die kleinen Leute hart treffen. Foto: Naina Helen Jåma/NTB Kommunikasjon
Artikel teilen:

Norwegen ist mit der Förderung von Öl und Gas reich geworden. Öl- und Energieminister Terje Aasland erklärt im Interview, warum er darauf auch in Zukunft nicht verzichten will – und worauf es aus seiner Sicht jetzt ankommt, um trotzdem künftig klimaneutral zu wirtschaften.

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine ist Norwegen zu einem der wichtigsten Gaslieferanten Deutschlands geworden. Wir trafen den norwegischen Öl- und Energieminister Terje Aasland in der norwegischen Hauptstadt Oslo zum Interview über ungebremste Öl- und Gasförderung in seinem Land – und darüber, was das für die Klimawende bedeutet. Norwegen will auf Öl und Gas auf absehbare Zeit nicht verzichten – das sei auch nicht notwendig.

Frage: Herr Aasland, Sie kommen im November nach Deutschland. Was ist der Zweck Ihrer Reise?

Antwort: Es ist sehr wichtig, dass Deutschland und Norwegen ihre Partnerschaft stärken. Wir arbeiten in der Industrie und Energie zusammen. Wir müssen die Klimawende unserer Industrien gemeinsam bewältigen, damit sie im globalen Wettbewerb bestehen können.

Frage: Norwegen ist Vorreiter bei erneuerbaren Energien, gleichzeitig werden riesige neue Gas- und Ölfelder erschlossen: Wie passt das zusammen?

Antwort: Fast jede Kilowattstunde Strom in Norwegen stammt aus erneuerbaren Quellen und wir wollen diesen Sektor noch weiter ausbauen. Wir haben tolle Pläne für Offshore-Windparks. Gleichzeitig wollen wir die norwegische Öl- und Gasindustrie weiterentwickeln, aber auf eine andere Art und Weise.

Frage: Wie denn?

Antwort: Wir müssen die Klimaziele erreichen. Bei unserer Öl- und Gasproduktion entstehen bei uns nur geringe Emissionen, und wir versuchen außerdem, kohlenstoffarme Energie aus Öl und Gas zu gewinnen. Dafür ist die Partnerschaft mit Deutschland sehr wichtig. Wir können blauen Wasserstoff auf den deutschen Markt liefern, das CO2 aus dem Erdgas auffangen und sicher speichern. Blauer Wasserstoff kann ein Anstoß für den Wasserstoffmarkt sein. Wir wollen zu einer stabilen und vertrauensvollen Energiesituation beitragen.

Frage: Was muss jetzt getan werden, um die Infrastruktur dafür aufzubauen?

Antwort: Vielleicht können wir die alten Pipelines für den Gastransport nutzen. Die Industrien in Deutschland und Norwegen versuchen bereits, Lösungen zu finden. Vielleicht sind in 20 Jahren alle Pipelines für den Transport von Wasserstoff bereit.

Frage: Aber dennoch: Überall auf der Welt werden neue Gas- und Ölfelder erschlossen, vor allem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, auch in den USA: Ist das angesichts der globalen Erwärmung nicht fahrlässig?

Antwort: Wir brauchen weltweit viel mehr Investitionen in erneuerbare Energien. Wir müssen vertrauenswürdige Energiesysteme für erneuerbare Energien aufbauen. Das wird einige Zeit dauern. In der Zwischenzeit müssen wir die Emissionen aus der Öl- und Gasförderung reduzieren und Wege finden, kohlenstoffarme Energie auf den Markt zu bringen. Die Herausforderung ist groß. Der jüngste Bericht der internationalen Energie-Agentur IAE zeigt, dass wir schwankende Energiepreise erleben werden, wenn wir die fossile Energie zu schnell reduzieren, und das wird besonders für Familien mit geringem Einkommen hart sein. Wir brauchen noch viele Jahre lang Öl und Gas, aber gleichzeitig müssen wir unser Energiesystem auf ein Netto-Null-Emissionssystem umbauen.

Frage: Nach den Anschlägen auf Nordstream und die Pipeline zwischen Finnland und Estland: Wie sicher sind die norwegischen Pipelines?

