Berlin  Wie Smartphones der Gesundheit von Kindern schaden

Markus Keimel
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Von Markus Keimel
| 25.10.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Smartphones sind für Kinder faszinierend, Kinderärzte warnen allerdings vor übermäßigem Medienkonsum. Foto: imago images/Westend61
Smartphones sind für Kinder faszinierend, Kinderärzte warnen allerdings vor übermäßigem Medienkonsum. Foto: imago images/Westend61
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Der Gebrauch von Smartphones und Tablets ist für Heranwachsende längst Alltag. Dabei warnen Mediziner vor schweren gesundheitlichen Folgen durch zu frühen und übermäßigen Medienkonsum.

Es leuchtet, es brummt, es bimmelt und Mama und Papa halten es dauernd in der Hand – kein Wunder, dass schon Kleinkinder fasziniert nach Smartphones in ihrer Umgebung greifen. Noch wirkt der Umgang etwas unbeholfen, das ratlose Schütteln in den Händen oder der Versuch, sich das Handy über den Mund anzueignen. Doch bis zum ersten Wischen über den Bildschirm, dem ersten gekonnten Tippen mit dem Finger dauert es oft nicht lang.

Laut einer aktuellen Studie des Branchenverbands Bitkom kommen Heranwachsende immer früher mit digitalen Endgeräten in Kontakt. Nutzten im Jahr 2014 gerade mal 20 Prozent der 6- bis 7-Jährigen ab und zu ein Smartphone, waren es im Jahr 2022 bereits 64 Prozent. Bei den 10- bis 11-Jährigen stieg der Anteil im selben Zeitraum von 57 auf 87 Prozent.

Für viele Kinder gehören Smartphone, Tablet oder Computer längst zum Alltag, nicht wenige verbringen einen erheblichen Teil ihrer Freizeit mit ihnen. Kinderärzte indes warnen vor schädlichen Auswirkungen eines zu frühen und vor allem übermäßigen Medienkonsums auf die Gesundheit der Kinder.

Smartphones können schon bei Säuglingen zu negativen Effekten führen – nämlich dann, wenn Eltern ihre Aufmerksamkeit lieber dem Gerät statt ihrem Baby widmen. Das zeige ein Experiment aus dem Jahr 2020, sagt der Kinder- und Jugendmediziner David Martin.

„Die Interaktion zwischen Mutter und Säugling wurde hierbei unterbrochen, indem die Mutter plötzlich auf ihr Smartphone schaute und nicht mehr reagierte.“ Nachdem der Säugling vergeblich versuchte, die Aufmerksamkeit der Mutter zu gewinnen, reagierte er mit Wut, Frust und Schreien. „Nach Ablegen des Smartphones war es für die Mutter schwierig, wieder in die alte Interaktion zurückzukommen“, so Martin. Würden sich solche Erfahrungen häufen, könne dies die Eltern-Kind-Beziehung langfristig stören.

Und was macht eine übermäßige Mediennutzung mit den Heranwachsenden selbst? „Bildschirmzeiten über den empfohlenen Grenzen korrelieren mit Übergewicht, Fehlsichtigkeit, Schlafproblemen, einer verzögerten Sprachentwicklung, Mathematik- und Leseschwäche und motorischen Entwicklungsstörungen“, sagt Martin. Auch Aggressionen, das Risiko später gemobbt zu werden und selbst andere zu mobben, Störungen des Sozialverhaltens und des sozialen Lernens sowie Aufmerksamkeitsstörungen könnten mit zu früher und intensiver Bildschirmmediennutzung in Zusammenhang gebracht werden.

Dass der Medienkonsum auch körperliche Folgen habe, kann Kinderarzt Martin bei seinen jungen Diabetespatienten beobachten. „Wir können bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes anhand ihres Blutzuckerprofils sehen, wann sie nachts gezockt haben. Die Psyche denkt, sie seien in Aktion und schüttet Adrenalin und Stresshormone aus, aber der Körper bewegt sich nicht“ Diese Diskrepanz sei nicht gesund.

Studien würden laut Martin zudem auf einen weiteren bedenklichen Prozess hindeuten. Demnach scheinen zu lange Bildschirmzeiten bei Kindern mit der Abnahme der grauen und weißen Hirnsubstanz einherzugehen. Die Folgen für die kognitiven Funktionen könnten erheblich sein.

Auch die Verwendung sozialer Netzwerke berge Risiken für die psychische Gesundheit der Heranwachsenden. „Es findet ein sozialer Vergleich statt, oftmals mit surrealen Personen und Lifestyles, was zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung führen kann“, sagt der Kinderarzt. Zudem seien Social-Media-Dienste große Zeitfresser, die dazu verleiten, den gesunden Schlaf, echte soziale Kontakte, körperliche Bewegung, Schularbeiten und andere Aufgaben zu vernachlässigen.

Sollten Eltern ihren Kindern das Handy also besser vorenthalten? „Grundsätzlich ist es sinnvoll, dass Kinder im Grundschulalter kein eigenes Smartphone besitzen“, sagt Christine M. Freitag. Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt geht sogar noch weiter: „Ideal wäre ein Smartphone-Verbot in der Grundschule.“

Digitale Medien seien im Grundschulalter weder zu Hause noch in der Schule notwendig, um Inhalte zu vermitteln, so die Expertin. Den reflektierten Umgang mit Medien könnten Grundschulkinder selbständig nicht leisten. „Sie merken die negativen Auswirkungen von zu viel Mediennutzung, wie etwa Gewichtszunahme, Angst, Depression oder Konzentrationsprobleme schlichtweg nicht“, sagt Freitag. Eltern, Kindergärten und Schulen sieht sie daher in der Pflicht, Kinder über die Risiken der Smartphone-Nutzung aufzuklären.

Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.

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