Osnabrück Rebecca Seidler: „Wir wollen die Geiseln zurück – tot oder lebendig“
Seit dem Angriff der Hamas auf Israel herrscht Krieg zwischen der Terrorgruppe und der israelischen Armee. Droht aus diesem lokalen Konflikt ein Flächenbrand zu werden? Darüber diskutierte unser Moderator Michael Clasen mit unseren Gästen. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten.
Neben der Gefahr eines Flächenbrandes ging es auch um die Frage, was nach einer Bodenoffensive in Gaza passieren könnte. Ihre Expertise brachten Rolf Tophoven, Journalist und Terrorismusexperte, der seit 2003 das Institut für Krisenprävention (IFTUS) in Essen leitet, und Rebecca Seidler, die Vorsitzende des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen, ein.
Die Geschehnisse vom 7. Oktober ließen sich durchaus mit 9/11 in den USA vergleichen, ordnete Rolf Tophoven das Ausmaß des Anschlags ein. „Die Dramatik liegt darin, dass der Staat Israel völlig überrascht wurde“, erklärte er. Auch für ihn sei es überraschend gewesen, mit welcher Professionalität die Hamas die Attacke durchgeführt hätten. Für Tophoven sei zudem klar, dass die Hamas mit „massivem millitärischen Know-How aus dem Libanon von der Hisbollah und weiterführend dem Iran“ unterstützt wurde.
Die Anschläge seien ein „traumatisches Erlebnis für die gesamte jüdische Gemeinschaft auf der Welt“, unterstrich Rebecca Seidler. Am 7. Oktober seien so viele Juden ermordert worden, wie seit der Shoa nicht mehr. „Dieses Massaker wird auch die jüdsiche Gemeinschaft noch einmal verändern und prägen“, betonte sie.
In dieser Frage waren sich unsere Experten einig, dass es keine zwei Meinungen geben kann. „Das sind natürlich Terroristen“, stellte Tophoven klar. „Der Judenhass ist elementar in der Charta der Hamas und in ihrer ganzen Ideologie fest verankert“, ergänzte Rebecca Seidler. Sie trete klar für die Auslöschung des jüdischen Staates Israel ein. In ihren Programmen lese man kein Wort von Friedensverhandlungen, so Tophoven. Das müsse man auch den palästinensischen Demonstranten klarmachen, die in Deutschland randalierten, meinte der Terrorismusexperte.
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Tophoven war ein zweiter Punkt in dieser Frage wichtig. „Was oft nicht gesehen wird, ist, dass die Hamas nicht für die Palästinenser spricht“, erklärte er. Deren offizielle Vertretung sei die palästinensische Autonomiebehörde, die in Ramallah sitze. Vielmehr seien auch viele Zivilisten in Gaza Geiseln der Hamas, analysierte Rebecca Seidler. Die Terroristen würden sie absichtlich nicht aus dem Norden des Gebiets ausreisen lassen, wozu Israel sie aufgefordert habe. „Sie nehmen in Kauf, dass Zivilisten zu Tode kommen“, sagte Seidler, „das finde ich wichtig zu betonen, denn die palästinische Zivilbevölkerung leidet immens unter der jetzigen Situation und das ist eine Vollkatastrophe.“
Für Rebecca Seidler hat Israel keine andere Wahl, als in Gaza einzurücken – und zwar um die gut 200 Geiseln, die dort festgehalten werden, zu befreien. „Und das, so hart es klingt, tot oder lebendig“, fügte sie hinzu. Im Judentum gebe es eine Pflicht, einen jüdischen Verstorbenen zu beerdigen. „Das heißt, wir müssen, auch um mit der Trauer abschließen zu können, diese Menschen, die schon jetzt in Gaza vielleicht gar nicht mehr am Leben sind, nach Hause bringen und sie würdevoll beerdigen“, führte Seidler aus.
Klaus Tophoven stimmte der Expertin zu, wenn auch aus anderen Gründen: „Auch um sich selbst von der Demütigung des 7. Oktober zu befreien, muss Israel eine Aktion starten“, befand er. Zudem habe Israel in der Vergangenheit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass trotz massiver Luftschläge auf Gaza, von dort immer weiter Raketen abgefeuert würden. Auch aktuell gelingt es den Terroristen noch, Israel zu beschießen. „Die Hamas ist militärisch in ihrer Infrastruktur noch intakt und kann nur durch eine Bodenoffensive militärisch entscheidend geschlagen werden“, folgerte Tophoven daraus.
Für Rebecca Seidler ist das Gefahrenpotential für einen Flächenbrand definitiv da. „Nicht ohne Grund gibt es jetzt rund um Israel, gerade durch die US-Armee, erweiterte Stützpunkte“, sagte sie. Die gesamte jüdische Gemeinschaft hoffe, dass das Geschehen nicht zu einem Flächenbrand ausufert, betonte sie. Gleichzeitig hat in Seidlers Augen Israel keine andere Wahl als jetzt die Geiseln aus Gaza zurückzuholen. „Die Konsequenzen wird Israel auch tragen müssen“, war sie sich klar. Ihre große Hoffnung sei, dass die weltweit große Solidarität bestehen bleibe, auch wenn es bei einer Bodenoffensive zu schlimmen Bildern komme. „Das wird sich nicht vermeiden lassen“, erklärte sie, „es werden sehr, sehr schwere Tage, Wochen und vielleicht Monate werden.“
Die Experten warfen auch einen Blick in die Zukunft und auf die Frage, was nach einer Bodenoffensive folgen könne. Rolf Tophoven erklärte, dass viele Israelis nach dem Krieg, mit einem innenpolitischen „großen Reinemachen“, rechneten. „Wenn Netanjahu dann nicht ganz geschickt optiert in den kommenden Wochen und Monaten, dann wird er das politisch nicht überleben“, prognostizierte er.
Zudem müsse in der Zukunft auch wieder ein Dialog zwischen Israel und den Palästinensern geführt werden, um zu einer wie auch immer gearteten Lösung des Konfliktes zu kommen, sagte der Terrorismusexperte. Das sei zweifellos extrem schwer angesichts des Anschlags der Hamas, es führe aber kein Weg daran vorbei, so Tophoven. „Denn die Palästinenser sind da und haben ihre Rechte und da muss es zu einem Ausgleich kommen.“
Rebecca Seidler stimmte dieser Aussage grundsätzlich zu, sah aber ein gewichtiges Problem: „Wer soll auf palästinensischer Seite der Ansprechpartner für Israel sein, um eine Lösung zu finden?“, fragte sie. „Ich sehe da niemanden.“ Mit Terroristen werde nicht verhandelt und momentan gäbe es nur die Hamas. „Das muss sich erst ändern und dann können wir in nachfolgende Debatten gehen“, stellte Seidler klar.