Antwort: Russland nutzt Energie als Waffe im Krieg gegen die Ukraine. Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf die Sicherheit unserer Öl- und Gasproduktion sowie unserer Pipelines. Schon vor Kriegsbeginn erhöhten wir unsere Sicherheitsmaßnahmen. Unsere Polizei und Armee arbeiten dabei mit unseren Verbündeten zusammen. Wir sind auf unerwünschte Ereignisse vorbereitet. Unsere Infrastruktur ist sicher. Es ist ein wirklich großes Projekt. Wir verfügen über 9000 Kilometer Pipelines und 90 verschiedene Produktionsstandorte auf dem norwegischen Festlandsockel.

Frage: Ist Norwegen bereit, deutsches CO2 vor seiner Küste einzulagern, Stichwort CCS?

Antwort: CCS wird in Norwegen weithin als Teil der Lösung des Klimawandels akzeptiert. Wir verfügen über fast 30 Jahre Erfahrung mit der dauerhaften Lagerung im norwegischen Festlandsockel. Wir können es sicher in der Nordsee lagern. Unsere Mitarbeiter unterstützen uns bei der Entwicklung dieser Technologie. In meiner Region Telemark verfügt Heidelberg Cement über eine große Zementfabrik. Sie beginnen bald mit der Kohlenstoffabscheidung. Die Capture-Fabrik ist fast fertig. Nächstes Jahr werden sie damit beginnen, die CO2-Emissionen aufzufangen und ein bis zwei Kilometer unter dem Meeresboden zu speichern.

Frage: Kann dieses Projekt Vorbildcharakter haben?

Antwort: Heidelberg Cement leistet hervorragende Arbeit bei der Einführung der CCS-Technologie in der Zementproduktion. Es ist einer der Sektoren, in denen es am schwierigsten ist, Emissionen zu reduzieren. Ich bin wirklich beeindruckt.

Frage: Was muss als nächstes getan werden, um eine CCS-Infrastruktur zwischen Deutschland und Norwegen aufzubauen?

Antwort: Wir müssen die Speicherung von CO2 in der Nordsee einfacher und kostengünstiger machen. Ich hoffe, dass wir mehr private Unternehmen haben werden, die CCS in Norwegen betreiben wollen. Langfristig brauchen wir eine Pipeline für CCS zwischen Norwegen und Deutschland. Das wäre die günstigste Lösung.

Frage: Ist Norwegen bereit, bald auch grünen Wasserstoff nach Deutschland zu liefern?

Antwort: Dafür werden wir viel mehr Windenergie brauchen. Onshore-Windkraftanlagen sind der schnellste Weg, um mehr erneuerbare Energie zu gewinnen. Doch Onshore-Windparks sind in Norwegen nicht sehr beliebt. Die Menschen lieben ihre Landschaft und wollen sie nicht verändern. Daher kommt es nicht in Frage, Onshore-Windparks zu bauen, um die Produktion und den Export von grünem Wasserstoff zu unterstützen. Unser großes Ziel ist der Bau wirklich großer Offshore-Windparks, die möglicherweise die Produktion von grünem Wasserstoff unterstützen. Natürlich brauchen wir auch Onshore-Windparks, um das norwegische Stromsystem zu unterstützen. Wir wollen unsere Natur schützen. Wir fordern Kommunen und Unternehmen auf, nur Flächen zu nutzen, die bereits industriell und gewerblich genutzt werden. Und wir stellen sicher, dass die Kommunen ein großes Mitspracherecht bei der Errichtung neuer Windparks haben und dass sie gleichzeitig großzügig an der Wertschöpfung beteiligt werden. Wir müssen es sorgfältig und gemeinsam mit den Menschen tun.

Frage: In Norwegen heizen 60 Prozent der Privathaushalte mit Wärmepumpen. Wie haben Sie das geschafft?

Antwort: In Norwegen heizten die Menschen jahrzehntelang ihre Häuser mit altmodischen Öfen. Um die Effizienz zu steigern, haben wir 2006 damit begonnen, Haushalte zu unterstützen, die in Wärmepumpen investiert haben. Es war eine Möglichkeit, die privaten Energiekosten zu senken. In den letzten zwei Jahren hatten wir, wie auch der Rest Europas, in Norwegen extrem hohe Stromkosten. Aus diesem Grund investieren Menschen in ihre Häuser, um sie energieeffizienter zu machen. Der Staat unterstützt sie.

Ähnliche Artikel